Wenn sich deutschsprachige Akademiker in der Öffentlichkeit zu Wort melden, ist Twitter selten das Medium ihrer Wahl. Das überrascht nicht. Professoren und Intellektuelle sind es gewohnt, ihre Thesen ausführlich zu begründen. In 280 Zeichen lässt sich jedoch kaum ein komplexer Gedankengang wiedergeben; dem weitschweifenden Geist verursacht Twitter geradezu klaustrophobische Zustände. Twitter gilt vielen daher als Medium der Verflachung, als Trollhöhle und Fake-News-Fabrik. Twitter, das ist Trump.

Doch auch wenn deutschsprachige Akademiker eine Minderheit in den sozialen Medien bilden, nutzen einige von ihnen Twitter aktiv, regelmäßig und auf eigensinnige Weise. Begibt man sich in die Tiefen des Twitter-Kosmos, wird man staunen, wie intensiv dort über wissenschaftliche, politische, soziale, kulturelle und religiöse Themen diskutiert wird: "In meinem Feed wird dieser Tage wieder gefichtet und gehegelt, gemarxt und auch heigedeggert, foucaultisiert und verbutlert, de- und rekonstruiert, wieder- und gegengelesen (und dies von fern bis ganz nah) und dazu Slayer oder Tocotronic gehört, dass es eine wahre Freude ist!", twitterte der Schweizer Historiker Erich Keller (@erich_keller_) kürzlich. Je länger man sich dem Gewoge und Geschiebe von Tweets, Retweets, Feeds und Threads widmet, desto deutlicher kristallisieren sich unter den zwitschernden Akademikern Typen heraus. Im Folgenden seien ein paar davon etwas genauer betrachtet.

Weil soziale Medien über keine Gatekeeper verfügen, haben sich im Twitter-Pluriversum milizartige Instanzen der Diskursregulierung, ja regelrechte Ordnungshüter herausgebildet. Eine solche Instanz ist Remo Grolimund von der ETH Zürich (@grawzone). Er führt eine scharfe, an Jürgen Habermas’ Kommunikationstheorie gewetzte Klinge gegen alle aus seiner Sicht linkenfeindlichen pseudowissenschaftlichen oder sonst wie ruchlosen Stimmen. Manchen ist das zu viel, sie nennen ihn einen Eiferer, blocken ihn. Der Historiker Thomas Schmid indes verlieh ihm das Prädikat "Qualitätstroll".

Warum Grolimund die nervenzehrende Mühsal der permanenten Twitter-Revolution auf sich nimmt? Intellektuelle, schrieb er in einem hellsichtigen Zeitungsbeitrag, hätten "gelernt, Eindeutigkeiten zu hinterfragen, methodisch korrekt zu differenzieren. Dabei sind sie zu miserablen Catchern geworden. Sie haben verlernt, dem Publikum emotionale, symbolische Anknüpfungspunkte zu bieten." Auf Twitter ist das eher möglich als in akademischen Bleiwüsten – zumal Grolimund seine Interventionen durch Punkrock- und Metal-Clips auflockert. Mehr noch: Über den AfD-Politiker Marc Jongen schuf er 2017 die bizarre Twitter-Comic-Saga #ThymosBoy, eine Art Fortsetzungsroman aus Bild-und-Text-Collagen, in der sich auch Peter Sloterdijk per Astralreise aus dem Ohrensessel zu Wort meldet.

Immer wieder liefert sich Grolimund hitzige Gefechte mit Daniel-Pascal Zorn (@fionnindy), Co-Autor des umstrittenen Buches Mit Rechten reden. Und stets geht es um das Höchste und Dringlichste – um vorhegelianische Dialektikbegriffe, Troglodyten, irrsinniges Kichern sowie darum, Grolimund an Zorn, dass "ich Ihnen ihr retrospektives Konstrukt von der in einer Experimentalordnung gespielten Rolle des ›promovierten Argumentationslogikers‹ schlicht nicht abnehme. [...] Wie wärs, wenn Sie mal nen Moment die Finger von solcher Philosophie lassen und sich Hilfe holen?" Der Philosoph poltert zurück: "Lesen Sie Wissenschaftler, bevor Sie sie mit solchen Ratschlägen belästigen."

