In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Jens Jessen, warum ihm der Gardasee besser gefällt als der Bodensee. Vorige Woche: Lissabon oder Porto? Nächste Woche: Rügen oder Sylt?

Es gibt diesen sagenhaften Moment kurz hinter der bayerischen Ortschaft Weißensberg, wenn die Bundesstraße 12 einen Linksschwung abwärts durch die Bewaldung macht und sich plötzlich wie eine Offenbarung fast der gesamte See zeigt. Linker Hand erhebt sich erst das vorarlbergische Österreich, in der Tiefe des Horizonts wachen die Liechtensteiner Alpen, westwärts fließt der Schweizer Voralpenrücken in die Zwei- bis Dreitausender des Appenzeller Landes hinein, unten, wie hingetropft, liegt die Insel Lindau. In diesem nahezu mystischen Moment gehen alle Naturgewalten zugleich in einem Bild auf: die Wucht des Bergmassivs, die Jenseitigkeit seiner Schneefelder, die Majestät des Waldes, die Kraft des Wassers und, je nach Tages- und Jahreszeit, die Heiterkeit oder Schwermut des Lichts, so als verfügte die Natur über einen Masterabschluss in Romantik, dass einem vor Ergriffenheit schaudert.

So eine Ouvertüre lässt nur der Bodensee zu.

© ZEIT-Grafik

Am ostwärtigen Ufer führen dann Straße, Radweg und Schienen parallel von Deutschland nach Österreich, die gewöhnliche Grenzgebiets-Tristesse fällt nicht weiter ins Gewicht, der Polizeiposten ist ohnehin verwaist, und auf einmal ist man geradezu unbemerkt in einem neuen Land. Das sonst so glückliche Austria hat vom See nur ein paar Kilometer, die aber werden auf österreichischste Art genutzt: Makel gleicht man mit Musik aus. In Bregenz, wo Wege "Heldendankstraße" heißen dürfen, verdichtet sich die ganze Opernhaftigkeit des Bodensees. Die 1946 in ihn hineingesetzte Freilichtbühne macht den See zum Chefstatisten aller Festspielaufführungen von La Bohème, Tosca, Aida, Turandot bis heuer Carmen; gerne schippern die Sänger per Barke herein (und fallen, allerdings höchst selten, ins Wasser).

Aus der Bregenzer Bucht ablegende Dampfer vermitteln auch im Jahr 2018 das Gefühl Habsburg-monarchischer Selbstverklärung, dann aber öffnet sich der See im Weitwinkel und wird zum "Schwäbischen Meer", wie man ihn in heiterem Größenwahn nennt, als käme tatsächlich irgendwann ein neuer Kontinent.

Dreiländerregionen sind grundsätzlich reizvoll, weil sie Kulturräume verbinden und Grenzen transzendieren. Um den Bodensee herum fließen zahlreiche Dialekte und Mentalitäten ineinander, an und bei seinen Gestaden leben vier Millionen Menschen. Bei allem Respekt vor den österreichischen und helvetischen Seegenossen aber muss gesagt sein: Der vorzüglichste Teil ist und bleibt die rund 100 Kilometer lange Uferstraße durch die drei süddeutschen Reservate Bayern, Württemberg und Baden. Wer den See hier nicht lieben lernt, hat kein Herz, keine Demut und kein Talent für Geselligkeit. Und keinen Sinn für Kolbenenten, Blesshühner, Lachmöwen, Grünfinken, Haubentaucher und mindestens 34 Fischarten.

Oder er ist Preuße.

Dann touchiert die B 31 das legendäre Meersburg. Linker Hand durchs Tor abwärts liegt die fürstbischöflich geadelte, überaus altstädtische Altstadt, und nur ein Ignorant, Banause oder Leugner mit Vorsatz ließe diese Verkörperung von 1.300 Jahren Deutschland links liegen. Selbst eine melancholische Westfälin erlag den Reizen der Bodensee-badischen Romantik: Annette von Droste-Hülshoff, Nachtlyrikerin, Weltliteratin. Sie litt und lebte auf Schloss Meersburg und dichtete in einem seiner Türme Ewiggültiges: "An des Balkones Gitter lehnte ich / und wartete, du mildes Licht, auf dich." Gemeint ist der Mond, besungen vier Jahre bevor weiter westlich die kampfbereiten März-Revolutionäre durch die Rapsfelder des Großherzogtums Baden stapften, für Freiheit fochten und im Mai 1848 mit der 51-jährigen Adligen Droste in gewisser Weise auch die alte Ordnung verschied.

Die Burg ist in die Spätmoderne gerettetes Mittelalter, Dielengeknarze wie unterm Merowingerkönig Dagobert; Ritterstolz und Minnesang sind spielend leicht heraufzubeschwören. Die Fachwerkbauten des 15. bis 17. Jahrhunderts am Fuß der Burg kultivieren die adrett polierte Patina des alten Dichter-und-Denker-Deutschlands, und die lachs-, terrakotta-, lavendel- oder ockerfarben gestrichenen Bürgerhäuser an der Promenade intonieren eine Lieblichkeit, die diesem See ebenso eignet wie mysteriöse Unergründlichkeit. Hier scheint ausgeschlossen, dass es so etwas wie Krieg und Elend je geben könnte, auch wenn der Wels am Seegrund Raubzüge veranstaltet und gefährliche Strömungen Segler wie Surfer auf Abwege bringen können, manch einer ist bis heute verschollen.