Eins mit Sternchen

Er versteht sich als "maßgebliche Instanz für alle Fragen zur deutschen Sprache und Rechtschreibung" und residiert in Hörweite der Stadtautobahn. Wohngegend in Wilmersdorf, altes West-Berlin. Auf den Klingelschildern steht Cornelsen Verlag und Bibliographisches Institut. Dahinter verbirgt sich: der Duden.

Hier werden Schulmaterialien und Sachbücher herausgegeben, aber vor allem die berühmten Wörterbücher betreut und Anfragen zum Gebrauch des Deutschen an sich beantwortet. Die Wörterbuch-Redakteurin Melanie Kunkel erzählt gleich von ihrer Arbeit: von all den Werbetextern, Journalisten, Lehrern und Quizshow-Angestellten, die um Hilfen bitten, von Leuten, die alle möglichen Wörter zur Aufnahme in den Duden vorschlagen. Und natürlich, und deshalb sind wir hier, von der sogenannten Genderdebatte. Die ist es, die das Haus in Atem hält wie seinerzeit nur die Rechtschreibreform.

Zum Beispiel im letzten November: "Duden-Redaktion fehlen die Worte", verkündete die Bild-Zeitung, da das Wörterbuch zwar die Personalpronomen (ich, du, er, sie, es) verzeichnet, aber keines für das dritte Geschlecht. Daraufhin kamen Zuschriften zuhauf. Frau Kunkel erinnert sich an ein "_Is_" zur Bezeichnung intersexueller Menschen, an das von "Diverse" abgeleitete "div" und die (selbsterklärende) Form "ERSIE". Der Anteil sarkastisch gemeinter Anregungen sei bei diesem Thema übrigens relativ hoch, sagt Melanie Kunkel.

Das zumeist aber ganz praktisch begründete Interesse an der sogenannten geschlechtergerechten Sprache hat damit zu tun, dass sie in vielen Bereichen schon längst in Gebrauch ist. Wobei die Regeln der amtlichen Rechtschreibung manchmal gebrochen werden und ein andermal wieder nicht. Beispiel: die neue Fassung der Straßenverkehrsordnung, in der die männliche Personenbezeichnung durch eine geschlechtsneutrale Partizipialbildung ersetzt ist, sodass also nicht mehr von "Fußgängern", sondern "zu Fuß Gehenden" die Rede ist. Oder das Gendersternchen ("Politiker*innen"), das bei den Grünen in jedem Antrag stehen muss, seitdem die Partei dieses beschlossen hat. In Hochschulen konkurrieren Partizipialformen ("Studierende") oder Doppelnennungen ("Studentinnen und Studenten") mittlerweile mit ungewohnten Varianten wie dem neu erfundenen generischen Femininum ("Herr Professorin").

So geht es in Examensarbeiten und der Fachliteratur weiter. Bis hin zu einer Neuauflage des Buchs der Bücher. Die 2006 erschienene Bibel in gerechter Sprache spricht von "Jüngerinnen und Jüngern" und "Pharisäerinnen und Pharisäern", weil, nach sozialgeschichtlicher Erkenntnis, unter beiden Gruppen auch Frauen gewesen sein sollen.

Allgemeine Aufregung, als der Duden den Ratgeber Richtig gendern herausbrachte. Die Linguistinnen Gabriele Diewald und Anja Steinhauer erörtern darin durchaus ermunternd, welche Möglichkeiten "die Sprache und andere Zeichensysteme" bieten, "geschlechtergerecht" zu schreiben, und zwar so, dass dabei "ansprechende und lesbare Texte" herauskommen. In diesem Sinn behandeln sie Partizipialkonstruktionen, Schräg- und Bindestriche, Binnen-I, Gendersternchen und den Unterstrich. Die Autorinnen betonen aber den lediglich beschreibenden Charakter ihrer Handreichung. Auch dürfe der Titel Richtig gendern nicht im normativen Sinne verstanden werden: "Es gibt keine Norm für diesen Bereich, die vergleichbar wäre mit anderen Normen in sprachlichen Bereichen wie zum Beispiel der Rechtschreibung. Und wir wollen keinesfalls solche Normen setzen."