Zorn nutzt Twitter wie Sokrates und Diogenes den Athener Marktplatz: Er liebt den Disput und pariert auch giftige Ad-Hominem-Attacken. Seinen Angreifern schleudert er bevorzugt die Speere der Logik entgegen: "Sie verlassen sich auf die Autorität von Argumentationen formulierenden Wissenschaftlern, um gegen die Prinzipien dieser Argumentationen zu argumentieren. Das ad verecundiam ist also sogar doppelt problematisch." Zwar eifern die akademischen Ordnungshüter oft aneinander vorbei, reiht sich Missverständnis an Missverständnis, mündet Kommunikation in Resignation. Doch geht es auf Familienfesten oder Tagungen anders zu?

Für eine abgeklärte Gelassenheit im Umgang mit digitalen Medien plädiert daher die Schriftstellerin Kathrin Passig, ein Urgestein auf Twitter (@kathrinpassig). Ihre Tweets umfassen Medien- und Technologietheorie, Politisches und Literarisches, Absurdes und Analytisches, etwa wenn sie fragt: "Hat eigentlich schon jemand über die Wiederkehr der Antimasturbationsrhetorik im Gewand der Internetkritik geschrieben? Oder muss ich wieder selber HAND ANLEGEN?" Nicht zuletzt betätigt sich Passig als Übersetzerin zwischen digitalem und analogem Raum – was die Rede vom radikalen Medienwandel fragwürdig erscheinen lässt. Für die Zürcher Hochschule der Künste twitterte sie als "Observer in Residence" und kürzlich als Referentin beim Berliner Kolloquium "Internet und Seelische Gesundheit". Meist nimmt sie dabei die Position des "embedded critic" ein und schreckt vor scharfzüngigen Bemerkungen nicht zurück: "Dann wurde es aber doch sehr esoterisch, und eine der Referentinnen musste weinen. Oder vielleicht war es auch ein Orgasmus."

Tweets können viel mehr sein als eine Abfolge von Kurzmitteilungen

Weniger literarisch als Passig und weniger streitlustig als Zorn oder Grolimund, ihrer ebenfalls ordnungsstiftenden Rolle aber durchaus bewusst sind Twitterer, die in all den von Hass und Verleumdung geprägten Debatten über Rechte und Rechtsextreme, über #MeToo und Homo-Ehe, über Kreuze und Burkas einen kühlen Kopf bewahren. Sie könnte man als Moderatoren bezeichnen, und unter ihnen sind auffallend oft Soziologen, aber auch Politikwissenschaftler und Juristen. Wie erfrischend lesen sich etwa Tweets des Soziologen Stephan G. Humer (@netsociology), in denen er Kulturpessimisten und Säkularismusgegner auseinandernimmt oder aus einer Datenschutz-Debatte allein mit einem passenden Emoji viel heiße Luft herausnimmt. Zum Teil bilanziert er jedoch auch gallig: "Typischer Morgen im digitalen Deutschland: Angst vor #KI, Angst vor #Internetsucht, Angst vor #Facebook, #Google und natürlich #Twitter ... hieß es nicht mal, #GermanAngst sei Geschichte? Analoge Geschichte vielleicht ..."

Der Soziologe Armin Nassehi (@ArminNassehi) hat seine Follower sicher durch die Hochphase der Flüchtlingskrise geführt und schneller als viele andere einen Weg zwischen den Extremen von überschwänglicher Willkommenskultur und sturer Xenophobie gefunden. Und wenn der Verfassungsrechtler Christoph Möllers (@ChristophMllers) seine Expertise in Tweets zur Geltung bringt, darf man durchatmen. Als etwa Robin Alexander von der Welt zur Zeit der Regierungsbildung mäkelte, dass Peter Altmaier, obwohl nur geschäftsführend Finanzminister, höhere Beiträge Deutschlands zum EU-Budget anbiete, genügte Möllers ein einziger Tweet, um klarzustellen, dass es verfassungsrechtlich keinen Unterschied zwischen Bundesregierung und geschäftsführender Bundesregierung gebe. Im Übrigen sei es eine rein politische Angelegenheit, dass "die einen Anmaßung, die anderen Untätigkeit" beklagten.

