Anfang des Jahres betritt Martin Porwoll den größten Gerichtssaal, den das Landgericht Essen zu bieten hat. Kameras von WDR, ZDF und RTL sind auf ihn gerichtet. Im Raum: Dutzende von Anwälten und Anklägern, außerdem Journalisten und Zuschauer. Es geht um einen der größten Medizinskandale in der Geschichte der Bundesrepublik, um Tausende von krebskranken Menschen und einen Apotheker, der ihnen über viele Jahre gestreckte oder komplett wirkstofflose Medikamente verkauft haben soll. Bis Martin Porwoll beschloss, seinen früheren Chef auffliegen zu lassen.

Im Gerichtssaal sitzen die beiden Männer drei, vier Meter voneinander entfernt. Beide haben eine Halbglatze, sind nicht besonders groß, tragen Brille, Anzug und Rollkragenpullover. Obwohl sie sich ähnlich sehen, könnten sie gegensätzlicher kaum sein: Der Apotheker aus Bottrop ließ, so der Verdacht, Menschen leiden, vielleicht sterben, um sich selbst zu bereichern. Porwoll, der für ihn als kaufmännischer Leiter arbeitete, gab sein bisheriges Leben auf, um das seiner Mitmenschen zu schützen.

"Für die meisten bist du als Whistleblower kein Held, sondern ein Verräter."
Martin Porwoll

Im September 2016 wurde aus Porwoll, dem Angestellten aus der Alten Apotheke, ein Whistleblower – so nennt man Insider, die Missstände an die Öffentlichkeit bringen. Porwoll selbst sagt, er habe lange mit dem Begriff gehadert. Whistleblower, das waren für ihn große Namen wie Edward Snowden, der die Praktiken amerikanischer Geheimdienste enthüllte. Aber er selbst, der Angestellte aus Bottrop? Porwoll sagt, er habe nur seine Pflicht getan. Dass es kein einfacher Weg sein würde, war ihm klar. Aber wie schlimm es tatsächlich wurde, habe er sich nicht vorstellen können. "Für die meisten bist du als Whistleblower kein Held, sondern ein Verräter."

Porwoll wurde vor Gericht als Dieb dargestellt. Kein Arbeitgeber wollte ihn mehr beschäftigen. Schließlich bekam er Panikattacken, sein Puls raste plötzlich auf 160, 170, 180. Irgendwann hatte er sogar Angst vor der Angst, konnte kein Auto mehr fahren. "Wenn ich ehrlich bin", sagt er heute, "kann ich derzeit niemandem empfehlen, in Deutschland zum Whistleblower zu werden."

"Oft werden Whistleblower ausgegrenzt und sich selbst überlassen."
Annegret Falter, Vereinsvorsitzende des Whistleblower-Netzwerks

Martin Porwoll ist kein Einzelfall. Nach der Enthüllung ergeht es den meisten Whistleblowern miserabel. Der Verein Whistleblower-Netzwerk sammelt ihre Geschichten. Für die ZEIT hat er die Angaben von 20 deutschen Whistleblowern ausgewertet. Demnach wurden 18 von ihnen Opfer von Mobbing am Arbeitsplatz, 13 verloren ihren Job durch Kündigung oder Versetzung in den Ruhestand, 12 haben bis heute gesundheitliche Probleme. "Oft", sagt die Vereinsvorsitzende Annegret Falter, "werden Whistleblower ausgegrenzt und sich selbst überlassen."

Wie kann das sein? Haben wir ihnen nicht viel zu verdanken? Ohne Whistleblower, so viel steht fest, sähe es düsterer aus in der Welt und vor allem in der Wirtschaft. Der Datenskandal rund um Facebook wäre ohne sie nicht aufgedeckt. Auch über die Offshore-Konten von Wirtschaftsbossen, Waffenhändlern und Politikern wüssten wir wenig. Geheime Steuerdeals zwischen Staaten und Konzernen wie Apple oder Amazon wären noch immer geheim. Und die Schweiz wäre nach wie vor ein Paradies für Steuerhinterzieher.

