Die Murakami-Sucht zu beschreiben ist eine Herausforderung. Mit seinen Büchern geht es einem wie mit der sonntäglichen Liturgie, alles weicht nur in unbedeutenden Nuancen voneinander ab, man kennt die Rezeptur in- und auswendig, aber man kommt davon nicht los.

Bei unserem Treffen vor zwei Jahren in Dänemark hatte der ewige Nobelpreisanwärter seinen neuen zweibändigen Roman gerade beendet und ruhte sich davon aus. Beim Schreiben, sagte Murakami damals, habe er sich gefühlt, als wäre er hunderttausend Jahre alt und lebte in einem großen Käfig. Es sei dunkel und kalt in diesem Käfig, es gebe gefährliche Tiere, die Menschen säßen eng beieinander. Sie hätten Angst. Er erzähle diesen Menschen eine Geschichte, dann erwärmten sich ihre Herzen. Der zweibändige Roman Die Ermordung des Commendatore, so konnte man daraus schließen, soll also so etwas sein wie ein Überlebensbuch für die Menschen im großen Käfig der Spätmoderne, in dem sie in seelischer Dunkelheit und emotionaler Kälte zusammengedrängt sitzen und nicht verstehen, wozu.

In der Regel spielen Murakamis Romane in der geheimnislosen Welt der vereinsamten Großstädter, die er nach der Arbeit in ihren engen Wohnungen geduldig dabei beobachtet, wie sie sorgfältig ein paar Salatblätter auf einen beängstigend weißen Porzellanteller drapieren. Im Inneren dieser farblosen Einzelgänger brennt dennoch eine Art spätmetaphysisches Feuer, warum auch immer. Dazu gibt Murakami keine sehr ergiebigen Auskünfte.


Besonders anziehend in seinen Romanen ist der angenehme, niedrigtourige Stil, in dem sie geschrieben sind. Er wirkt extrem aufgeräumt und frisch geduscht, er ist nie gereizt und nie erregt, kennt weder Tiefen noch Höhen. Dieser Stil bewahrt Murakami vor dem Kitsch der Unterhaltungsliteratur. Aber auch vor der muskulösen Coolness, den anbiedernden Soziolekten und den manieristischen Schlaumeiereien, mit denen ein großer Teil der gegenwärtigen Bestsellerliteratur auf sich aufmerksam macht. Diesen einfachen und zurückhaltenden Stil hat Murakami gefunden, indem er sein erstes Buch, nachdem es fertig und seiner Ansicht nach schlecht war, in sein ehrgeizloses Schulenglisch übertragen hat. Seither schreibt er ein Buch nach dem anderen in einer Sprache, die wie höfliches Schulenglisch klingt, auf der ganzen Welt verstanden wird, niemandem zu nahe tritt und seltsam befreiend wirkt.

Viel Lärm um Nichts

Auch in der Ermordung des Commendatore , dessen erster Band auf Deutsch im Januar erschien (ZEIT Nr. 5/18), schreibt der Erzähler, ein ungefähr 35-jähriger Porträtmaler, wieder in diesem geschmacksneutralen, suggestiven Stil. Äußerlich geschieht in diesem ausufernden Spätwerk des bald 70-jährigen japanischen Autors nicht besonders viel. Gemessen am verwickelten, personalintensiven Geschehen in seinem vorherigen dreibändigen Thriller 1Q84 sogar beinahe nichts. Der Erzähler siedelt sich nach der Trennung von seiner Frau im leer stehenden Haus eines alten japanischen Malers an, der in einem Altersheim auf seinen Tod wartet. Ein anderer Mann, der mit Mitte fünfzig in der IT-Branche genug Geld verdient hat, um sich aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen, wohnt auf der anderen Seite des weltverlorenen Tals. Ein 13-jähriges Mädchen lebt in der Nachbarschaft.  

In den Nebenrollen gibt es ein paar benutzerfreundliche Bettgespielinnen der beiden Protagonisten, einen geisterhaften Zwerg, den "Commendatore" aus einem Bildnis nach Mozarts Oper Don Giovanni und ebenden dahinsiechenden berühmten japanischen Maler, in dessen Haus der Erzähler neun Monate lang lebt. Im Großen und Ganzen ereignet sich nicht viel mehr, als dass zwei einsame Vorruheständler in einem betörenden Retro-Idyll in den japanischen Bergen tausend Seiten und neun Monate lang um ein halbwüchsiges Mädchen kreisen, über dessen Busengröße ein etwas penetrantes Gewese veranstaltet wird. Die Herren treffen sich, telefonieren miteinander, beobachten sich gegenseitig, mal mit, mal ohne Fernrohr, besuchen einander im Jaguar oder im Toyota.

