Frage: Herr Steffensen, die neue Datenschutzverordnung der EU hat auch in der Kirche für Unruhe und Unsicherheit gesorgt. Wo liegt das Problem?

Christian Steffensen: Es ist offenbar für die Kirchen und Gemeinden neu, dass Daten für sie von großer Bedeutung sind. Und weil sie Daten nicht wichtig finden, wurde auch kaum darüber nachgedacht, woher sie kommen, wofür sie verwendet werden könnten und wie man sie zu schützen hat. In dieser Hinsicht halte ich die neuen Datenschutzgesetze für eine willkommene Gelegenheit, darüber nun endlich zu sprechen.

Frage: Sie arbeiten mit etlichen Kirchengemeinden zusammen. War man dort auf die neue Richtlinie vorbereitet?

Steffensen: Natürlich wurde auch in den Gemeinden darüber gesprochen, und es wurden Vorkehrungen getroffen. Auch haben die evangelische und die katholische Kirche ihre Datenschutzgesetze aktualisiert. Leider ist aber all das bisher nur auf einer sehr theoretischen Ebene geschehen. Wenn Sie in Ihrem Kirchenvorstand sitzen und Sie die DSGVO umsetzen müssen, bekommen Sie wenig Hilfe.

Frage: Wer sollte den Gemeinden helfen?

Steffensen: Man kann nicht erwarten, dass jeder einzelne Kirchenvorstand die Kompetenz hat, sich damit zu befassen. Es fehlt an konkreten Ratschlägen. Schulungen auf Gemeinde- und Kirchenkreisebene hätten hier sicher geholfen.

Frage: Was läuft falsch?

Steffensen: Daten sind nicht abstrakt, sie sind auch nicht böse. Die Kirchen wollen Menschen erreichen und sie dazu bringen, einander zu treffen und Beziehungen zu knüpfen. Das geht nicht ohne Daten. Deshalb kommt die Kirche ihrer Mission ohne die Auseinandersetzung mit Daten nicht mehr nach.

Frage: Wenn Daten so harmlos sind, warum sorgen sie dann für solch große Verunsicherung?

Steffensen: Weil Daten nicht für wichtig gehalten werden, macht sich auch kaum jemand Gedanken darüber, wie man professionell damit umgeht, wie und wo sie gespeichert werden sollten, was damit geschieht und wer darauf Zugriff hat. In all dem Trubel um die DSGVO geht unter, dass wir die Informationen von und über Menschen mit dem gleichen Respekt behandeln sollten wie die Menschen selbst.

Frage: Und das ist es, was die DSGVO erreichen will?

Steffensen: Ja! Eines der Schlüsselelemente dieser Verordnung ist es, die Zustimmung von einer Person einzuholen, dass ich mit ihren Daten arbeiten darf. Das ist für die Kirche natürlich ein Problem: Sie hat das berechtigte Interesse, mit vielen Menschen zu kommunizieren. Aber sie hat deren Zustimmung dafür nicht vorliegen. Auch in unseren Partnergemeinden gibt es große Wissenslücken. Die Folgen können fatal sein! Gemeinden löschen massenweise Daten, was sie gar nicht müssten, sie halten Daten für riskant und stellen ihre sowieso oft schon nicht ausreichend aufgestellte digitale Kommunikation ganz ein. Die Kirche wird also aufgrund eines Gesetzes, das eigentlich in ihrem Sinne sein sollte, noch weniger Menschen erreichen.

Frage: Das heißt, die DSGVO macht kirchliche Arbeit unmöglich?

Steffensen: Nichts an der DSGVO verhindert kirchliche Arbeit. Dass die Kirchen sich seit Jahren der Entwicklung verweigern, ist das Problem.

Frage: Mitarbeiter des Bistums Rottenburg-Stuttgart können nicht mehr einfach E-Mails an Menschen außerhalb der Institution verschicken, das Bistum Freiburg überträgt Gottesdienste vorerst nicht mehr ins Internet.

Steffensen: Ich bin kein Anwalt, aber soweit ich weiß, unterscheidet sich die DSGVO nicht wesentlich von den vorherigen Rechtsvorschriften. Es war also schon immer so, dass Sie um Erlaubnis fragen müssen, wenn Sie jemanden fotografieren oder filmen. Zudem ließe sich ein Gottesdienst auch streamen, ohne Gesichter der Gemeinde zu zeigen. Diese Maßnahmen klingen wie eine Reaktion aus Angst – das passt nicht zur Kirche.

Frage: Manche Landeskirchen programmieren jetzt eigene Messenger, weil sie nicht wollen, dass ihre Pastoren WhatsApp nutzen. Ist das eine gute Idee?

Steffensen: Ich kenne so etwas zumindest außerhalb von Deutschland nicht. Datenschutz ist eine wichtige Angelegenheit, aber es wird kaum möglich sein, die Menschen von einem kirchlichen Messenger zu überzeugen. Will Kirche Menschen treffen, wo sie sind, und in Beziehung bringen, halte ich eigene Messenger für keine gute Idee.

Frage: Ist die Kirche bisher zu locker mit ihren Daten umgegangen?

Steffensen: Wir veröffentlichen seit Monaten Artikel und schulen Kirchenvorstände. Aber um ehrlich zu sein: Die meisten Gemeinden haben nicht viel Zeit damit verbracht. Das Problem ist ihnen nicht bewusst.