Trotzdem unternimmt die deutsche Regierung wenig, um Whistleblower zu schützen. Seit 2008 gab es sechs Gesetzesinitiativen. Sie sind alle gescheitert. Im Vergleich mit anderen Industrieländern schneidet Deutschland schlecht ab, sagt eine Studie von Transparency International aus dem Jahr 2014. Demnach steht es beim Whistleblower-Schutz auf einer Stufe mit Brasilien, Indonesien und der Türkei. Im Koalitionsvertrag der vergangenen Regierung hieß es, man werde prüfen, ob "die internationalen Vorgaben hinreichend umgesetzt sind". Ergebnisse aber gab es nicht. Im aktuellen Koalitionsvertrag spielen Whistleblower keine Rolle mehr.

Druck macht stattdessen nun die EU. Im April hat die Kommission den Entwurf einer Richtlinie vorgestellt, der Whistleblower schützen soll (siehe Kasten). Ziel ist ein klares Regelwerk in allen Mitgliedsländern. "Whistleblower sollen sicher sein können, in welchen Feldern und auf welchen Wegen sie etwas enthüllen dürfen", sagt Věra Jourová, EU-Kommissarin für Justiz und Verbraucherschutz. Denn: "Es sind mutige Menschen, die zum Wohl aller Europäer beitragen." Am 4. Juni soll die Richtlinie bei einem Ratstreffen diskutiert werden. Dann muss sich auch die deutsche Justizministerin Katarina Barley dazu verhalten.

Warum tut sich der deutsche Staat so schwer mit seinen Whistleblowern? Und was sind das überhaupt für Menschen, die so viel riskieren?

Das Recht ist nicht auf ihrer Seite

Margrit Herbst wurde vor bald 30 Jahren zur Whistleblowerin. Heute ist sie eine zierliche alte Dame mit Pagenschnitt und großer Brille, die auf einem Dorf in Schleswig-Holstein lebt. Die Kleiderbügel im Flur ihrer Dachgeschosswohnung sind mit bunten Kunststoff überzogen, so wie es vor 50 Jahren üblich war. Ihre Möbel sind alt und passen nicht recht zueinander, an den Kanten blättert der Lack, das Blau des Sofas verblasst. Vieles, sagt Herbst, habe sie "bei der Diakonie oder auf dem Flohmarkt" erstanden, ein paar Möbel auch von Freunden geschenkt bekommen. Mit 77 Jahren ist Margrit Herbst angewiesen auf das, was andere nicht mehr haben wollen.

"Dunkles Brummen", "Fallsucht", "Zähneknirschen", "Lähmungen"

Als die promovierte Tierärztin im Sommer 1990 die ankommenden Rinder in einem Schlachthof in Bad Bramstedt begutachtet, sieht sie ein erstes Tier, das ihr komisch vorkommt. Es strauchelt, stolpert über die eigenen Beine, ist schreckhaft. Später hält Herbst die Symptome bei weiteren Rindern akribisch fest. Die Tabelle hat sie noch heute. In ihr stehen Begriffe wie "Lecken an den Flanken", "im Kreis gehen", "dunkles Brummen", "Fallsucht", "unvollständige Lähmungen", "Zähneknirschen" und "Blindheit". Herbst sagt, sie habe die rund 20 Symptome nicht selbst gewählt, sondern einem ersten Diagnose-Raster entnommen, das britische Wissenschaftler entwickelt hatten. Bei neun Tieren kreuzt sie über die Hälfte der Symptome an. Bei ihnen ist sie sicher: Es muss BSE sein.

In Großbritannien sind damals bereits mehrere Tausend BSE-Fälle von den Behörden bestätigt. Auch in der Schweiz, Frankreich und Belgien grassiert Anfang der neunziger Jahre der Rinderwahnsinn. Trotzdem wollen weder Herbsts Vorgesetzte beim Landkreis Segeberg noch die Manager der Norddeutschen Fleischzentrale etwas von ihrem Verdacht wissen. Sie lassen die Rinder weiter schlachten, oft dann, wenn die Tierärztin nicht im Betrieb ist. Das Fleisch wird als gesund deklariert und landet auf den Tellern der Verbraucher.

