Vergangene Woche erreichten die Ausläufer der #MeToo-Debatte das Städtchen Weiden in der Oberpfalz. Dort finden allherbstlich die Max-Reger-Tage statt, zu Ehren des Komponisten Max Reger (1873 bis 1916), der in Weiden seine Kindheit verbrachte. Zum dreiköpfigen wissenschaftlichen Beirat des Festivals gehörte bislang auch Siegfried Mauser, Pianist, Musikwissenschaftler, Hochschullehrer, und seit 16. Mai vom Landgericht München I wegen sexueller Nötigung in drei Fällen zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Es ist der zweite Prozess gegen den 63-Jährigen – und der zweite, in dem er verurteilt wird. Ein Urteil mit Signalwirkung. Weil es mit Mauser eine Figur des deutschen Kultur- und Musiklebens trifft, die unfassbar gut vernetzt war und bei Sloterdijks 70. ebenso aufspielte wie sie länderauf, länderab in Gremien, Jurys und Beiräten saß.

Der "Sigi", sagen seine Freunde, sei Opfer von #MeToo, Opfer medialer Jagdgelüste und Opfer einer Rechtsprechung, die sich der herrschenden Meinung beuge. Nun ist ein ordentliches Gerichtsurteil (19 Verhandlungstage!) etwas anderes als eine anonyme Beschuldigung im Netz. Namentlich zur Sache äußern mochte sich prompt niemand mehr. Manche wollen die schriftliche Urteilsbegründung in zehn Wochen abwarten, andere betonen ihre emotionale Befangenheit, wieder andere stellen sich tot. Zu groß die Ratlosigkeit, die Ohnmachtsgefühle, die Skrupel auch, öffentlich für einen Straftäter Partei zu ergreifen. Für einen noch dazu, der seine Machtposition als Präsident einer der einflussreichsten Musikhochschulen der Republik, der Münchner, offenbar schamlos ausgenutzt hat, um sein immer triebhaftes Mütchen zu kühlen. Einzig Mausers Ehefrau scheut sich nicht und erklärt auf ihrer Homepage, die "unheilige Allianz zwischen Medien und Justiz", die zu dem Urteil geführt habe, markiere den Anfang vom Ende "unserer" Demokratie.

Wahrscheinlich würde Siegfried Mauser sich dieser Tage ein paar Freunde wünschen, die Rabatz machten. Ungeachtet ihrer hochmögenden Positionen und aller potenziellen Folgen. Sei es, um mehr zu tun, als ihm Gnadenbrötchen zu reichen (hier ein Klavierabend, da eine akademische Veranstaltung); sei es, um für ein untergehendes System Mitverantwortung zu übernehmen, das niemals hätte existieren können, wenn da nur der eine gewesen wäre, der über die Stränge schlug, weil er in den ach so "libertinären" siebziger Jahren sozialisiert wurde. Wo waren eigentlich Mausers Freunde, als er zu Werke schritt? Wenn es mal wieder "alle" gewusst haben (wie bei Weinstein, Wedel, James Levine), was wussten sie? Und was taten sie?

Mausers Anwälte bewerten das Urteil als krass unverhältnismäßig. Dass den Klägerinnen in einem klassischen Fall von Aussage gegen Aussage vollumfänglich Glauben geschenkt würde, sei einzigartig in der deutschen Justizgeschichte. Noch im Gerichtssaal meldeten sie Revision an. Diesen Sommer aber steht zunächst die Revisionsverhandlung des ersten Mauser-Prozesses an. Vor einem Jahr hatte der "Klavier-Casanova" (SZ) ebenfalls wegen sexueller Nötigung neun Monate auf Bewährung bekommen sowie eine Geldstrafe von 25.000 Euro. Finanziell dürfte Mauser ohnehin ruiniert sein. Künstlerische Engagements hat er so gut wie keine mehr, seinen letzten Posten als Rektor des Salzburger Mozarteums räumte er im Sommer 2016, zu Beginn des ersten Verfahrens.

Der Mauser, sagen seine Feinde, habe es nicht anders verdient. So sagen sie es natürlich nicht, aber so meinen sie es, nicht zuletzt weil er während des Prozesses weder Schuldbewusstsein zeigte noch Verständnis für die geschädigten Frauen. Es ist nicht undenkbar, dass in der Affäre auch niedere Instinkte im Spiel waren, Rache, Missgunst, Neid. Und dass der Mauser Siegfried, dieses niederbayerische Mannsbild, für vieles die perfekte Zielscheibe bot. Kollektive Selbstreinigung funktioniert so.

Vor allem aber, sagen die Feinde, wollen sie das System verändern, mehr Transparenz schaffen, Willkür und Übergriffe verhindern, Abhängige schützen – ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten und jede Intimität aus dem künstlerischen Unterricht zu verbannen, was absurd wäre. Eine interne Umfrage an der Münchner Musikhochschule lässt den Grad der Verkommenheit erahnen. Die Vorfälle reichen von "anzüglichen Bemerkungen" über Grapschereien bis hin zu sexuellen Handlungen, die Zahlen sind erschreckend. Und über der Münchner Arcisstraße zieht bereits der nächste Großskandal herauf, in Gestalt des Komponisten Hans-Jürgen von Bose, der sich seine Studierenden mit Pornos und Drogen gefügig gemacht haben soll.

In Weiden haben sie Siegfried Mauser einen Tag nach dem Urteil aus dem Reger-Beirat ausgeschlossen. Ein einstimmiges Votum gab es nicht, am Ende sprach der Oberbürgermeister ein Machtwort. Niemand würde Mausers Verdienste bestreiten, hieß es schriftlich, im Übrigen sei der Beirat weiter handlungsfähig.

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