Als alle Fragen gestellt sind und er ebenso erschöpfend wie geduldig Auskunft gegeben hat zu Duschen und Toilettengängen, zu Heimat und Heimweh, ergreift Alexander Gerst noch einmal das Wort. Er wolle, erklärt der Astronaut, über Wissenschaft reden. Schließlich sei das Thema in den vergangenen zwei Stunden voller Reporterfragen kaum behandelt worden. Dann folgt ein knapp zehnminütiger Monolog, eine wissenschaftliche Tour de Force, die bei Granulaten anfängt, über transparente Legierungen führt und am Ende bei schwebenden Knäueln aus Krebszellen landet. Aus seiner Sicht alles hochspannende Themen.

Doch wenn der promovierte Geophysiker Alexander Gerst am 6. Juni zum zweiten Mal ins All aufbricht, wird über andere Dinge gesprochen werden. Dann geht es vermutlich um Käsespätzle in Dosen, um die Kunst, aus dem Orbit zu twittern, und Gersts neue Rolle als Chef der Internationalen Raumstation, ISS. Erstmals führt dann ein Deutscher dort oben das Kommando, und schon jetzt kann es seine Fangemeinde kaum erwarten. Denn seit seiner ersten Weltraum-Mission 2014 ist er geradezu ein Popstar der Raumfahrt. Auf Twitter folgen @Astro_Alex 1,1 Millionen Menschen. Und wo immer er auftritt, auf Marktplätzen oder in Hörsälen, drängen sich die Zuhörer. Gerst erzählt dann begeistert von seinen Eindrücken aus dem All und wirbt dafür, die Erde einmal aus kosmischer Perspektive zu betrachten – ein für viele anschlussfähiger Botschafter höherer Wahrheiten.

Für seinen Arbeitgeber, die Europäische Weltraumorganisation (Esa), ist Gerst ein unschätzbar wertvoller Sympathieträger. Wenn der Weltall-Erklärer jetzt wieder die ISS besucht und sechs Monate lang im Orbit bleibt, ist das Publikumsinteresse jedenfalls sichergestellt. Dabei wird Gerst auf der Raumstation eine eher unglamouröse Rolle spielen müssen: Der Held der Weltraumfahrt ist – zumindest was die Wissenschaft angeht – in 400 Kilometer Höhe nicht viel mehr als ein Laborgehilfe.

Im Prinzip ist man Laborant.
Alexander Gerst, Esa-Astronaut

300 Versuche stehen auf dem Plan während seines Aufenthalts, es geht um Plasmaphysik und Humanmedizin, um Zellbiologie und Fluiddynamik. Doch 90 Prozent aller Experimente auf der ISS laufen automatisch ab. Die Raumfahrer müssen lediglich einen Knopf drücken, eine Probe einlegen, von Zeit zu Zeit einen Versuch neu starten. Und selbst wenn sie einmal Hand anlegen dürfen, gilt es, detaillierten Ablaufplänen zu folgen – ähnlich wie Kochgehilfen, die sich streng ans Rezeptbuch halten. "Die meiste Wissenschaft findet statt, ohne dass wir etwas damit zu tun haben", räumt Gerst ein. "Im Prinzip ist man Laborant." Das gilt auch für seine US-Kollegin Serena Auñón-Chancellor, eine Medizinerin, und den russischen Kampfpiloten Sergej Prokopjew, die mit zur ISS fliegen.

Womit sich die Frage aufdrängt, warum überhaupt noch Menschen notwendig sind, um Experimente auszuführen. Könnte das nicht komplett von Robotern übernommen werden? Man könnte antworten, dass die ISS nun schon mal da ist und deshalb auch von Menschen bewohnt werden muss. Gerst antwortet: "Das ist die beste Symbiose, die beste Synergie, mit der wir das beste Resultat erreichen können." Menschen seien der Maschine immer dann überlegen, wenn etwas nicht funktioniere, wenn Intuition und Improvisation gefragt seien.

Doch natürlich geht es bei bemannten Raumflügen nicht nur um Resultate, sondern auch um den menschlichen Drang, Neues zu erkunden und ins Unbekannte aufzubrechen. Und dafür ist Alexander Gerst prädestiniert. Wer sich im baden-württembergischen Künzelsau umhört, wo Gerst vor 42 Jahren geboren wurde, bekommt immer wieder erzählt, dass schon der kleine Alexander alles immer ganz genau wissen wollte – ob in der Kinderkirche oder beim gemeinsamen Sterngucken mit dem Großvater. Er selbst sagt: "Sobald ich verstanden hatte, dass wir etwas nicht wissen, hat es mich interessiert." Und welche Fragen könnten größer sein als jene in der Weite des Universums: Wie ist das Leben entstanden? Ist da draußen wer? Können wir mit fremden Zivilisationen in Kontakt kommen?

Der Gedanke, selbst Astronaut zu werden, ergriff ihn mit sieben Jahren. Damals, 1983, verfolgte er bei seinen Großeltern, wie Ulf Merbold als erster Astronaut der Bundesrepublik mit dem Spaceshuttle ins All donnerte. "Ich fand das großartig", erinnert sich Gerst, "ich habe am Fernseher geklebt." Und warum sollte ihm das nicht auch möglich sein? "Als Kind definiert man den Raum seiner Möglichkeiten immer als das, was andere können", sagt er, eine typische Gerst-Formulierung.

Das Problem war nur: Als Gerst Schule und Zivildienst hinter sich hatte, suchten weder die Deutschen noch die Europäer Astronauten. Dennoch ließ ihn der Gedanke ans All nicht los. "Ich wusste: Ich muss der Sache irgendwann eine Chance geben – schon allein, weil ich mir später nicht zähneknirschend eingestehen wollte: Du hast es nicht einmal probiert." Fortan fragt sich Gerst bei jeder Entscheidung: "Verbaut mir das den Weg, mich zukünftig als Raumfahrer zu bewerben?"