Ihre Vorgesetzten nehmen Herbst die Zuständigkeit für die sogenannte Lebendbeschau der Rinder und lassen sie niedere Arbeiten am Schlachtband verrichten. Einige Jahre geht das so. Schließlich wird Herbst krank, ihre Ausfallzeiten häufen sich, erst schmerzen die Gelenke, dann die Achillessehne, später der Rücken. Amtsärzte stellten mehrere dauerhafte Beschwerden unklaren Ursprungs fest. Sie sind die Vorzeichen einer bald einsetzenden Depression. "Es war, als würde ich nichts mehr fühlen. Ich wurde innerlich ganz starr", sagt Herbst, die dann jahrelang mit ihrer Depression zu kämpfen hatte.

Schließlich, 1994, geht Herbst an die Öffentlichkeit. Zuerst gibt sie dem stern ein Interview, später auch Sat.1 und RTL. Daraufhin gerät die Politik unter Druck, das schleswig-holsteinische Landwirtschaftsministerium lässt den Schlachthof in Bad Bramstedt untersuchen, Staatsanwälte ermitteln. Herbst aber, die das alles ausgelöst hat, wird fristlos entlassen. Begründung: Sie sei zur Verschwiegenheit über Missstände auf dem Schlachthof verpflichtet gewesen.

Pflicht zur Verschwiegenheit und Loyalität

Die Tierärztin zieht zwar gegen ihre Entlassung vor Gericht, verliert aber in allen Instanzen. Das Recht ist nicht auf ihrer Seite. Arbeitnehmer sind in Deutschland zur Verschwiegenheit und Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber verpflichtet. Der Satz, der das maßgeblich einschränkt, steht im Bürgerlichen Gesetzbuch, Paragraf 612a: Demnach darf "der Arbeitgeber einen Arbeitnehmer nicht benachteiligen", wenn dieser "in zulässiger Weise seine Rechte ausübt". So ein wachsweicher Satz lässt sich vor Gericht aber nahezu beliebig interpretieren.

Einstellen will Herbst nach ihrer Entlassung keiner, nicht mal ein Zoo. Dabei ist sie überhaupt nicht darauf aus, Ärger zu machen, es ist etwas anderes, das sie antreibt und das sie heute so formuliert: "Ich muss mir treu bleiben und bin bereit, die Konsequenzen dafür zu tragen." Sie habe allein aus Pflichtbewusstsein gehandelt, aber als "typischer Holsteiner" sei sie "nicht ohne Weiteres bereit und in der Lage, einen Kompromiss zu schließen".

Was sie zu Whistleblowern werden lässt, macht ihnen hinterher das Leben schwer

Die Vorsitzende des Whistleblower-Netzwerks, Annegret Falter, hat viele Hinweisgeber betreut. Es seien in der Regel Menschen mit einem ausgeprägten Gespür für Unrecht, sagt sie. Oft seien sie auch stur, ließen sich nicht reinreden. Solche Charaktere sind eher bereit als andere, sich gegen ihre Organisation zu stellen. Was sie zu Whistleblowern werden lässt, macht ihnen hinterher oft das Leben schwer.

Trotzdem kann man ihr Schicksal nicht ihnen allein ankreiden. Es gibt eine Fraktion, die stets gegen die Gesetzesinitiativen gestimmt hat: die der CDU/CSU. Die Protokolle des Bundestags zeichnen es nach. Als im Januar 2011 über den Dioxin-Eier-Skandal gestritten wird, sagt Thomas Oppermann von der SPD, man müsse Mitarbeiter ermutigen, "zu berichten, wenn in ihrem Betrieb Gift beigemischt wird". Peter Bleser von der CDU erwidert: "Sie haben verlangt – das ist der Kern Ihrer Botschaft –, dass wir den Denunziantenschutz in Deutschland einführen."

Denunziant oder Whistleblower?

Whistleblower, das sind für Teile der CDU Verräter. Volker Kauder, damals wie heute Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, spricht in einem Zwischenruf während der Debatte sogar von einer "Blockwart-Mentalität". Hier, in der deutschen Geschichte, liegt wohl ein Grund, weshalb sich der Staat mit seinen Whistleblowern so schwertut. In einem Land, in dem sich die Bürger während des NS-Regimes gegenseitig bei den Behörden verpfiffen, in dem später die Staatssicherheit eine Spitzelkultur schuf, ist die Skepsis besonders verbreitet.