Diese Einschränkung konnte aufgebrachte Kritiker der Broschüre nicht beschwichtigen. Die Duden-Redakteurin Kunkel legt einen Stapel Postkarten auf den Konferenztisch. Die seien vom "Verein Deutsche Sprache" auf der Leipziger Buchmesse unters Volk gebracht worden – als Protestaktion. Vorne darauf das Cover des Ratgeber-Titels und darüber die Zeile "Gender-Neusprech? Sprachzensur!" sowie ein Stoppschild. Auf der Rückseite die handgeschriebenen Botschaften von Leuten, die diese Karten dann frankierten und an die Duden-Redaktion schickten: "Bis zur 'Wende' war der DUDEN für mich noch eine Autorität!", steht da zum Beispiel. "Schämen Sie sich!" Und Pegida-Anklänge in den Kundenrezensionen auf Amazon ("dass sowas das Licht der Welt je erblickt hat – bitte kneife mich mal jemand. Das ist nicht mehr das Land, in dem ich 'gut und gerne lebe'"). Aber harscher Widerspruch auch von fachlich qualifizierter Seite. Der Linguist Peter Eisenberg, Sigmund-Freud-Preisträger und Autor gleich mehrerer Standardwerke zur Grammatik, zürnt in der FAZ: "Manipulation des Sprachgebrauchs, Manipulation der Sprachnorm und Ridikülisierung der Grammatik: Der Preis, der für eine Anbiederung an den Zeitgeist gezahlt wird, ist hoch. Für Wissenschaftlerinnen viel zu hoch."

Das generische Maskulinum

Der Zeitgeist? Über die Sprache im Geschlechterverhältnis wird schon viel länger diskutiert, als vom Gendern die Rede ist. "Die Frauenrechtler", schrieb Karl Kraus im Jahr 1912 (also vor 106 Jahren), "mögen verzweifeln, es läßt sich nun einmal nicht ändern: die Sprache hält’s mit dem Mann. Sie ist noch immer nicht emanzipiert. 'Jeder' kann sich tatsächlich auch auf Frauen beziehen; aber das eben sollte sie ins Harnisch bringen, daß die Sprache zur Bezeichnung einer Allgemeinheit das Maskulinum gewählt hat." Kraus schlug damals vor, das Wort "jedermann" durch das "einzig zeitgemäße 'jedefrau'" zu ersetzen.

Ende der 1970er Jahre etablierte sich, vor allem durch die Arbeiten der Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch, die akademische feministische Linguistik. Pusch hatte es auf das generische Maskulinum abgesehen, eine bislang nicht im Sinne des Sexus verstandene maskuline Form, die sowohl das männliche als auch das weibliche biologische Geschlecht unter sich versammeln kann. Zur sprachlichen Gleichberechtigung von Frauen schwebte Luise Pusch ein Stufenmodell vor, das auf die Abschaffung der weiblichen Endung "-in" hinauslief. "Die Professor, der Professor, das Professor": Natürlich polarisierte dieser Traum von der Egalisierung der Geschlechter durch eine neutrale Gattungsbezeichnung. Dabei wären solche Eingriffe ja noch zaghaft gewesen – jedenfalls im Vergleich zu dem vor einigen Jahren hämisch kommentierten Grammatikprojekt von Lann Hornscheidt (nach selbst definierter Schreibweise "einx ehemal_igx Professx der Humboldt-Un_iversität").

Und jetzt? Am 8. Juni, also in zwei Wochen, trifft sich in Wien der Rat für deutsche Rechtschreibung, was unter gewöhnlichen Umständen kaum ein Datum wäre, das die Öffentlichkeit elektrisiert, sondern eher etwas für die sprachwissenschaftliche Fachwelt. Die Umstände sind aber nun einmal nicht gewöhnlich. Es trifft sich nämlich bei dieser Gelegenheit auch die "AG Geschlechtergerechtes Schreiben": Weil im Rechtschreibrat diesmal nicht nur über Zeichensetzung, Schuldidaktik und linguistische Textkorpora verhandelt werden soll, sondern – zum ersten Mal in seiner Geschichte – auch über die Rolle der Rechtschreibung im Geschlechterverhältnis, ist das Gremium in die Genderdebatte geraten. Für die hier versammelten Fachwissenschaftler ein Problem: Sie haben es nun nicht bloß mit einer orthografischen, sondern vor allem mit einer politischen Angelegenheit zu tun.

