Schlechte Bezahlung, geringe Aussichten auf eine Professur – warum es dennoch so vielen jungen Wissenschaftlern schwerfällt, nach dem Doktor die Uni zu verlassen

Kurz bevor sie 2013 ihre Doktorarbeit in Cambridge einreicht, lernt Marta die Frau im Buchladen kennen. Klug und belesen ist sie. Und: frustriert, mürrisch, unglücklich. Sie führt das Leben, vor dem sich Marta fürchtet. Denn die Frau, die in einer Buchhandlung auf dem Campus Bücherstapel sortiert, ist eigentlich Wissenschaftlerin. 42 Jahre alt, Doktortitel, Erfahrung in Forschung und Lehre. Seit Jahren schon verdient sie hier ihr Geld, weil sie an der Uni keine Stelle findet. "Hoffentlich geht es mir mal anders", denkt Marta damals. Hoffentlich wird es ihr glücken: Professorin werden. Wissenschaft zum Beruf zu machen.

Martas Werdegang: Bachelor in Romanistik und Slawistik, Master in Europäischer Literatur. Noch ein Master in Kulturmanagement an der Sciences Po in Paris. Dann der Doktor. Zwei Jahre Frankreich, fünf Jahre England, zwei Jahre in Moskau, eine Top-Vita. Gerade sitzt sie in Oxford, morgen fliegt sie nach Italien, anschließend auf eine Konferenz nach Finnland. Akademiker-Jetset, der aufregend klingt. Nach Karriere, nach Zukunft.

Marta aber fühlt sich wie eine Hochstaplerin, die vor allem sich selbst etwas vormacht. Inzwischen ist sie 35, verdient kaum Geld, ihr letztes Stipendium liegt länger zurück. Seit zwei Jahren lebt sie wieder bei ihren Eltern in Italien, in der Nähe Venedigs. "Ich bin gescheitert", sagt sie und bittet, ihren Nachnamen nicht zu nennen. "Meine Karriere in der Wissenschaft hat nie begonnen." Wie aber konnte das geschehen, dass sie so zielstrebig an ihrem Ziel vorbeigeschlittert ist?

Der Weg nach oben ist an der Universität schmal und steinig. Das ahnen Nachwuchswissenschaftler oft schon während ihres Masters. Amtlich wird es ihnen regelmäßig bescheinigt, wenn alle vier Jahre der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs erscheint. Aus dem akademischen Flaschenhals sei ein Nadelöhr geworden, schreiben die Zeitungen dann.

Denn die Zahl der Wissenschaftler, die an der Uni lehren und forschen, ist in 15 Jahren dreieinhalbmal so stark angewachsen wie die Zahl der Professorenstellen. Mehr als 90 Prozent der wissenschaftlichen Verträge an den Unis sind befristet, viele arbeiten Vollzeit auf Teilzeitstellen. Neun von zehn Nachwuchswissenschaftlern wollen Kinder, aber bei der Hälfte wird es nichts mit der Familie. Vor allem Frauen bleiben häufig kinder- und sogar partnerlos. Das akademische Nomadenleben zermürbt die Liebe, auch das eigene Sicherheitsgefühl und die Zuversicht. Probleme, die vor allem bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern verbreitet sind – obwohl der Arbeitsmarkt außerhalb der Hochschulen auch ihnen gute Chancen bietet. Trotzdem halten viele an der akademischen Karriere fest.

Im Rückblick fragt sich Marta, warum sie all diese Hürden erst jetzt so klar sieht: "Habe ich das verdrängt? War ich naiv? Warum bleibe ich eigentlich all die Jahre einem System treu, das mir so wenig bietet?"

Problem 1: Ich bin, was ich forsche

Dieta Kuchenbrandt ist promovierte Psychologin und verdient mit solchen Widersprüchen ihr Geld. Sie fährt bundesweit an Unis, hält Seminare, berät im Einzelgespräch vor Ort oder per Skype. Zwei Gruppen von Klienten kommen zu ihr: die, die bleiben wollen, aber auf bessere Arbeitsbedingungen hoffen. Und jene, die endlich rauswollen aus der Wissenschaft.

Die größte Hürde, sagt Kuchenbrandt, sei eigentlich ein Privileg: Wissenschaftler lieben ihren Job. Sie sind ihre eigenen Chefs, denn sie entscheiden selbst, mit welchem Thema sie sich beschäftigen, wann, wo und mit wem sie arbeiten. Auf den Publikationen steht ihr eigener Name, und wer es richtig anstellt, erlangt Aufmerksamkeit in der ganzen Fach-Community. "Früh stellt sich deshalb das Gefühl ein: Ich bin, was ich forsche", sagt sie.