William Cohn ist so ein Promi, den fast jeder kennt, aber erst nach ein bisschen Hilfestellung. Das ist der Typ mit den hässlichen Pullovern, der nerdigen Brille und der Märchenerzähler-Stimme. Der von Böhmermann, genau.

Seit ein paar Jahren flimmert Cohn jetzt im peripheren Sichtfeld Fernsehdeutschlands, immer präsent, aber nie richtig im Fokus. Im Neo Magazin Royale gehört er fast so sehr zum Inventar wie der Moderator selbst. Anfangs war er Jan Böhmermanns Studio-Sidekick, allerdings nur bis Folge 34. Jetzt ist er hauptsächlich in Einspielern zu sehen, was seiner Beliebtheit jedoch nicht geschadet hat. Das Publikum feiert seine onkelhaften Auftritte – früher in Katzen- und Weihnachtspullis, heute immer öfter im Anzug – am liebsten auf Twitter: "Der gute @CohnWilliam" sei "einfach immer das beste am @neomagazin."

So kannte man Cohn bisher. Dann hat er ein Buch mit dem Titel Der Gute Ton von Cohn geschrieben, einen Benimm-Ratgeber, in dem er sich von einer anderen Seite zeigt. Als jemand, der Seidenhalstücher trägt und Frauen die Hand küsst. Nicht unbedingt ein Thema, das seine Kernzielgruppe anspricht. Die meisten Fans hat er ja aus dem Neo Magazin Royale: Akademikerkinder, Studenten, Trendbezirk-Bewohner. Keiner von denen hat wohl jemals ironiefrei eine Hand geküsst.

Insofern gibt es da eine gewisse Diskrepanz zwischen William Cohn und seinen Fans. Vielleicht nennt der Verlag das Buch deswegen einen satirischen Knigge. Der Autor jedenfalls, so wirkt es beim Lesen, gibt sich große Mühe, den bekannten Cohn mit dem nicht so bekannten in Einklang zu bringen. Daher auch der schon aus dem Neo Magazin bekannte Ton. Etwa, als er gleich zu Beginn zur eigenen Haltung rät und verkündet, dass Stil Mut erfordere: "Alles andere ist was für anpassungsbedürftige Chabos."

Also, wer ist William Cohn? Um das herauszufinden, wollten wir mit ihm eine Runde in der Berliner Ringbahn drehen. Einem Ort mit ausgewählt schlechtem Benehmen. In dieser S-Bahn, die die Innenstadt umrundet, fahren Leute Ponys spazieren, ab und zu legen Jugendliche ein Feuer, Hipster trinken sich beim sogenannten Ringbahnsaufen durch die Stationen. Der perfekte Ort, um die Cohnsche Widersprüchlichkeit einzufangen.

Die Ringbahn hält dann auch gleich, was sie verspricht. Cohn steigt in den Zug der Linie S42, der Wagen ist leer. Das heißt, nicht ganz. Die Fahrgäste sitzen alle im vorderen Teil, weil hinten jemand auf den Boden gekotzt hat. Cohn prallt von diesem Anblick ab. Er schiebt seinen großen Körper in die entgegengesetzte Richtung und nimmt auf einem leeren Vierersitz Platz.

"Gutes Benehmen ist der Schmierstoff der Gesellschaft", sagt Cohn. Das ist so ungefähr das Prinzip, auf dem sein Buch basiert. Wenn man sich zu benehmen und angemessen zu kleiden weiß, fällt das Zusammenleben leichter. Das klingt natürlich erst mal einleuchtend. Das Problem ist allerdings, dass alle mitmachen müssen. Sonst benehmen sich die einen, wie sie wollen, und die anderen ignorieren sie höflich. So wie Cohn die drei angetrunkenen Männer, die sich jetzt so laut unterhalten, als wären sie allein im Zug.

Es stimme natürlich, sagt Cohn. "Mit Manieren gehört man heute zu einer Elite." Er würde sich aber weder als elitär noch altmodisch bezeichnen. Eher als "einen Gentleman, der zeitlos ist".

Seine Figur bei Böhmermann ist so überzeichnet, dass man irgendwie glaubt, die reale Person müsse ganz normal sein, ein guter Schauspieler eben. Und dann kommt Cohn, mit feinem Sakko, Halstuch und blank polierten Schuhen und ist so ostentativ höflich, dass man denkt: Der spielt doch schon wieder eine Rolle. Und das freut ihn dann total. "Irritieren schadet nie", sagt Cohn und grinst schelmisch.