Aus der Politik kam jedenfalls der Anstoß, sich überhaupt mit dem neuen Diskussionspunkt zu befassen. Die Gleichbehandlungsstelle der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung hatte den Rechtschreibrat um Formulierungshilfen gebeten. Die Frage lautete: Wie sollen Personen angeredet werden, die sich nicht anhand der Kategorien von Mann und Frau identifizieren lassen? Dazu muss man wissen, dass der Rechtschreibrat eine Macht besitzt, die der Duden nicht mehr hat, seitdem mit der Rechtschreibreform von 1996 auch das sogenannte Duden-Privileg gefallen ist. "Maßgebend in allen Zweifelsfällen": Das stand bis dahin auf dem Wörterbuch, weil der Staat dem Duden ein quasi amtliches Regelungsmonopol eingeräumt hatte. Heute aber ist es der Rechtschreibrat, der auf die amtliche Rechtschreibung einwirken kann. Er versammelt 41 Fachwissenschaftler aus den deutschsprachigen Ländern und Regionen, also aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens: Beschließen sie eine Regeländerung, befasst sich die deutsche Kultusministerkonferenz damit. Stimmt sie zu, ist die Änderung amtlich. Der Duden hingegen beobachtet den Sprachgebrauch und nimmt neue Wörter ins Wörterbuch auf. Regeln ändern darf er nicht.

In ihren Pfingstferien rufen wir Kathrin Kunkel-Razum an, die Leiterin der Duden-Redaktion ist und zugleich Mitglied des Rechtschreibrates (aber nicht verwandt mit Melanie Kunkel, der Redakteurin). Geschlechtergerechtes Schreiben? Kunkel-Razum betont, dass der Rat hier "völliges Neuland" betrete. Wohin die Diskussionen führen könnten, das sei noch gar nicht absehbar. Ebenso wenig verbindliche Resultate. Man müsse sich erst einmal auf den Stand der Dinge bringen. "Meine Position dazu", sagt Kunkel-Razum, "ist die, dass der Rat Möglichkeiten aufzeigen könnte. Er könnte Leuten, die gendern wollen, Empfehlungen geben, wie man das macht. Aber eben nur Empfehlungen. Nicht normativ und nicht bindend." Dass die Politik auf diesem Gebiet tätig wird, hält sie ohnehin für unwahrscheinlich: "Soll plötzlich jeder Text gegendert werden? Diesen Schuh wird sich die Kultusministerkonferenz wohl kaum anziehen."

Der gleiche Balanceakt, meint Kunkel-Razum, sei beim Duden tagtäglich zu bewältigen: "Wir können uns nicht gegen das amtliche Regelwerk stellen. Aber trotzdem jeden beim Gendern zur sprachlichen Kreativität ermuntern, der nicht gezwungen ist, die amtliche Rechtschreibung zu verwenden." Den Ratgeber Richtig gendern habe man übrigens nicht zuletzt aus einem pragmatischen Grund herausgegeben. Eine Frage der Kapazität: Die zahllosen E-Mails, Briefe und Fragen an die telefonische Sprachberatung seien kaum noch zu bewältigen gewesen. Der Duden als Dienstleister.

Ein heikler Fall ist das Gendersternchen

Vor Kurzem ist eine Sparkassenkundin vor den Bundesgerichtshof gezogen, weil sie auch in unpersönlich formulierten Vordrucken nicht weiterhin als "Kunde", sondern als "Kundin" angesprochen werden will. Das Gericht hat diese Klage abgewiesen. Was sagt die Duden-Chefin dazu? "In der Urteilsbegründung steht, dass das generische Maskulinum seit Langem üblicher Sprachgebrauch sei und schon deshalb weiterhin verwendet werden darf. Außerdem verweist das Gericht darauf, dass auch das Grundgesetz nicht gegendert ist. Das halte ich für eine abenteuerliche Argumentation. Die Sprache ist doch immer im Wandel. Und sie bildet Machtverhältnisse ab. Auch da, wo sie ungerecht sind und deshalb verändert werden sollten."

Ein weitaus heiklerer Fall aber ist das Gendersternchen (wie bei Student*innen). Es soll ein ganzes Spektrum von Geschlechtern umfassen, also auch Personen, die sich nicht im konventionellen Sinn als Mann oder Frau begreifen. Das Sternchen ist aber ein in der amtlichen Rechtschreibung gar nicht vorgesehenes Sonderzeichen. Seine Einführung bedürfte einer Regeländerung. Insofern war es eine sehr weitreichende Frage, die der Tagesspiegel zuletzt in einer Artikelüberschrift formulierte: "Kommt das Gendersternchen jetzt in den Duden?" Und noch bemerkenswerter der Vorgriff, den sich die Justizministerin Katarina Barley (SPD) erlaubte, als sie sich, ebenfalls im Gespräch mit dem Tagesspiegel, entzückt zeigte über eine derartige Aussicht. Sie freue sich "über jede Veränderung, die dazu beiträgt, unseren Blick auf andere Formen von Identität und Lebensweisen zu entspannen".

