Vergessen wir den Brexit, wenden wir uns stattdessen unserem Lieblingsland Italien zu, das alles von der Renaissance bis zur sprezzatura erfunden hat – jener mühelosen, lässigen Eleganz, die das angelsächsische cool voll deklassiert. Den Brexit wird die EU verkraften. Denn gegen den einen halten die 27 das Heft in der Hand, zumal Mrs. May eher planlos manövriert. Außerdem kann das Nichtmitglied England dem Euro nichts anhaben. Bei Rom verhält es sich umgekehrt: Italien bleibt im Euro wie in der Union und kann deshalb umso besser an den Säulen rütteln.

Für derlei "Dekonstruktion" ist die neue Regierung der Links- und Rechtspopulisten – Fünf Sterne und Lega – bestens aufgestellt. Ihr Programm bescheinigt dem EU-Binnenmarkt schon mal, das "nationale Interesse zu beeinträchtigen" – also gehöre die Macht zurück nach Rom. Weg mit den versklavenden Haushaltsregeln, rauf mit den Sozialausgaben, runter mit den Steuern und dem Rentenalter. Solche Renationalisierung der italienischen Wirtschaft würde 126 Milliarden Euro kosten und die Staatsschuld hochtreiben, die heute schon als Anteil am BIP mehr als doppelt so hoch ist, wie es der Euro-Stabilitätspakt erlaubt.

Praktisch wächst die Wirtschaft seit einem Jahrzehnt nicht mehr, derweil sich andere "Club Med"-Länder – Spanien, Portugal, zuletzt Frankreich – aufgerappelt haben, um mit schmerzhaften Reformen die Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Das Programm der Rechtslinken – Schulden statt Schuften, Selbstsucht statt Selbstzucht – ist gefährlicher als der Brexit, weil die Attacke gegen die "immer engere Union" aus dem Herzen der EU kommt – und dann von einem der sechs Gründungsmitglieder.

Den Preis des Koalitionsprogramms konnte jedes Erstsemester der Ökonomie voraussehen: Die Zinsen für italienische Staatsanleihen steigen bereits und ziehen jene von Spanien und Portugal nach, was deren Erholung gefährdet. Die Rating-Agenturen warnen Rom vor der Herabstufung der Bonität, die den Schuldendienst abermals verteuern würde. Klingt wie Griechenland seit 2008. Leider ist Italien zu groß, um ignoriert oder kujoniert zu werden.

Folglich darf man spekulieren, dass EZB-Chef Mario Draghi abermals die Feuerwehr spielen wird. "Whatever it takes", um den Euro zu retten, proklamierte er 2012 und überschüttete die Euro-Zone mit Billionen an Liquidität. Er wird wohl auch diesmal nicht den Geizhals geben, sondern mit massiven zinsendrückenden Ankäufen italienischer Anleihen den Brand eindämmen. Ein Bonus für die neue Regierung in Rom käme hinzu, nämlich weiterhin billiges Geld für die sieche Konjunktur des Landes.

Nun ein Blick nach innen. Die Mehrheit der Populisten ist wackelig, zumal im Senat. Folglich könnten ihre wahnwitzigsten Projekte in der Legislative scheitern. Und wenn nicht dort, dann im Quirinal, wo der Präsident logiert. Sergio Mattarella ist keine Handpuppe der Populisten. Überdies hat er die Macht, Neuwahlen auszuschreiben und Gesetze wenigstens einmal zu kippen.

Bismarck soll gesagt haben: "Gott schützt Idioten, Kinder, Säufer und die USA." Fügen wir das ewige Italien hinzu – und verlassen uns erst einmal auf die beiden Sterblichen Draghi und Mattarella. Der liebe Gott bleibt in der Reserve.