Hätten Sie's gewusst? In Weil der Stadt kam der Astronom Johannes Kepler auf die Welt. © Monja Gentschow für DIE ZEIT

Nein, Sie sind nicht am Ende der Welt, wenn die S6 aus Stuttgart zum letzten Mal hält. In Weil der Stadt öffnet sich ein Kosmos; und er fängt gleich am Bahnhof an.

Die Treppen vom Gleis runter und auf der anderen Seite wieder hoch, und Sie stehen auf dem Mars. Ein ziemlich kleiner Planet, nicht größer als ein Pfennigabsatz. Deshalb ist man sehr schnell wieder auf der Erde – zumindest wenn es nach den Schautafeln zum Weil der Städter Planetenweg geht. Auf einer Karte ist der Mars da markiert, wo Sie jetzt stehen. Daneben eine Erklärung zum Weg an sich: Er soll Ihnen helfen, sich die Relationen im Weltall vorzustellen. Ausgangspunkt ist die Sonne an der Spitze der Stadtkirche. Sie ist so groß wie das Zifferblatt der Turmuhr. So kann man in Weil der Stadt und um die Stadt herum das ganze Sonnensystem abschreiten. Wobei ein normales Wandertempo etwa der doppelten Lichtgeschwindigkeit entspricht. Heißt: Mit einem Schritt schafft man es von der Erde auf den Mond.

Dass diese schwäbische Kleinstadt sich kosmisch ausrichtet, hat seinen Grund: Der Astronom Johannes Kepler kam hier auf die Welt. Unübersehbar thront er auf dem Marktplatz in der Pose des himmelwärts blickenden Denkers. In der Hand hält er eine Schriftrolle mit der Zeichnung einer Ellipse. Schließlich hat er entdeckt, dass sich die Planeten nicht auf Kreis-, sondern auf elliptischen Bahnen bewegen.

Aber noch sind Sie ja auf dem Mars. Ein unwirtlicher Planet. Auch in seinem Orbit kaum Sehenswürdiges. Achtziger-Jahre-Architektur, gestutzte Rasenvorgärten mit "Willkommen"-Schildern. Vor den älteren Häusern mit ihren Spitzgiebeln stehen Apfelbäume und Jägerzäune. Gekehrte Bürgersteige. Das ist wichtig im Ländle. Aber da, ein paar Löwenzahnstängel haben sich durch den Zaun gekämpft. O wei.

Ein Stück weiter, vor der Stadtmauer, ist wieder alles in Ordnung. Kieselsteinblumenkübel, Stiefmütterchen in Violett und Orange.

Weil der Stadt hat einen seltsamen Namen, der aber erklärbar ist: Vor 1.500 Jahren soll eine Siedlung auf einem römischen Landsitz (villa rustica) entstanden sein. Daraus wurde Wila, Wile, dann Weil. Und um zu zeigen: Wir sind Stadt, nicht Dorf (wie etwa das nahe Weil im Dorf), hängte man noch die "Stadt" hinten dran. Aus der Stadtrepublik "zu Weil, der Stadt" wurde "Weil der Stadt".

Viele große Straßen gibt es bis heute nicht. Und weil auch die Gassen klein sind, heißen sie "Gässle". Das Weingässle zum Beispiel, gerade mal 50 Meter lang. Die mundartliche Verkleinerung ist in der Stadt beliebt, vielleicht als tröstlicher Gegensatz zur Weite des Universums. So auch im Hallöle, einem ortsüblichen Gruß. Bester Ort zum Üben: ein modriger Fußgängertunnel, der von einer Umgehungsstraße an der Stadtmauer in eine Wohnsiedlung führt. Kinder gehen da gern durch, um sich zu gruseln. Weil in dem Rinnsal Ratten unterwegs sind und es hallt, wenn man Hallo ruft. Oder Hallöle.

Der Stadtkern dafür: Kopfsteinpflaster-Idylle, fast autofrei. Die mittelalterliche Stadtmauer ist noch gut erhalten. Wenn man sich vorher anmeldet, kommt jemand mit einem Turmschlüssel und führt einen die Wehrgänge entlang und hoch in die Türme. Storchenturm heißt einer. Seit mehr als 200 Jahren nisten darin die Störche.

Weil Weil der Stadt dazumal die Reformation ignorierte, wurde die Stadt zu einer katholischen Enklave. Heute sieht man das an all den Klöstern, die noch stehen. Eines davon, das Augustinerkloster, ist ein bisschen abgerockt und beherbergt das Jugendhaus. Drum herum: viel Fachwerk, viele windschiefe Häuser, wie in einem Gemälde von Albrecht Dürer. Schade, wenn man es dann drin steril modern machen will. Wo früher das Eiscafé Stefanello Kugeln für 40 Pfennig rausgab, Erdbeer, Schokolade, vielleicht Zitrone, gibt es jetzt "Keplereis" beim Nachfolger. Die weißen Kunstlederstühle drinnen sind zu kalt für Eis. Besser, Sie schlotzen es draußen.

Jetzt sind zwei Stunden sicher längst um. Wer keine Lichtgeschwindigkeit vorlegt, wird dieser Stadt so schnell nicht gerecht. Und Sie waren ja noch gar nicht auf dem Jupiter und den entlegeneren Planeten. Der Weg zu ihnen führt aus der Stadt hinaus und malerisch durch das Würmtal. Einen kleinen Fluss gibt es hier nämlich auch. Zurück geht es dann auf dem Höhenweg mit Panoramablick auf Weil der Stadt – und bei guter Sicht auch auf die Schwäbische Alb, gewissermaßen auf das benachbarte Sonnensystem.