Es ist ja auch denkbar, dass Mitarbeiter mit Vorwürfen an die Öffentlichkeit gehen könnten, um ihrem Arbeitgeber zu schaden, aus Rache zum Beispiel oder um sich wichtigzumachen. Was also unterscheidet einen Denunzianten von einem Whistleblower?

Muss man prüfen, was den Whistleblower antreibt?

Im Gesetzentwurf der Grünen von 2014 heißt es: "Das Ziel verantwortungsvoller Whistleblower ist es, Transparenz und Publizität über bestehende interne, riskante, gefährliche oder korrupte Entwicklungen herzustellen, um diese damit beheben zu lassen." Die geplante EU-Richtlinie wählt einen pragmatischeren Ansatz. Sie will Hinweisgeber schützen, die im öffentlichen Interesse handeln. Die Motive sind dabei zweitrangig. Auch Menschen, die für Informationen Geld nehmen, wären im Sinne der EU-Richtlinie demnach schutzwürdig. In Deutschland ist genau das umstritten. Muss man nicht prüfen, was einen Menschen treibt?

2014 sind Whistleblower erneut Thema im Bundestag. Hans-Christian Ströbele von den Grünen nutzt die positive Stimmung nach den Enthüllungen von Edward Snowden für einen Gesetzentwurf, der präzisieren soll, wann sich Mitarbeiter bei Missständen an eine externe Stelle oder die Öffentlichkeit wenden dürfen. "Ohne Edward Snowden", sagt er, "wüssten wir heute nicht, dass wir millionenfach abgeschöpft wurden."

Diesmal reagiert die CDU/CSU anders. "Es darf keinen Automatismus geben nach dem Motto ›Jeder Hinweisgeber ist ein Verräter, ein Denunziant oder Nestbeschmutzer‹", findet Alexander Hoffmann von der CDU. Sein Parteifreund Wilfried Oellers spricht diesen Menschen "großen Respekt" aus. Trotzdem wird der Gesetzesvorschlag mit den Stimmen der großen Koalition abgelehnt. Nun lautet die Begründung, dass die "geltende Rechtslage", so Oellers, "den Schutz bereits gewährleistet".

Was sagen die Politiker? Nicht viel

Gerne würde man mit den Verantwortlichen in der CDU/CSU-Fraktion darüber sprechen. Doch sowohl Fraktionschef Volker Kauder als auch seine Stellvertreterin sagen ab. Am Ende muss wieder Wilfried Oellers ran, ein etwas jungenhaft wirkender Hinterbänkler mit Deutschland-Flaggen-Anstecker am schmalen Anzug, untergebracht ist er in einem Nebenhaus des Bundestags. Ein Wimpel der Freiwilligen Feuerwehr aus Heinsberg, einer Kleinstadt bei Aachen, hängt an der Wand. Dort ist Oellers’ Wahlkreis. Für das Thema Whistleblower ist er in den vergangenen vier Jahren zuständig gewesen, weil die Fraktionsspitze es so beschlossen hatte.

Fragt man Oellers, was aus dem im vergangenen Koalitionsvertrag formulierten Prüfauftrag für einen besseren Whistleblower-Schutz wurde, kann er sich an keinen Bericht erinnern. In welchem Ministerium das Thema verankert sei? Auch das weiß er nicht. Der Schutz von Whistleblowern, sagt er, sei ihm ein wichtiges Anliegen. Er sei aber der Meinung, "dass die bisherigen gesetzlichen Regelungen zum Schutz ausreichen". Auf die Nachfrage, ob ihm denn ein Whistleblower einfalle, bei dem diese Regelungen zufriedenstellend gegriffen hätten, muss er passen.

Ende März betritt Martin Porwoll erneut einen Gerichtssaal, diesmal des Landesarbeitsgerichts Hamm. Wieder sitzt er seinem Ex-Chef gegenüber, dem Bottroper Apotheker. Diesmal aber geht es nicht um gepanschte Krebsmedikamente, sondern um die Frage, ob Porwoll zu Recht seinen Job verlor.

