An der Berliner Charité operieren aufgrund des Ärztemangels ab sofort auch Nichtmediziner. Die Seiteneinsteiger in den Chirurgenberuf hätten meist Biologie oder Tiermedizin studiert, erklärte die Berliner Gesundheitsbehörde. Die Operationskunst würden sie in Abendkursen nachholen.

Das Land Brandenburg hat Richter aus Polen eingestellt. Bei den Verhandlungen komme es mitunter zu Missverständnissen, berichten die Lokalzeitungen. Die neuen Richter arbeiteten jedoch eifrig an ihren Deutschkenntnissen.

In Schleswig-Holstein unterstützen neuerdings Hilfskräfte ohne Ausbildung die Polizei. Die Vertretungspolizisten sollen eigentlich nur im Innendienst eingesetzt werden. Aufgrund der Personalnot gehen sie aber auch auf Streife, die Dienstwaffe im Holster, heißt es in Polizeikreisen.

Alle drei Nachrichten sind falsch – doch eigentlich nur, was den Schauplatz betrifft. Verlegt man das Szenario von Klinik, Gericht oder Streifendienst in die Schule, setzt als Beruf Lehrer ein und passt die Details an, stimmt jede Nachricht.

Deutschlandweit fehlen Tausende Lehrkräfte. Besonders in Not sind die Grundschulen. Ob in Thüringen und Bremen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, überall gibt es auf frei werdende Stellen keine passenden Bewerber. Was in anderen Professionen undenkbar ist, wird an immer mehr Grundschulen zur Praxis: Seiteneinsteiger ohne pädagogischen Abschluss ziehen in die Schulen ein und bringen den Jüngsten Lesen, Schreiben und Rechnen bei.

Bis 2025 werden laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 35.000 Lehrer fehlen. Angesichts von rund 600.000 Vollzeitstellen, so behaupten viele Kultusminister, sei das nicht dramatisch. Doch das ist falsch. In vielen Ländern spitzt sich die Lage dramatisch zu. Die Qualität der Grundschulen ist in ernster Gefahr.

  • In Brandenburg kann die Hälfte der ausscheidenden Pädagogen nicht ordentlich ersetzt werden.
  • In Sachsen sind 62 Prozent aller Lehrer, die im vergangenen Schuljahr eingestellt wurden, Seiteneinsteiger. In der Oberlausitz sind es 75 Prozent – trotz einer Provinzzulage von 300 Euro im Monat.
  • An Berliner Grundschulen haben 55 Prozent der neu eingestellten Lehrer keine "volle Lehrbefähigung".

Der Pädagogikprofessor Jörg Ramseger, der 30 Jahre lang Lehrer ausbildete und dem Beirat des Grundschulverbands angehört, sagt: "Wir beobachten eine Deprofessionalisierung, die wir bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten haben."

Die Personalnot erwischt die Grundschulen zum ungünstigsten Zeitpunkt. Kein anderer Lernort in Deutschland steht stärker unter Druck. Die Grundschule ist die einzige Schule für alle Kinder; ihre Lehrerinnen und Lehrer nehmen viele Entwicklungen zuerst wahr: Dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Dass zu den einheimischen Migranten Hunderttausende Flüchtlinge hinzukommen. Dass sich in einem Teil der Elternschaft pädagogisches Analphabetentum breitmacht. Dass Inklusion viel schwieriger ist als bisher gedacht. Die Grundschulen sind ein Frühwarnsystem für Erfolg oder Misserfolg der Schule insgesamt.

Im übernächsten Jahr wird die Grundschule hundert Jahre alt. Seit Beginn der Weimarer Republik ist sie die Pflichtschule für alle Kinder ab sechs und legt damit die Basis für den späteren Schulerfolg. Grundschullehrerinnen – 90 Prozent in diesem Job sind Frauen – sind Multitaskerinnen. Sie unterrichten nicht nur fast alle Fächer, sie legen auch die Grundlage für Weltneugier und Frustrationstoleranz. Je weniger Eltern ihre Kinder erziehen, desto öfter springen die Lehrerinnen ein: Oft sind sie Ersatzmütter, Sprachtrainerinnen und Integrationslotsinnen.