Das Buch ist ein internationales Mythen- und Markenpotpourri

Zwischendurch wird ausführlich Essen zubereitet, Kaffee und Whisky getrunken, Musik gehört, gemalt und gelesen. Im Haus des moribunden Malers gibt es eine ausgezeichnete Schallplattensammlung, immer wieder dreht sich die Langspielplatte mit dem Rosenkavalier auf dem Plattenteller, stundenlang. Der IT-Millionär auf der anderen Talseite übt auf seinem Flügel Mozart-Sonaten. Der Porträtmaler übertrifft sich selbst, als er der Reihe nach erst den reichen Nachbarn und dann die eigenwillige Jungfrau von nebenan porträtiert, eine frühpubertäre Männerfantasie nach dem Vorbild von Goethes Mignon. Gelegentlich geistert der Kunst-Zwerg durch die Seiten. Für alles und jedes gibt es in diesem postdigitalen Frührentner-Paradies genug Zeit und Geld, auch für meditative Achtsamkeitsübungen wie diese: "In der Stille des Wäldchens vernahm ich sogar das Rauschen, mit dem die Zeit verfloss und mein Leben verstrich. Ein Mensch vergeht, ein anderer entsteht. Ein Gedanke vergeht, ein anderer entsteht. Auch mein Tag für Tag sich vollziehender Verfall barg ein Entstehen. Nichts blieb sich gleich. Und die Zeit ging verloren. Zerfiel hinter mir im toten Sand und verschwand. Ich saß nur vor dem Loch und lauschte dem Sterben der Zeit."

Wie gewohnt ist auch dieser Murakami ein internationales Mythen- und Markenpotpourri. Das Essen ist weitgehend japanisch. Bei den Automarken macht sich im Vergleich zum stark Toyota-lastigen Frühwerk eine gewisse altersmilde Toleranz für europäische Karossen bemerkbar. Die literarischen Motive sind mehr oder weniger recycelte Schnipsel aus der Jenaer Romantik, der griechischen Antike, der katholischen Fabelwelt und der Wiener Psychoanalyse. Dies gilt vor allem für den aktuellen zweiten Band, in dem der Erzähler auf der Suche nach der urplötzlich verschwundenen Jungfrau in die Unterwelt seines Inneren hinabsteigt, die sich als ein nachtschwarzes, geburtskanalartiges Höhlensystem samt Totenfluss und Fährmann entpuppt, an dessen Ende der japanische Orpheus unversehrt in seinem Garten in einer im ersten Band dort freigelegten uralten uterusartigen Grabkammer landet, sich den Staub des Jenseits aus den Kleidern schüttelt und zu seiner Ehefrau zurückkehrt.

Eine Privatgrabkammer

Das ist viel, ehrlich gesagt viel zu viel alteuropäischer Theaterdonner für ein vergleichsweise bescheidenes Ergebnis: Aus der Geisterbahnfahrt durch die dunklen Tiefen des Hades – eine Art Kinderbuchfassung von Novalis’ Hymnen an die Nacht – kommt der Murakami-Held nicht abendländisch geläutert und metaphysisch gestärkt zurück, sondern als der, der er immer schon war, ein bescheidener, nicht besonders ambitionierter japanischer Kleinkünstler, der sich hernach wieder brav als Porträtmaler verdingt und sich fürsorglich um seine Tochter kümmert, die er während der neunmonatigen Trennung im Traum mit seiner Ehefrau gezeugt haben will. Immerhin eine echte Jungfrauengeburt aus der Kraft der literarischen Einbildung.

Mit der Geschichte vom bescheidenen japanischen Porträtmaler, dessen exzentrischem, superreichem Gatsby-Freund und dem Mozart-Rumpelstilzchen in der märchenhaften Enklave für spirituell aufgeschlossene, alteuropäische Nostalgiker hat sich der zurückgezogen lebende Weltbestsellerautor und Schallplattensammler Murakami selbst ins Bild gesetzt. Die Fernsehbilder vom Erdbeben und von der Nuklearkatastrophe von Fukushima, die auf den letzten Seiten durch den Roman huschen, machen die Sehnsucht nach der literarisch ansprechend möblierten Privat-Grabkammer, als die sich dieser Roman empfiehlt, nur noch dringender.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore.
Roman; aus dem Japanischen von Ursula Gräfe; DuMont Buchverlag, Köln 2018.
Band 1: Eine Idee erscheint. 480 S., 26,– €, als E-Book 20,99 €
Band 2: Eine Metapher wandelt sich. 496 S., 26,– €, als E-Book 20,99 €