Manche Moderatoren haben zugleich eine Mission; sie sehen ihre Aufgabe als Intellektuelle nicht darin erschöpft, mäßigend und klärend zu wirken, sondern nutzen Twitter dazu, für bestimmte Themen oder Theorien zu werben. Sie sind als Vermittler tätig. So setzt sich die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot (@ulrikeguerot) für die Idee einer stärkeren Europäischen Union ein und teilt mit ihren Followern viel Hintergrundwissen. An Accounts wie ihrem wird deutlich, dass Tweets viel mehr sein können als eine Abfolge von Kurzmitteilungen. Vielmehr ergeben sie in der Summe ein vielschichtiges, sich immer neu konturierendes Bild eines Themenfelds, und wer etlichen Accounts von Vermittlern folgt, fühlt sich mindestens so gut informiert wie bisher nur Abonnenten einer großen Zeitung, die deren Leitartikler auch genau zu unterscheiden und individuell zu schätzen wussten.

Die Historikerin Hedwig Richter (@RichterHedwig) vermittelt via Twitter ihre Forschungen zur Demokratiegeschichte, vor allem zur Geschichte des (Frauen-)Wahlrechts, während der Soziologe Dirk Baecker (@ImTunnel) Niklas Luhmanns Theoreme immer neu aufruft und variiert. Oliver Nachtwey (@onachtwey), ebenfalls Soziologe, ist nicht nur ein Beobachter von sozialer Ungleichheit und Prekarisierung, sondern versteht Twittern als Chance, seine Thesen auch außerhalb der akademischen Welt zum Zünden zu bringen. Tatsächlich dürfte Twitter der Ort sein, an dem sich Protagonisten aus Wissenschaft, Politik und Journalismus direkter und persönlicher treffen als irgendwo sonst. Hier lässt sich daher auch exemplarisch beobachten, wie sich Wissenschaftler in public intellectuals verwandeln.

Blickt man über den deutschsprachigen Raum hinaus, gibt es dafür noch eindrucksvollere Beispiele. So erlangten die (schon älteren) Erkenntnisse des amerikanischen Linguisten George Lakoff (@GeorgeLakoff) nie so viel Aufmerksamkeit wie jetzt, da er Twitter dazu nutzt, sie im politischen Kampf gegen Donald Trump fruchtbar zu machen. Lakoff zeigt auf, wie Trump oft das Framing eines Themas gelingt, er also einen für ihn vorteilhaften Rahmen setzt, innerhalb dessen alle weiteren Debatten ablaufen. Auch wer gegen Trump argumentiert, tut das dann innerhalb desselben Rahmens. Lakoff erteilt via Twitter regelrecht Gebrauchsanweisungen, wie sich die Wirkung von Trumps Tweets eindämmen lässt. Seinen weit mehr als 50.000 Followern macht er bewusst, dass bloße Negation zu wenig ist und dass jede Wiederholung einer Botschaft diese stärkt, egal wie strikt man sich von ihr distanziert.

Um beim Twittern Wirkung zu erlangen, reichen kluge Gedanken und ein eleganter, geistreicher Stil nicht aus. Vielmehr bedarf es weiterer Qualifikationen. Vor Kurzem hat sie der Medienwissenschaftler Johannes Paßmann (@J_Passmann, @geruchtekellner) in einer "Twitter-Ethnografie", einer beeindruckend originellen Dissertation der Universität Siegen mit dem Titel Die soziale Logik des Likes, in das Zentrum der Analyse gestellt. Dabei wird deutlich, wie wichtig es für den Twitter-Erfolg ist, wem man selbst folgt und wessen Tweets man retweetet oder kommentiert. In den sozialen Medien geht es tatsächlich wesentlich um social skills, und nur wer ein dichtes Netzwerk an Followern aufgebaut hat, die sich bestenfalls in der Pflicht fühlen, als Multiplikatoren zu fungieren, darf damit rechnen, dass ein guter Tweet auch Resonanz findet: "Die Bedingungen dafür zu schaffen, dass die eigenen Tweets auch tatsächlich in Zirkulation geraten, gehört zu den Haupttätigkeiten des Twitterns. Man schießt nicht nur ständig Tweets in den Strom, sondern sorgt mit vergebenen Likes, Retweets etc. auch ständig dafür, dass man an ein System vom Strömen angeschlossen ist."

