Der wissenschaftliche Nachwuchs darbt, schuld ist das System! Sechs Ideen zur Veränderung der Uni, von der Abschaffung der Lehrstühle bis zur Entfristung für alle

Abschaffung der Lehrstühle!

Die Idee:

Mächtige Lehrstuhlinhaber versammeln an deutschen Unis ein Heer an Mitarbeitern; sie entscheiden über die Karrieren ihrer Doktoranden und Postdocs, die ewig junger "Nachwuchs" bleiben. Der Gegenentwurf heißt: Departmentstruktur. Hier ist niemand einem einzelnen Professor verpflichtet, schon junge Wissenschaftler bekommen eine Professur und können eigenständig arbeiten. Sekretariate und Forschungsgeräte werden geteilt.

Pro:

Bei der Arbeit in Departments gewinnen nicht nur junge Forscher an Freiheit, auch Professoren profitieren. Sie können lästige Managementtätigkeiten an die Departmentverwaltung delegieren. Ein Kollateralnutzen für die Forschungs- und Lehrqualität der gesamten Universität!

Contra:

Im internationalen Wettbewerb um die Spitzen der Wissenschaft ist das deutsche Lehrstuhlprinzip gerade deshalb ein Trumpf, weil es sonst keiner hat. Wer sich als akademischer Sonnenkönig nach einem eigenen Hofstaat sehnt, bekommt ihn in Deutschland frei Haus.

Kostenpunkt:

Null. Wenn sich Professoren in einem Department die Infrastruktur teilen, bleibt vielleicht sogar Geld für neue Projekte übrig.

Umsturzfaktor:

Hoch. Rio Reiser wäre stolz: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!"

Mitspracherechte für die Jungen!

Die Idee:

Ohne Doktoranden keine Uni. Als billige Arbeitskräfte machen sie Drittmittelprojekte möglich und stemmen einen guten Teil der Lehre. Trotzdem haben Promovierende im wichtigsten Entscheidungsgremium der Hochschule, dem Senat, keine Stimme – außer in Baden-Württemberg. Seit diesem Frühjahr dürfen Promovenden im Südwesten mitentscheiden. So sollte es überall sein.

Pro:

Gremien der akademischen Selbstverwaltung müssen den Diskurs pflegen, Bestehendes hinterfragen und Neues wagen. Wie verteilt die Universität ihr Geld? Was ist ihr in der Lehre wichtig, welche Anreize sollen in der Forschung und der Nachwuchsförderung gelten? Doktoranden mit eigenem Stimmrecht sind ein Jungbrunnen – nicht nur für verschnarchte Senate.

Contra:

Die Fluktuation der Jungen ist hoch; der Senat braucht die Kontinuität der alten Hasen. Denn die Fliehkräfte sind enorm: Publikations- und Drittmittel-Druck, Exzellenzstrategie, Internationalisierung, Digitalisierung – da müssen Hochschulen ihre Kräfte bündeln. Nur so können sie die wirklich wichtigen Zukunftsfragen lösen.

Kostenpunkt:

Euro: null. Symbolische Kosten: hoch. Jedenfalls für die Profs, die Stimmgewalt einbüßen würden.

Umsturzfaktor:

Mittel. Bundesländer, hört die Signale!

Entfristung für alle!

Die Idee:

Deutschlands Universitäten haben eine offene Flanke: Neun von zehn Wissenschaftlern unter 45 Jahren stecken in Zeitverträgen – ohne Aussicht auf eine Dauerstelle. Die flächendeckende Entfristung macht Hochschulen als Arbeitgeber attraktiv und Deutschland zum Eldorado für Talente.

Pro:

Mit der Nachwuchsförderung gehen Hochschulen eine Verpflichtung gegenüber ihren Doktoranden und Postdocs ein. Planbare Karrieren und gute Arbeitsbedingungen zeigen, dass die Unis genau das begriffen haben. Das steigert die Motivation der Beschäftigten: Sie werden bis zur Rente dankbar sein.

Contra:

Die Wissenschaft lebt von der Bestenauslese. Ohne sie gibt es keine Spitzenleistung. Vor allem bringt die kontinuierliche Fluktuation auf den Stellen Generationengerechtigkeit. Alle zu entfristen hieße: eine Verstopfung des Systems über Jahrzehnte.

Kostenpunkt:

Schwer zu prognostizieren. Man müsste auch Tarifsteigerungen und Rentenansprüche einpreisen. Laut der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft würden die Kosten für eine W1-Professur mit einer Hilfskraft von aktuell 134.000 auf 177.000 Euro im Jahr 2025 steigen – ohne Pensionskosten.

