Der Zeitgeist? Über die Sprache im Geschlechterverhältnis wird schon viel länger diskutiert, als vom Gendern die Rede ist. "Die Frauenrechtler", schrieb Karl Kraus im Jahr 1912 (also vor 106 Jahren), "mögen verzweifeln, es läßt sich nun einmal nicht ändern: die Sprache hält’s mit dem Mann. Sie ist noch immer nicht emanzipiert. 'Jeder' kann sich tatsächlich auch auf Frauen beziehen; aber das eben sollte sie ins Harnisch bringen, daß die Sprache zur Bezeichnung einer Allgemeinheit das Maskulinum gewählt hat." Kraus schlug damals vor, das Wort "jedermann" durch das "einzig zeitgemäße 'jedefrau'" zu ersetzen.

Ende der 1970er Jahre etablierte sich, vor allem durch die Arbeiten der Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch, die akademische feministische Linguistik. Pusch hatte es auf das generische Maskulinum abgesehen, eine bislang nicht im Sinne des Sexus verstandene maskuline Form, die sowohl das männliche als auch das weibliche biologische Geschlecht unter sich versammeln kann. Zur sprachlichen Gleichberechtigung von Frauen schwebte Luise Pusch ein Stufenmodell vor, das auf die Abschaffung der weiblichen Endung "-in" hinauslief. "Die Professor, der Professor, das Professor": Natürlich polarisierte dieser Traum von der Egalisierung der Geschlechter durch eine neutrale Gattungsbezeichnung. Dabei wären solche Eingriffe ja noch zaghaft gewesen – jedenfalls im Vergleich zu dem vor einigen Jahren hämisch kommentierten Grammatikprojekt von Lann Hornscheidt (nach selbst definierter Schreibweise "einx ehemal_igx Professx der Humboldt-Un_iversität").

Und jetzt? Am 8. Juni, also in zwei Wochen, trifft sich in Wien der Rat für deutsche Rechtschreibung, was unter gewöhnlichen Umständen kaum ein Datum wäre, das die Öffentlichkeit elektrisiert, sondern eher etwas für die sprachwissenschaftliche Fachwelt. Die Umstände sind aber nun einmal nicht gewöhnlich. Es trifft sich nämlich bei dieser Gelegenheit auch die "AG Geschlechtergerechtes Schreiben": Weil im Rechtschreibrat diesmal nicht nur über Zeichensetzung, Schuldidaktik und linguistische Textkorpora verhandelt werden soll, sondern – zum ersten Mal in seiner Geschichte – auch über die Rolle der Rechtschreibung im Geschlechterverhältnis, ist das Gremium in die Genderdebatte geraten. Für die hier versammelten Fachwissenschaftler ein Problem: Sie haben es nun nicht bloß mit einer orthografischen, sondern vor allem mit einer politischen Angelegenheit zu tun.

Aus der Politik kam jedenfalls der Anstoß, sich überhaupt mit dem neuen Diskussionspunkt zu befassen. Die Gleichbehandlungsstelle der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung hatte den Rechtschreibrat um Formulierungshilfen gebeten. Die Frage lautete: Wie sollen Personen angeredet werden, die sich nicht anhand der Kategorien von Mann und Frau identifizieren lassen? Dazu muss man wissen, dass der Rechtschreibrat eine Macht besitzt, die der Duden nicht mehr hat, seitdem mit der Rechtschreibreform von 1996 auch das sogenannte Duden-Privileg gefallen ist. "Maßgebend in allen Zweifelsfällen": Das stand bis dahin auf dem Wörterbuch, weil der Staat dem Duden ein quasi amtliches Regelungsmonopol eingeräumt hatte. Heute aber ist es der Rechtschreibrat, der auf die amtliche Rechtschreibung einwirken kann. Er versammelt 41 Fachwissenschaftler aus den deutschsprachigen Ländern und Regionen, also aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens: Beschließen sie eine Regeländerung, befasst sich die deutsche Kultusministerkonferenz damit. Stimmt sie zu, ist die Änderung amtlich. Der Duden hingegen beobachtet den Sprachgebrauch und nimmt neue Wörter ins Wörterbuch auf. Regeln ändern darf er nicht.

In ihren Pfingstferien rufen wir Kathrin Kunkel-Razum an, die Leiterin der Duden-Redaktion ist und zugleich Mitglied des Rechtschreibrates (aber nicht verwandt mit Melanie Kunkel, der Redakteurin). Geschlechtergerechtes Schreiben? Kunkel-Razum betont, dass der Rat hier "völliges Neuland" betrete. Wohin die Diskussionen führen könnten, das sei noch gar nicht absehbar. Ebenso wenig verbindliche Resultate. Man müsse sich erst einmal auf den Stand der Dinge bringen. "Meine Position dazu", sagt Kunkel-Razum, "ist die, dass der Rat Möglichkeiten aufzeigen könnte. Er könnte Leuten, die gendern wollen, Empfehlungen geben, wie man das macht. Aber eben nur Empfehlungen. Nicht normativ und nicht bindend." Dass die Politik auf diesem Gebiet tätig wird, hält sie ohnehin für unwahrscheinlich: "Soll plötzlich jeder Text gegendert werden? Diesen Schuh wird sich die Kultusministerkonferenz wohl kaum anziehen."

Der gleiche Balanceakt, meint Kunkel-Razum, sei beim Duden tagtäglich zu bewältigen: "Wir können uns nicht gegen das amtliche Regelwerk stellen. Aber trotzdem jeden beim Gendern zur sprachlichen Kreativität ermuntern, der nicht gezwungen ist, die amtliche Rechtschreibung zu verwenden." Den Ratgeber Richtig gendern habe man übrigens nicht zuletzt aus einem pragmatischen Grund herausgegeben. Eine Frage der Kapazität: Die zahllosen E-Mails, Briefe und Fragen an die telefonische Sprachberatung seien kaum noch zu bewältigen gewesen. Der Duden als Dienstleister.