Persona non grata auf dem Arbeitsmarkt

Einen Tag nachdem der Apotheker in der Untersuchungshaft erfuhr, wer ihn hatte auffliegen lassen, kündigte er Porwoll. Später führte er diverse Gründe an: Porwoll habe Betriebsgeheimnisse verraten, seine Aufgaben ungenügend erfüllt, private Fotokopien mit Betriebsmitteln gefertigt, vielleicht sogar ein Komplott zur Übernahme der Apotheke geschmiedet, Medikamente gestohlen. "Natürlich war das eine Racheaktion", sagt Porwoll. Doch die angeblich gestohlenen Medikamente im Wert von 1.000 Euro werden ihm zum Verhängnis. Porwoll leugnet nicht, sie mitgenommen zu haben, sagt aber, das sei in Absprache mit dem Apotheker geschehen, als Ausgleich für geleistete Überstunden. Andere Mitarbeiter bestätigen, dass auch sie solche Absprachen hatten.

In erster Instanz urteilt das Arbeitsgericht Gelsenkirchen jedoch, die Kündigung sei rechtens. Dass die Kündigung eine Reaktion auf das Whistleblowing ist, spielt für die Richterin keine Rolle. Porwoll steht nun als Dieb da.

"Auf dem normalen Arbeitsmarkt bin ich eine Persona non grata."
Martin Porwoll

In zweiter Instanz in Hamm wird Porwoll halbwegs rehabilitiert. Am Ende einigen sich der Apotheker und Porwoll auf einen Vergleich: Das Arbeitsverhältnis wird einvernehmlich aufgelöst, Porwoll soll eine Abfindung von 75.000 Euro bekommen. Viel ist das nicht. Einen vergleichbaren Job wird er wohl nicht mehr finden. Rund 30 Bewerbungen hat er seither geschrieben. Zurück kamen nur Absagen. "Auf dem normalen Arbeitsmarkt bin ich eine Persona non grata", sagt er. Als Freiberufler will er nun Apotheken beim Einkauf beraten. Es sei eine "Selbstständigkeit aus Notwehr".

Manchmal wundert er sich über die Politik. "Es wird derzeit viel über uns geredet", sagt er, "aber wenig mit uns." Porwoll begrüßt es, dass die geplante EU-Richtlinie Anlaufstellen vorsieht, bei denen Whistleblower juristischen Rat erhalten. Das reiche aber nicht. Die Stellen müssten auch psychologische und im Notfall finanzielle Hilfe leisten. Zudem sollten sie den Whistleblowern helfen, wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Porwoll stellt sie sich wie einen Fallschirm vor, der den Sturzflug vieler Whistleblower bremst.

Das Beispiel Porwoll zeigt: Manche Fragen lassen sich per Gesetz regeln. Es würde mehr Schutz bedeuten, wenn der Arbeitgeber im Fall einer Entlassung beweisen müsste, dass er sie nicht wegen der Enthüllung vollzogen hat. Auch eine abstrakte Definition, wer schutzwürdig ist, ist möglich: Reicht das öffentliche Interesse an der Enthüllung? Oder zählen auch die Motive des Hinweisgebers?

Die sozialen und finanziellen Folgen, die einen Whistleblower erwarten, lindert das nur bedingt. Deshalb die Idee eines Fallschirms. Eine solche Hilfseinrichtung könnte, wie es der Entwurf der EU-Richtlinie vorsieht, beim Staat angesiedelt sein. Oder aber der Staat legt sie in die Hände einer von ihm finanzierten Institution. "Neben neuen gesetzlichen Schutzmechanismen erscheint eine zusätzliche, unabhängige Struktur sinnvoll, die Whistleblower auffängt. Denkbar wäre beispielsweise ein Stiftungsmodell", sagt Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionschef der Grünen. "So würde sie auch für Whistleblower aus dem Staatsdienst zu einer vertrauenswürdigen Anlaufstelle."

Ein solches Stiftungsmodell würde auch den Zweifelsfällen am ehesten gerecht, bei denen nicht sofort klar ist, ob ein Whistleblower im öffentlichen Interesse handelt und die Vorwürfe Substanz haben – oder ob sie haltlos sind. Straf- und Arbeitsrechtler sowie Psychologen könnten eine gemeinsame Einschätzung vornehmen. Beurteilen sie einen Whistleblower als schutzwürdig, erhält er pragmatisch Hilfe, egal wie die Gerichte später urteilen.

Mit einer solchen Fallschirm-Stiftung würde Deutschland über die Pläne der EU hinausgehen. Die Frage ist nur, ob die Bundesregierung das will.

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