Vor Kurzem ist eine Sparkassenkundin vor den Bundesgerichtshof gezogen, weil sie auch in unpersönlich formulierten Vordrucken nicht weiterhin als "Kunde", sondern als "Kundin" angesprochen werden will. Das Gericht hat diese Klage abgewiesen. Was sagt die Duden-Chefin dazu? "In der Urteilsbegründung steht, dass das generische Maskulinum seit Langem üblicher Sprachgebrauch sei und schon deshalb weiterhin verwendet werden darf. Außerdem verweist das Gericht darauf, dass auch das Grundgesetz nicht gegendert ist. Das halte ich für eine abenteuerliche Argumentation. Die Sprache ist doch immer im Wandel. Und sie bildet Machtverhältnisse ab. Auch da, wo sie ungerecht sind und deshalb verändert werden sollten."

Ein weitaus heiklerer Fall aber ist das Gendersternchen (wie bei Student*innen). Es soll ein ganzes Spektrum von Geschlechtern umfassen, also auch Personen, die sich nicht im konventionellen Sinn als Mann oder Frau begreifen. Das Sternchen ist aber ein in der amtlichen Rechtschreibung gar nicht vorgesehenes Sonderzeichen. Seine Einführung bedürfte einer Regeländerung. Insofern war es eine sehr weitreichende Frage, die der Tagesspiegel zuletzt in einer Artikelüberschrift formulierte: "Kommt das Gendersternchen jetzt in den Duden?" Und noch bemerkenswerter der Vorgriff, den sich die Justizministerin Katarina Barley (SPD) erlaubte, als sie sich, ebenfalls im Gespräch mit dem Tagesspiegel, entzückt zeigte über eine derartige Aussicht. Sie freue sich "über jede Veränderung, die dazu beiträgt, unseren Blick auf andere Formen von Identität und Lebensweisen zu entspannen".

In einer schönen Berliner Villengegend wohnt Peter Eisenberg, der oben zitierte Linguist: Was er wohl vom Gendersternchen hält? Man sollte, schlägt Eisenberg vor, sich bloß einmal das Wort "Verlierer*innen" anschauen. Da werde im ersten Teil ("Verlierer") das Männliche sichtbar und im zweiten Teil ("innen") das Weibliche. Dazwischen das Sternchen. "Und dahinter verbergen sich alle anderen Geschlechter! Finden Sie das gerecht?" Weil das Sternchen gar keine sprachliche Bedeutung habe, könne man außerdem nicht wissen, welche Geschlechter damit gemeint seien, und auch nicht, wie viele – bei Facebook seien es zurzeit 60, auf anderen Listen 53. Es gehe hier also nicht um die Erzeugung einer Bedeutung, sondern lediglich um die "Anerkennungsgeste" einer Ideologie. "Und ich sage: Das ist eine Unterwerfungsgeste." Als Sprachwissenschaftler, klagt Eisenberg, habe er aber nur Argumente und keine politische Macht. Und die Justizministerin? "Wenn Katarina Barley nun einfach so sagt, dass das Gendersternchen in den Duden gehört, dann vergreift sie sich am Deutschen. Sie bevormundet den Rechtschreibrat. Sie bevormundet den Duden. Sie richtet Schaden an. Und sie tut das nicht als Privatperson, sondern als Mitglied der Bundesregierung."

Muss man sich Sorgen machen? Ist die Sprache tatsächlich durch den identitätspolitischen Aktivismus verschiedener Minderheiten und jetzt sogar von der Politik selbst bedroht? Als wir uns zum Kaffee treffen, kommt Anatol Stefanowitsch gerade aus der Vorlesung. Er ist Linguistik-Professor an der Freien Universität in Berlin und Autor der Streitschrift Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Eines möchte er besonders deutlich klarstellen. Es gebe, sagt Stefanowitsch, auf der Höhe des aktuellen Forschungsstands keine einzige linguistisch fundierte Verteidigung des generischen Maskulinums; auch dann nicht, wenn es Linguisten gebe, die dieses verteidigten – vor allem in Gastbeiträgen fürs Feuilleton. "Das Deutsche", stellt er fest, "ist nicht geschlechtergerecht. Das hat zum Teil mit seiner Struktur zu tun und zum Teil mit Traditionen des Sprachgebrauchs." Kommt das Gendersternchen jetzt in den Duden? Das hielte Stefanowitsch allerdings auch für fatal: "Hinter dem Gendersternchen steckt ja, ganz wertfrei gesagt, auch eine Ideologie. Über die man auf breiterer Ebene diskutieren sollte. Man kann die Allgemeinheit aber nicht per Beschluss dazu verpflichten, die Existenz mehrerer Geschlechter anzuerkennen." Beim Gendersternchen sei es wie mit dem Unterstrich, dem Binnen-I und anderen Änderungsvorschlägen: Verwenden genügend Leute eine Schreibweise so lange, dass sie sich als Tradition durchsetzt, so wird sie von selbst Teil des Systems. So funktioniere der Sprachwandel von unten. Je größer dabei die Kreativität, desto größer die Chance auf eine Sprache, die wirklich allen gerecht werde. Ist es denn wirklich so schwierig, fragt sich Anatol Stefanowitsch, das generische Maskulinum zu vermeiden? Und warum seien nicht mehr Schriftsteller sensibilisiert für eine geschlechtergerechte Sprache?

Ja, warum eigentlich nicht? Im Journal der Berliner Akademie der Künste ist gerade eine Erklärung aus der Sektion Literatur erschienen, in der sich Schriftsteller (darunter F. C. Delius, Monika Rinck und Kathrin Röggla) dazu äußern, wie sich die Akademie zur gendergerechten Sprache stellen soll. Darin heißt es: "Verständigung hat einen persönlichen, unberechenbaren Faktor – die Idee, man könne eine schwierige Sachlage per Sprachregelung ein für alle Mal lösen, ist eine Illusion. Alle Versuche, der Sprache ihre immanente Mehrdeutigkeit auszutreiben und sie mit der Vorgabe einer geschlechtergerechten Differenzierung zu verordneter Einsinnigkeit zu zwingen, führen zur Verarmung."

Schriftsteller, gibt Anatol Stefanowitsch noch zu bedenken, seien in puncto geschlechtergerechten Schreibens immer besonders konservativ. Und Journalisten auch.

Ist das noch Deutsch?