Wenn Fatou Diallo von ihrem besten Freund erzählt, schließt sie ihre Augen, als könnte sie ihn so zurückholen. Die Senegalesin sitzt in ihrem Zimmer in einem Flüchtlingscamp am Stadtrand Hamburgs und schwärmt von Mourtala M. Der Raum ist karg eingerichtet: ein großes Bett, ein kleiner weißer Nachttisch, an der Wand ein robuster Schrank. "Ohne Mourtala", sagt sie, "wäre hier gar nichts." Unter all den Männern des Flüchtlingscamps sei er der einzige gewesen, der ihr beim Umzug geholfen habe. Spätabends nach der Arbeit kam er noch vorbei und schleppte mit ihr die Möbel in den dritten Stock. "Er war einer der besten Menschen, die ich kannte", sagt sie. "Sanft, aufmerksam und hilfsbereit."

Ein paar Monate nach dem Umzug wurde Mourtala M. zum Mörder. Mitten in Hamburg und nur wenige Meter vom Rathaus entfernt erstach er in der S-Bahn-Station Jungfernstieg am helllichten Tag zwei Menschen: seine 34-jährige Ex-Freundin Sandra P. und die gemeinsame einjährige Tochter. Das Mädchen starb noch auf dem Bahnsteig, die Mutter erlag ihren Verletzungen wenig später im Krankenhaus. M. wurde nahe dem Tatort festgenommen, er hatte die Polizei selbst gerufen und die Tat sogleich gestanden.

Fatou Diallo sitzt kerzengerade auf ihrem Bett, während sie spricht. Die 35-Jährige heißt eigentlich anders, aber sie möchte ihren Namen nicht veröffentlichen, zu groß die Angst, auf ewig mit einem Mörder verbunden zu werden. Diallo zeigt auf das Spielzeug in der Ecke. Damit habe M.s Tochter vor Kurzem gespielt, als die beiden zu Besuch waren. "Er hat sie geliebt", sagt sie. Er habe die Windeln gewechselt, hier auf dem Bett, sie gefüttert, dort in der Ecke, habe seine Tochter behandelt wie einen Schatz. Diallo scrollt auf ihrem Handy durch Fotos: Ein Mann mit starken Armen hält ein kleines Mädchen mit Schnuller und rosa Mütze. "Wirklich, sie war alles für ihn", sagt sie.

Wie konnte er sie nur erstechen?

Rekonstruiert man die letzten Monate und Jahre in Mourtala M.s Leben, lernt man einen Mann kennen, der halb Afrika durchquert hat, um nach Deutschland zu gelangen, der dann haderte und strauchelte und nie wirklich hier ankam. Einen Mann, der schließlich ein Kind zeugte, das Hoffnung keimen ließ in seinem tristen Alltag, und der dann ebendiese Hoffnung und zwei Leben auf brutale Weise zerstörte.

Mourtala M. gehört im Niger den Tuareg an, er ist ein frommer Muslim

Versucht man diesen Mann und seine Tat zu verstehen, bleiben Leerstellen. Aufseiten des Opfers möchte niemand mit der Presse sprechen, zu groß sind der Schock und die Trauer. Auch die meisten Wegbegleiter Mourtala M.s geben nur unwillig Auskunft. Sie haben Angst, mit M. in einen Topf geworfen, als kriminelle, gewalttätige Flüchtlinge abgestempelt zu werden. Vieles können auch sie nicht erklären. Trotzdem ist es möglich, sich Mourtala M. zu nähern, über Gespräche mit Bekannten und Behördenvertretern und auch über das, was im Innenausschuss des Hamburger Stadtparlaments besprochen wurde. Die oppositionelle CDU hatte das Thema am Ende ohne eindeutiges Ergebnis auf die Tagesordnung gesetzt: Hatten die Behörden Fehler gemacht, hätte die Tat verhindert werden können? Nimmt man diese Quellen zusammen, entsteht das Bild eines Mannes, der eine große Wut in sich trug, der manchmal Probleme hatte, diese Wut zurückzuhalten, und der am Ende ausrastete.

Mourtala M. stammt aus einer 150 000-Einwohner-Stadt namens Tahoua im westafrikanischen Niger. Er gehört den Tuareg an, einem Volk von Berbern, dessen Mitglieder einst nomadisch lebten. Als junger Mann verließ er seine Stadt und zog nach Libyen, wo er als Gärtner und Stuckateur arbeitete. Während der politischen Unruhen nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi floh M. nach Europa. Über Italien kam er im April 2013 in Hamburg an und schloss sich einer Bewegung afrikanischer Flüchtlinge und Migranten an, die sich Lampedusa-Gruppe nannte und das Ziel hatte, im Kollektiv ein dauerhaftes Bleiberecht zu erkämpfen. Plötzlich stand M. inmitten einer hitzigen politischen Debatte. Die Stadt stritt darüber, wie mit diesen Migranten umzugehen sei. Unterstützt von linken Aktivisten, fand M. mit Dutzenden anderen Lampedusa-Flüchtlingen Unterschlupf in einem Matratzenlager in einer Kirche im Stadtteil St. Pauli. Nach einigen Monaten löste er sich von der Gruppe und beantragte eine Aufenthaltserlaubnis.

Hört man sich unter M.s einstigen Mitstreitern um, erzählen sie von einem in sich gekehrten, schüchternen Mann, der kaum Englisch und kaum Deutsch sprach und deshalb meist nichts sagte, sondern nur freundlich lächelte. M. war offenbar nur wenige Jahre zur Schule gegangen und kaum alphabetisiert, Sprachen zu lernen fiel ihm schwer.

Wirklich kennengelernt scheinen ihn nur wenige zu haben, und die wenigen erzählen zögerlich. Woran sich aber einige erinnern können: dass M. in der Kirche in St. Pauli durch Aggression aufgefallen sei. Einmal habe er herumgeschrien und eine Bank durch die Gegend geschleudert. Ein anderes Mal, will sich einer erinnern, habe er einen anderen Flüchtling mit einer Gabel bedroht. Niemand dachte sich etwas dabei. Alle möglichen Leute der Gruppe gerieten aneinander. Spielten sie Fußball, sei kaum ein Match ohne Streit verlaufen. Wen würde es wundern? Natürlich gibt es oft Ärger, wenn Hunderte Männer mit unsicherer Zukunft über Monate auf sehr engem Raum zusammenleben.