Um lange unbeweglich stehen zu können, braucht man ein ruhiges Naturell und muss seinen Körper gut kontrollieren. Sportlichkeit ist nie verkehrt. Ich trainiere viel, mache Yoga, achte auf meine Ernährung und habe eine Pantomime-Ausbildung an der "Etage" gemacht, einer Schule für darstellende Künste in Berlin. Bei der Körperspannung muss man die Balance finden: Ist sie zu stark, zittert man irgendwann oder bekommt Krämpfe. Ist sie zu schwach oder lässt man die Gedanken abschweifen, wirkt die Figur schlaff und ist sofort als echter Mensch erkennbar. Manchmal erreiche ich einen fast meditativen Zustand – dann kann ich sogar einen Juckreiz ausblenden.

In den besten Momenten rätseln die Leute, ob nun eine Puppe, eine Statue oder ein Mensch vor ihnen steht. Und man kann sie herrlich erschrecken. Einmal war ich als Kleiderpuppe in einem Jeansladen gebucht, als eine Gruppe Halbwüchsiger hereinkam. Einer von ihnen ergriff meine ausgestreckte Hand, und ich erwiderte den Händedruck. Der Junge machte einen Satz rückwärts. Ich blieb reglos.

Es ist wichtig, in der Rolle zu bleiben und sich mechanisch, "roboterhaft" zu bewegen, selbst in heiklen Momenten. Ich kann mich auch in meiner Rolle wehren und Leute bis zu einem gewissen Grad auf Abstand halten – es gibt immer mal Verrückte, Halbstarke oder Betrunkene, die einen vom Podest stoßen wollen. Notfalls gehe ich aber auch aus meiner Rolle raus und ziehe mich zurück. Beklaut oder hart körperlich angegangen hat man mich nie. Ich weiß aber von einem Kollegen, auf dem mal jemand eine Zigarette ausgedrückt hat.

Straßenkunst ist in den vergangenen Jahren undankbarer geworden. Auf vielen öffentlichen Plätzen ist sie mittlerweile verboten oder kostenpflichtig. Die Konkurrenz ist gewachsen, und viele Leute gucken nur, schmeißen aber keinen Cent in den Hut. Wenn man dann noch Pech mit dem Wetter hat, geht man an schlechten Tagen mit zehn Euro nach Hause.

Ich bin deshalb froh, dass ich fast nur noch für Galaveranstaltungen und Festivals gebucht werde. Solche Auftritte sind viel angenehmer – für das Selbstbewusstsein und nicht zuletzt finanziell. In meiner Zeit auf dem Ku’damm in Berlin habe ich am Tag durchschnittlich zwischen 50 und 80 Euro eingenommen. Als Steinfigur bei einer Gala verdiene ich manchmal das Zehnfache.

Wenn Sie in unserer neuen Rubrik berichten möchten, "Wie es wirklich ist", melden Sie sich bei uns: wirklich@zeit.de