Was spräche also dagegen, bei Berufungsverfahren künftig nicht nur darauf zu achten, was und wo jemand publiziert und wie viele Drittmittel er oder sie bereits eingeworben hat, sondern ebenso Aktivitäten in den sozialen Medien zu würdigen? Und hat, wer sich bei Twitter als Vermittler hervortut, nicht zudem eine spezifische Art der Lehrerfahrung gesammelt? Gerade schon länger betriebene Accounts können zudem von einer intellektuellen Entwicklung zeugen. Tausend Tweets sagen oft mehr als ein größerer Text, zumal wenn dieser infolge der Publikationsmühlen erst zeitverzögert erscheint. Ein Account verrät also, wie jemand auf bestimmte Ereignisse reagiert, an welchen Themen wirklich Herzblut klebt und wie sich eine politische Einstellung oder theoretische Neigung, nicht zuletzt durch den Austausch mit anderen Twitterern, nach und nach verändert. Twitter ist auch ein Ort für Bildungsreisende.

Wenn 280-Zeichen-Threads nicht genügen

Dass es dabei, selbst wenn noch so viele Trolls, Fanatiker und Wutbürger die Kanäle füllen mögen, nicht nur zu Ideologisierungen kommt, zeigt die Twitter-Bildungsreise des Mannheimer Studenten und Journalisten Oliver Weber (@OliverBWeber). Liebäugelte der Hölderlin-Fan anfänglich mit dem Rechtspopulismus, so lässt sich nun nachverfolgen, wie er seine Deutsche-Klassiker-Lektüre um den französischen Poststrukturalismus erweitert hat und sich als liberalkonservativer Kritiker der AfD, der Symbolpolitik Alexander Dobrindts sowie der Identitären Bewegung positioniert. Ausgerechnet Sympathisanten Letzterer verspotten sein abendländisches Bildungsethos: "Das Bürschchen", wetterte der Identitären-Ideologe Martin Lichtmesz, "soll uns lieber mit Pics von seinen Hölderlin-Buchrücken zumüllen, damit wir nicht mehr an seiner Bildung zweifeln!"

Unbeeindruckt von derlei Invektiven twittert Weber Zitate von Hölderlin oder Stefan Zweig, bemüht sich um sachliche Diskussionen mit Gegnern und feilt an eigenen Sinnsprüchen. Auf seiner Grand Tour des Mikrobloggings erprobt er die Übersetzung humanistischer Gelehrsamkeit in diskrete Kaskaden von ein paar Hundert Zeichen. "Bildungsmaschine Twitter" nennt das die Stuttgarter Kunsthistorikerin Christina Dongowski (@TiniDo), die ihre Follower in sagenhaften 183.000 Tweets unter anderem mit Thesen zu Johann Joachim Winckelmanns "queer idealism" bei Laune hält. Erweiterte der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz (@NorbertBolz) seine Gefolgschaft mit immer radikaleren Twitter-Sentenzen um Pegida-Anhänger und Reichsbürger, verhält es sich bei Weber genau umgekehrt.

Das Medium zwängt den Diskurs also keineswegs in starre Bahnen. Vielmehr entstehen neue, offene Räume und Unwahrscheinlichkeitsgebilde. Der Account @Daily_Hegel beispielsweise sondert verlässlich Hegel-Weisheiten und Hegel-Bilderrätsel ab – der Weltgeist in 280 Zeichen. Nicht gerade das, was man spontan mit Twitter in Verbindung bringen würde. Aber wie schon Hegel in seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse zwitscherte: "Wer etwas Großes will, der muß sich, wie Goethe sagt, zu beschränken wissen." Twitter bietet dafür fraglos die besten Voraussetzungen. Goethe hat übrigens auch einen Account. Sein angehefteter Tweet lautet: "Den lieb’ ich, der Unmögliches begehrt." Warum also nicht den kultivierten Twitter-Diskurs begehren? Wenn 280-Zeichen-Threads dafür nicht genügen, setzt man die Kommunikation eben auf Blogs, Facebook, YouTube – oder gar von Angesicht zu Angesicht fort.