In einer schönen Berliner Villengegend wohnt Peter Eisenberg, der oben zitierte Linguist: Was er wohl vom Gendersternchen hält? Man sollte, schlägt Eisenberg vor, sich bloß einmal das Wort "Verlierer*innen" anschauen. Da werde im ersten Teil ("Verlierer") das Männliche sichtbar und im zweiten Teil ("innen") das Weibliche. Dazwischen das Sternchen. "Und dahinter verbergen sich alle anderen Geschlechter! Finden Sie das gerecht?" Weil das Sternchen gar keine sprachliche Bedeutung habe, könne man außerdem nicht wissen, welche Geschlechter damit gemeint seien, und auch nicht, wie viele – bei Facebook seien es zurzeit 60, auf anderen Listen 53. Es gehe hier also nicht um die Erzeugung einer Bedeutung, sondern lediglich um die "Anerkennungsgeste" einer Ideologie. "Und ich sage: Das ist eine Unterwerfungsgeste." Als Sprachwissenschaftler, klagt Eisenberg, habe er aber nur Argumente und keine politische Macht. Und die Justizministerin? "Wenn Katarina Barley nun einfach so sagt, dass das Gendersternchen in den Duden gehört, dann vergreift sie sich am Deutschen. Sie bevormundet den Rechtschreibrat. Sie bevormundet den Duden. Sie richtet Schaden an. Und sie tut das nicht als Privatperson, sondern als Mitglied der Bundesregierung."

Muss man sich Sorgen machen? Ist die Sprache tatsächlich durch den identitätspolitischen Aktivismus verschiedener Minderheiten und jetzt sogar von der Politik selbst bedroht? Als wir uns zum Kaffee treffen, kommt Anatol Stefanowitsch gerade aus der Vorlesung. Er ist Linguistik-Professor an der Freien Universität in Berlin und Autor der Streitschrift Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Eines möchte er besonders deutlich klarstellen. Es gebe, sagt Stefanowitsch, auf der Höhe des aktuellen Forschungsstands keine einzige linguistisch fundierte Verteidigung des generischen Maskulinums; auch dann nicht, wenn es Linguisten gebe, die dieses verteidigten – vor allem in Gastbeiträgen fürs Feuilleton. "Das Deutsche", stellt er fest, "ist nicht geschlechtergerecht. Das hat zum Teil mit seiner Struktur zu tun und zum Teil mit Traditionen des Sprachgebrauchs." Kommt das Gendersternchen jetzt in den Duden? Das hielte Stefanowitsch allerdings auch für fatal: "Hinter dem Gendersternchen steckt ja, ganz wertfrei gesagt, auch eine Ideologie. Über die man auf breiterer Ebene diskutieren sollte. Man kann die Allgemeinheit aber nicht per Beschluss dazu verpflichten, die Existenz mehrerer Geschlechter anzuerkennen." Beim Gendersternchen sei es wie mit dem Unterstrich, dem Binnen-I und anderen Änderungsvorschlägen: Verwenden genügend Leute eine Schreibweise so lange, dass sie sich als Tradition durchsetzt, so wird sie von selbst Teil des Systems. So funktioniere der Sprachwandel von unten. Je größer dabei die Kreativität, desto größer die Chance auf eine Sprache, die wirklich allen gerecht werde. Ist es denn wirklich so schwierig, fragt sich Anatol Stefanowitsch, das generische Maskulinum zu vermeiden? Und warum seien nicht mehr Schriftsteller sensibilisiert für eine geschlechtergerechte Sprache?

Ja, warum eigentlich nicht? Im Journal der Berliner Akademie der Künste ist gerade eine Erklärung aus der Sektion Literatur erschienen, in der sich Schriftsteller (darunter F. C. Delius, Monika Rinck und Kathrin Röggla) dazu äußern, wie sich die Akademie zur gendergerechten Sprache stellen soll. Darin heißt es: "Verständigung hat einen persönlichen, unberechenbaren Faktor – die Idee, man könne eine schwierige Sachlage per Sprachregelung ein für alle Mal lösen, ist eine Illusion. Alle Versuche, der Sprache ihre immanente Mehrdeutigkeit auszutreiben und sie mit der Vorgabe einer geschlechtergerechten Differenzierung zu verordneter Einsinnigkeit zu zwingen, führen zur Verarmung."

Schriftsteller, gibt Anatol Stefanowitsch noch zu bedenken, seien in puncto geschlechtergerechten Schreibens immer besonders konservativ. Und Journalisten auch.

Ist das noch Deutsch?