Ein Text über die Biennale in Venedig, die größte aller großen Architekturausstellungen, kann in diesem Jahr nur mit einer schönen, weißen


Auslassung beginnen. Mit einer hoffentlich inspirierenden, wunderbar offenen Leerstelle. Die Architekten in Venedig würden sagen: mit viel Freiraum. Denn darum geht es auf dieser Biennale, um die Lücken fürs Unbestimmte. Um das, was sich kaum planen und nicht berechnen und eigentlich nicht bauen lässt.

Ihr Architekten, ruft die Biennale, glaubt bloß nicht, ihr könntet die Welt erretten. Ihr seid keine Sozialingenieure, keine besserwissenden Politikberater. Seid froh, wenn euch ein schönes Fenster gelingt oder ein erhebender, ein freier Raum. Das hellt die Stimmung auf, und das ist schon viel.

Mit dieser Biennale der Selbstbescheidung, kuratiert von Yvonne Farrell und Shelley McNamara aus Dublin, ist die Architektur endgültig im postheroischen Zeitalter angekommen. Sie übt sich in der Kunst der Machtlosigkeit, was für die Besucher durchaus überraschend sein kann. So haben die Briten gleich ganz darauf verzichtet, irgendetwas Vorzeigbares nach Venedig zu verschiffen. Sie lassen ihren Pavillon leer, dafür haben sie oben auf dem Gebäude eine riesige Terrasse aufgebaut, schenken Tee aus und laden ein zum Weitblick. Ihr Plädoyer: Steigt der Wirklichkeit aufs Dach! Dann öffnen sich ganz neue Perspektiven.

Ähnlich verfahren die Franzosen, auch wenn sie sich eher hineinwühlen ins Vorhandene. Aus den Überresten der Kunstbiennale im vorigen Jahr, lauter Sperrholzplatten und Stahlstreben, haben sie eine bewohnbare Großcollage angefertigt, in der alte Gebisse, ein ausgestopfter Fuchs, eine Mistforke, ein Roller und tausend andere Alltäglichkeiten vorführen, dass es in der Architektur kaum mehr um Form und Funktion geht. Es geht ums Leben selbst. Und die Architekten treten wie Homöopathen auf, die mit ein paar Kügelchen Pragmatismus dafür sorgen, dass alte, heruntergekommene Gebäude von idealistischen Kreativmenschen neu bewirtschaftet werden können. Architektur als die Kunst des Machbaren. Die Strategie: muddling through, durchmuddeln.

Auch bei den Belgiern oder den Amerikanern ist das überdeutlich: Architekten sollen keine Entwerfer, sie sollen Öffentlichkeitsarbeiter sein. Sollen Diskurse, Prozesse und, wenn es gut geht, so etwas wie Gemeinsinn stiften. Deshalb gibt es auf dieser Biennale überall Bänke und Liegesäcke. Damit man mal anhalten und miteinander reden kann.

Bei den Ungarn gibt es sogar gebündelte Yogamatten, auf denen man sich niederlassen kann. Hier wird nämlich vorgeführt, wie sich der öffentliche Raum dank turnender Spiritualität verwandeln lässt: zum Beispiel dadurch, dass die berühmte Liberty Bridge in Budapest für den brausenden Verkehr ein paar Stunden lang gesperrt wird und viele bunte Yogamenschen den Asphalt für ihre Übungen nutzen. Stadtbelebung durch Selbstverrenkung.

Ob es dafür aber Architekten braucht? Ob nicht Künstler, Designer, Eventmanager völlig ausreichen? Zumindest bei den Deutschen sieht es eher danach aus, dass die klassische, die vernünftig geplante Architektur eher Räume verstellt als öffnet. Hier, in einer reichlich volkshochschulhaften Präsentation, wird noch einmal an die deutsch-deutsche Grenze erinnert und daran, wie in den 28 Jahren seit dem Mauersturz die meisten Freiflächen mit lauter Banalitäten versiegelt wurden.

Nur zu leicht wird aus dem Freespace, den die Biennale zu ihrem Motto erhoben hat, ein unfreier, von ökonomischen oder politischen Interessen gefangener Raum, auch davon erzählt diese Biennale. Doch will sie das nicht groß diskutieren, will keine brennenden Fragen stellen. Denn brennende Fragen verbieten sich im posthistorischen Zeitalter, konfrontieren sie die Architekten doch einmal mehr mit ihrer eigenen Hilflosigkeit. Das aber wollen die beiden Hauptkuratorinnen aus Irland in jedem Fall vermeiden. Ihre Biennale soll optimistisch sein und von der Großzügigkeit künden, mit der die Baukunst den Menschen beglücken könne. Ein unbedingt lyrischer Ansatz: Was einzig zählt, ist das schöne Empfinden! Ist das Geschenk des Augenblicks!

Doch eine Biennale der Achtsamkeit muss scheitern. Eine Ästhetik der Innerlichkeit, wie sie den Kuratorinnen vorschwebt, lässt sich nicht in Holzkisten verpacken und im Scheinwerferlicht der Großausstellung exponieren. Atmosphäre entzieht sich der Repräsentation. Und so bleibt dem Publikum bestenfalls eine Ahnung. Es bleiben ihm unendlich viele Modelle, Zeichnungen, Videos, eingebettet in superteure Ausstellungsgehäuse. Oft sind es begehbare Kleinstarchitekturen, die gewiss ein Gespür für das Eigentliche wecken wollen und doch meistens ungeheuer werblich wirken.

Allzu weit klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander: Während die Kuratorinnen pathosselig von der Architektur als Geschenk schwärmen und "den Menschen" zum Maß aller Dinge machen möchten, beschenken sich die geladenen Architekten lieber selbst und stellen ihre eigenen Entwürfe in den Mittelpunkt, als wäre die Biennale eine Messe. Der Ruf nach Bescheidenheit – nichts als Attitüde.

Gewiss, es gibt auch erhellende, experimentierfreudige Projekte. Doch wirkt diese Ausstellung schon deshalb so ermüdend beliebig, weil ihr jede Dringlichkeit fehlt. Keine These verklammert die zahllosen Modelle und Pläne. Jeder Entwurf will aus sich heraus gut und richtig sein, ohne auch nur den kleinsten Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben. Eine Biennale aber, der das Allgemeine abgeht, die bestenfalls ein fluffiges Wohlbefinden postuliert, schafft sich selber ab. Ohne programmatisches Wollen braucht es sie nicht. Sie öffnet keinen Freiraum, sie ist bloß leer.

Bis zum 25. November (www.labiennale.org)