Es ist erstaunlich, dass bisher so wenige Klagen über Machtmissbrauch aus den deutschen Theatern zu hören sind (mal abgesehen vom offenen Brief, in dem sich 60 MitarbeiterInnen des Wiener Burgtheaters zu Beginn des Jahres über die Umgangsformen und Herrschaftsmethoden ihres ehemaligen Direktors Matthias Hartmann beklagten). Denn das Theater ist ein Habitat, in dem die Grenze zwischen dem Privaten und dem Beruflichen extrem schwer zu ziehen ist. Wo endet das spielerische, intensive, künstlerisch freie und riskante Zusammensein, also die Theaterprobe, und wo beginnt der von oben verordnete Gruppenterror, der Missbrauch von Macht?

Im Spiegel wird über das Schauspiel Köln berichtet. Mehrere (ehemalige und aktuelle) Mitarbeiter, die meisten werden namentlich nicht genannt, werfen dem Intendanten Stefan Bachmann Mitverantwortung an einer "toxischen Atmosphäre" im Haus vor. An dem üblem Betriebsklima sei in erster Linie Bachmanns Frau, die Schauspielerin Melanie Kretschmann, schuld. Kretschmann habe sich, so ein vom Spiegel ventilierter Vorwurf, unter Bachmanns Schutz in Köln zu einer Art Schattenintendantin entwickelt, sie habe andere Mitglieder des Ensembles manipuliert, gemobbt und tyrannisiert; ihr Mann habe ihr nicht Einhalt geboten, sondern ihr den Rücken gestärkt.

Stefan Bachmann hat sich vor seinem Kölner Engagement als Familienmensch bezeichnet – womit er wohl ausdrücken wollte, das prädestiniere ihn für die Leitung eines Theaters. Und tatsächlich berufen sich die meisten, die an Bühnen arbeiten, immer noch auf den Begriff "Theaterfamilie".

Es gibt im Theater die tollsten Überschneidungen privater und beruflicher Verhältnisse. Durchaus gängig, dass ein Intendant seine Frau, sein Kind, seinen Schwager oder wen auch immer aus dem eigenen Umfeld an seinem Haus anstellt; dass ein Regisseur seine Geliebte mit Hauptrollen beschenkt; dass die Starschauspielerin zur privaten Partnerin des Schauspieldirektors wird. Der Dramaturg umwirbt die Regieassistentin, der Regisseur liebt die Bühnenbildnerin. All dies geschieht nicht aus dem Grund, aus dem der europäische Adel seine Nachkommenschaft so gern querverheiratete – damit die Macht blieb, wo sie war, nämlich in höchsten inzestuösen Kreisen. Im Theater gibt es andere Gründe: Bühnenmenschen lernen wegen ihrer Berufsbesessenheit und der damit einhergehenden Alltagszeitknappheit keine anderen Menschen kennen als ihresgleichen. Und warum sollten sie auch Partner außerhalb des eigenen Milieus suchen? Schließlich ist allgemein bekannt, dass Theaterleute die schönsten und reizendsten Exemplare der menschlichen Gattung sind.

Dennoch wäre es den Sitten an den Theatern zuträglich, wenn sich zumindest die leitenden Herrschaften dazu verpflichteten, auf die Anstellung ihrer Verwandten, Geliebten und Lebenspartner möglichst zu verzichten. Es wäre ein recht einfacher, plausibler erster Zug beim Versuch, den Machtmissbrauch einzudämmen. Und dann könnte man weitermachen mit dem großen Projekt, das unter dem Arbeitstitel "Abflachung der Hierarchien" an vielen Häusern diskutiert wird.

Die Eheleute Bachmann und Kretschmann weisen die in Köln gegen sie erhobenen Vorwürfe übrigens zurück. Aber wie sagte Karl Kraus: "Das Wort 'Familienbande' hat einen Beigeschmack von Wahrheit."