Die deutsche Mittelschicht! Was ist sie beschrieben und bestaunt worden. Keimzelle der Gesellschaft, Stabilisator der Demokratie – und doch auch ein großes Rätsel. Die Wirtschaft wächst. Die Arbeitslosigkeit ist fast besiegt. Es könnten goldene Jahre der Zuversicht sein. Trotzdem wirkt die Mitte unzufrieden. Sie verweigert bei Wahlen den Volksparteien die Zustimmung. Sie flirtet mit extremen Positionen. Sie äußert Sorge um die Zukunft des Landes.

Wie passt das zusammen? Die eine große Antwort gibt es nicht, aber viele kleine. Zum Beispiel im Leben der Familie Clauß. Wer sie über Monate begleitet, der begreift, wie sich die Unsicherheit in einem reichen Land in die Mitte fressen kann.

Die Claußens entsprechen dem Ideal der Mittelschichtsfamilie auf fast unheimliche Weise. Thomas Clauß, gerade 40 geworden, die Haare wuschelig, Hornbrille, ist Ingenieur und Betriebsratsvorsitzender eines Siemens-Werks in Leipzig. Seine Frau Catrin arbeitet in einem Labor für Lebensmittelchemie. Seit der Geburt von Gustav und Luise hat sie die Stunden reduziert.

Auf den ersten Blick geht es den Claußens blendend – wie dem ganzen Land. Sie wohnen in einem blühenden Viertel Leipzigs zur Miete im Altbau. An Weihnachten steht die Lichtermühle auf dem Tisch. Im Frühjahr fahren sie Rad, mit Helm, alle vier. Die Eltern gehen natürlich wählen. Im Herbst soll Gustav auf die Schule kommen, gemeinsam mit Freunden aus dem Kindergarten. Der Schnupperunterricht hat schon begonnen. Die Claußens sind optimistisch. Sie jammern nicht. Sie glauben an das Ideal der sozialen Marktwirtschaft: Wer sich anstrengt, kann sich Wohlstand erarbeiten.

Der erste Riss kam vor einem halben Jahr. Gustav und Luise Clauß rennen über die Brache zwischen den Altbauten, ein paar Straßen von ihrer Mietwohnung entfernt. In der Zeitung hat Thomas Clauß eine Anzeige gelesen: Die "Wohnoase" lädt zur Beratung am Baugrundstück ein. Familienfreundliche Wohnungen würden entstehen. Schon lange träumen die Claußens davon.

Die Maklerin und der schwäbelnde Bauherr sind aus Heilbronn angereist, um potenzielle Käufer zu beraten. Zielgruppe seien "klassische junge Familien", sagt die Frau und drückt den Claußens eine Hochglanzbroschüre in die Hand. Darin eine Vier-Raum-Wohnung mit Gartenanteil, dort, wo Gustav und Luise jetzt umherrennen. "Das ist das, was wir brauchen", sagt Thomas Clauß. Doch die Wohnung soll mehr als 410.000 Euro kosten.

Monatlich hat die Familie netto um die 4.000 Euro zur Verfügung, mit zwei Einkommen und Kindergeld. Die Kreditraten wären damit vielleicht zu stemmen. "Aber die Frage ist: Bringt man überhaupt das Minimum auf, damit Banken in der Lage sind, uns Darlehen zu geben?", sagt Thomas Clauß. Die Achillesferse der Familie ist – auch das ist typisch für die Mittelschicht – das fehlende Eigenkapital. 30 Prozent wären vernünftig. Bei 410.000 Euro wären das über 120.000 Euro.

Jeder dritte Arbeitnehmer kann plötzliche Ausgaben von 1.000 Euro nicht aus seinen Reserven zahlen. Die Hälfte der Deutschen hat nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ein Nettovermögen von weniger als 17.000 Euro. Seit Jahren gibt es für Normalsparer kaum Zinsen. Die Deutschen meiden den Aktienmarkt. Hinzu kommt, dass noch immer eine Vermögensmauer zwischen Ost- und Westdeutschland steht. Während im Westen in etlichen Familien Kapital aufgebaut und vererbt wird, ist bei den Claußens nach eigener Aussage "kein Erbe in Sicht".