Wenn der Katholizismus eine Religion fürs Auge ist, dann ist Fronleichnam das katholischste Fest überhaupt. Am Kölner Dom, zum Beispiel, dauert der Einzug der liturgischen Heerscharen in die Kathedrale weit über fünf Minuten. Unter Chorgesang und Posaunenklängen – Fronleichnam ist auch das Hochfest der Blechbläser – defilieren Dutzende, aber wirklich Dutzende Messdiener an den Besuchern vorbei. Dann folgen Diakone, Priester, Prälaten, Zelebranten, Konzelebranten, Domherren und am Schluss der Bischof selbst, der ein Kardinal zu sein pflegt. Es ist ein Sinnesrausch aus Rot, Violett, Gold, Weiß und Purpur. Und die Straßenprozession erst! Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen! Stimmen dir ein Loblied an!

Wenn dann der ganze Zug über den Roncalliplatz kommend zum Dom zurückkehrt, eingehüllt in wolkenhohe Weihrauchschwaden, der Kardinal mit der Monstranz in seiner Mitte, über ihm ein prachtvoller Baldachin, der, wie die Monstranz auch, aus dem Fundus der Domschatzkammer stammt und unbezahlbar ist, dann versteht man, warum Katholiken das Fest lieben und Martin Luther es hassen musste. Dieser ganze (wunderbare) Tand und Schmock! Aber Fronleichnam ist mehr als das. Es ist mehr als eine Prozession, es ist eine Demonstration. Eine Demonstration, bei der nicht nur die weltlichen, sondern auch die theologischen Kronjuwelen präsentiert werden. Öffentlich für jedermann sichtbar, in einem politischen Akt. Fronleichnam ist das katholischste und zugleich das öffentlichste aller Feste. Damit ist es auch eine Einladung an alle. Zum Fronleichnamsdonnerstag kann sich ein jeder aufmachen und mitdemonstrieren. Fronleichnam ist nicht nur harte Theologie, sondern auch allgemeines Brauchtum, das Schaulustige anzieht – wie ein Karnevalsumzug.

Die gemeinsame Wortherkunft der Monstranz und der Demonstration, das lateinische Verb "monstrare" (zeigen, weisen), ist kein Zufall. Die Katholiken zeigen bei diesem Fest etwas, das sie fast exklusiv haben: ihre eigene Abendmahlslehre nämlich, von der sie nach der Reformation glaubten, sie möglichst pompös feiern zu müssen.

"Es ist das allerschändlichste Fest", schreibt Luther 1530 denn auch. "An keinem Fest wird Gott und sein Christus mehr gelästert, denn an diesem Tage und sonderlich mit der Prozession. Denn da tut man alle Schmach dem heiligen Sakrament, dass man’s nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet." Abgötterei, Martin? So geht natürlich die katholische Sichtweise nicht. Sie besagt, dass Katholiken an Fronleichnam (mittelhochdeutsch vrône lîcham, Leib des Herrn) die leibliche Gegenwart Jesu im Sakrament der Eucharistie feiern. Heißt, Christus ist nach der Wandlung im Brot, das dann allerdings seiner Natur nach kein Brot mehr ist, sondern nur noch die Gestalt von Brot hat, real gegenwärtig.

Bayern - Fronleichnam-Prozession auf dem Staffelsee Die Fronleichnamsprozession auf dem Staffelsee mit geschmückten Booten und Musik ist einmalig in Bayern. Bewohner befürchten eine Kommerzialisierung der katholischen Tradition. © Foto: Foto: Matthias Balk/dpa

Deshalb nimmt man an Fronleichnam eine besonders schöne und besonders große Hostie und trägt sie in einem goldenen Schaugefäß, eben der Monstranz, durch die Straßen der Stadt oder auch über Äcker oder über Seen. Dabei macht man allerlei Ehrfurchtsbezeigungen. Der Priester darf die Monstranz nur mit einem Tuch über den Händen, dem Velum, anfassen, über der Monstranz spannt sich ein Baldachin, unter Gesang und Gebet wird sie fortgetragen, über Blumenteppiche und Altarstationen hinweg. Es wird also, den Erfindern des Festes zufolge, kein bloßes Brot derartig verehrt, sondern der Heiland selbst. Theologisch ausgedrückt: Man feiert an Fronleichnam die Realpräsenz. Damit zeigt man anderen christlichen Konfessionen, wo der Hammer hängt. Denn die extreme Form des Realpräsenzglaubens, den haben die Katholiken für sich allein.

Es handelt sich beim Hochfest des Leibes und Blutes Christi, wie es ausgewachsen heißt, demnach um das vielleicht prachtvollste Fest im ganzen Jahreslauf, das aber das Pech hat, zu Ehren einer theologischen Idee abgehalten zu werden, die weder jeder Katholik kennt noch jeder Katholik teilt. Was ja nur zeigt: Katholiken können sehr gut etwas feiern, das sie nicht unbedingt verstehen.

Historisch betrachtet ist Fronleichnam ein Abgrenzungsfest. Zwar wurde es von Papst Urban IV. schon im 13. Jahrhundert offiziell eingesetzt, aber zu größter Prachtentfaltung gelangte es erst während der Gegenreformation. Das in Sachen Gegenreformation notorische Konzil von Trient (1545–1563) fixierte die – nun katholische und nicht gesamtchristliche – Abendmahlslehre im Dekret über die Eucharistielehre: "Zu Beginn lehrt die heilige Synode und bekennt offen und ohne Einschränkung, dass im segensreichen Sakrament der heiligen Eucharistie nach der Konsekration von Brot und Wein unser Herr Jesus Christus, wahrer Gott und Mensch, wahrhaft, wirklich und substanzhaft unter der Gestalt jener sinnlichen Dinge enthalten ist." Wer seither etwas anderes behauptete, der log, oder, in Konzilssprech: "Der sei ausgeschlossen" (lat.: anathema sit).