Umsturzfaktor:

Hoch, aber Achtung: Es wird eine Revolution der Alten und immer Älteren…

Graduiertenschulen und mehr Work-Life-Balance

Graduiertenschulen erhalten!

Die Idee:

Sichere 1.500 Euro Gehalt, Kinderzuschläge, ein Büroplatz, dazu Forschungsgelder, Reisestipendien und Professoren, die tatsächlich Zeit haben, Doktoranden zu betreuen: Das alles macht die Exzellenzinitiative mit ihren Graduiertenschulen möglich. Im Oktober 2019 soll Schluss sein, die Finanzierung läuft aus. Der Bund könnte das Format erhalten – indem er es dauerhaft finanziert.

Pro:

In der bundesdeutschen Nachwuchsförderung haben sich die Graduiertenschulen als Leuchttürme mit internationaler Strahlkraft bewährt. Sie geben mit ihren Familienzuschlägen und verlängerten Förderzeiträumen ein klares politisches Signal: Kind und Karriere sind vereinbar. Und statt den Nachwuchs sich selbst zu überlassen, wird er systematisch auf die Professur vorbereitet.

Contra:

Hochklassige Nachwuchsförderung ist heute Standard. Sie zu bieten ist nicht Aufgabe des Bundes, sondern von Hochschulen mit Promotionsrecht. Wer dieses Privileg behalten will, muss selbst Geld dafür freischaufeln – egal wie.

Kostenpunkt:

Weitermachen oder nicht: Für den Staat ist das die Eine-Million-Euro-Frage, so viel würde jede Graduiertenschule pro Jahr kosten.

Umsturzfaktor:

Gering. Exzellenz setzt sich durch, so oder so.

Ehre, wem Ehre gebührt!

Die Idee:

Mit etwa 200.000 Doktoranden und jährlich 30.000 Promotionen ist Deutschland die größte Doktorschmiede Europas. Doch so viel und erfolgreich die Jungen auch forschen, ihre Leistungen bleiben unsichtbar. Die Forschungslorbeeren ernten andere, oft die Chefs. An der TU Berlin etwa gab kürzlich jeder fünfte Doktorand an, bereits an Aufsätzen von Professoren mitgewirkt zu haben, ohne als Co-Autor genannt worden zu sein. Die Unis könnten die Nennung aller beteiligten Wissenschaftler an einem Projekt zur Pflicht machen.

Pro:

Die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis sind eindeutig: Ehre, wem Ehre gebührt! Mogelei bei der Autorenschaft ist kein Kavaliersdelikt und muss genauso geahndet werden wie Plagiate, Pfusch und Betrug.

Contra:

Für ihre wissenschaftliche Leistung erhalten Promovenden und Postdocs den Doktortitel beziehungsweise die Habilitation. Das gegenseitige Aufrechnen jedes noch so kleinen Beitrags an Aufsätzen zerstört den Teamgeist. Gute Wissenschaft braucht Vertrauen und Gemeinschaftsarbeit, keine Erbsenzähler.

Kostenpunkt:

Nur Zeit und Nerven, die es kostet, mit der neuen Unübersichtlichkeit in Wissenschaftspublikationen klarzukommen.

Umsturzfaktor:

Zwischen null und leichtem Oberflächengekräusel.

Mehr Work-Life-Balance!

Die Idee:

Neun von zehn jungen Wissenschaftlern wünschen sich in Deutschland Kinder, nur knapp die Hälfte bekommt sie; wohl auch, weil sich Arbeits- und Privatleben schlecht vereinbaren lassen, wo Dienstbesprechungen am frühen Morgen und späten Abend die Regel sind und jeder Babybauch mit schiefen Blicken quittiert wird. Mit einem "Elternzeitausgleichssemester" fordert der Deutsche Hochschulverband jetzt mehr Familienfreundlichkeit ein: Wer mindestens sechs Monate in Elternzeit war, darf sich bis zu zwei Semester von Lehrverpflichtungen befreien lassen.

Pro:

Es ist 2018! Wissenschaft, die nicht in der Vergangenheit festhängen will, muss sich modernisieren und vielfältige Lebensentwürfe willkommen heißen.

Contra:

Gute Wissenschaft braucht vollen Einsatz. Wer ihn nicht bringen kann oder möchte, belastet das Team und bedroht den Forschungserfolg. Der Staat finanziert Wissenschaftler nicht mit Steuergeldern, damit sie um 15 Uhr ihre Kinder von der Kita abholen. Wer das will, soll sich einen anderen Job suchen.

Kostenpunkt:

Eine Handvoll Euro mehr. Für schlecht bezahlte Vertretungsstellen.

Umsturzfaktor:

Hoch. Weil die Wissenschaft damit weiblicher werden könnte, vollständiger, runder – und mit neuen revolutionären Ideen schwanger gehen würde.