Bislang haben die Lehrkräfte diese Aufgaben gut gemeistert. Die Grundschule gilt als Klassenprimus unter den Schulformen: sich stets verändernd, bei Kindern und Eltern gleichermaßen beliebt. Während sich Eltern in den Gymnasien ihrer Kinder immer noch oft fühlen wie in ihrer eigenen Schulzeit, erkennen sie das Lernen ihrer Kindheit in den heutigen Grundschulen nicht wieder.

In der einen Ecke arbeitet ein Kind an seinem Lesetagebuch, in der anderen löst ein Klassenkamerad Rechtschreibaufgaben, während bei der Lehrerin eine Gruppe die Hausaufgaben durchgeht. Wochenpläne, Stationenlernen, Werkstattunterricht – an keiner anderen Schulform ist die didaktische Vielfalt so groß wie in den Klassen eins bis vier.

Bislang stimmten sogar die Leistungen: In den Grundschulvergleichen schnitt Deutschland stets besser ab als im Pisa-Test, der die Fähigkeiten von 15-Jährigen misst. Das Fundament des Bildungshauses, so hieß es bislang, steht fest und solide.

Doch jetzt bröckelt dieses Fundament. Vergangenen Herbst diagnostizierte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) erstmals einen Leistungsabfall. Im Bundesschnitt können Viertklässler heute schlechter lesen, schreiben und rechnen als Gleichaltrige fünf Jahre zuvor. In einigen Bundesländern sogar deutlich schlechter. Im einstigen Bildungsmusterland Baden-Württemberg brachen die Leistungen dramatisch ein.

Dann gaben die Forscher der internationalen Iglu-Studie ein ähnliches Alarmsignal: Grundschüler aus benachteiligten Familien können immer schlechter lesen. "Wer in der Grundschule nicht richtig lesen kann, wird das bis zum Schulabschluss kaum nachholen", warnt die Kinderbuchautorin Kirsten Boie, die seit Jahren an Grundschulen unterwegs ist, in einem Gastbeitrag.

Gleichzeitig mehren sich Berichte über Rüpeleien und Disziplinlosigkeit an den Grundschulen, Schilderungen, die man bislang nur aus Haupt- oder Gesamtschulen in sozialen Brennpunkten kannte. Eine Grundschule in Berlin-Schöneberg engagierte sogar einen privaten Wachdienst (ZEIT Nr. 11/18). "Grundschule brutal" oder "Schule der Gewalt" titelten Zeitungen. Die Lehrkräfte stoßen vielerorts an ihre Grenzen. "Lange dachte man, um die Grundschule müsse man sich nicht besonders kümmern, die läuft schon", sagt IQB-Direktorin Petra Stanat. "Das war ein Fehler."

Wie konnte die Grundschule in diese Not geraten? Tragen ihre pädagogischen Konzepte nicht mehr? Schwindet ihre Integrationskraft?

Zuvörderst zeigt sich an den Grundschulen, wie rasant sich die deutsche Gesellschaft wandelt:

  • In ganz Deutschland haben laut IQB mittlerweile 34 Prozent der Grundschüler Migrationshintergrund, neun Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren.
  • In Baden-Württemberg stieg der Anteil der Kinder aus Einwandererfamilien besonders stark, von 30 auf 45 Prozent. Gleichzeitig brachen die Leistungen so stark ein wie sonst nirgendwo.
  • In Bremen verfehlen 35 Prozent der Schüler die Mindestanforderungen in Mathematik, 25 Prozent in Deutsch. Am Ende der vierten Klasse lesen und rechnen diese Kinder auf dem Niveau von Erst- oder Zweitklässlern. Nirgendwo sind Schülerleistungen so miserabel, nirgendwo ist die Schülerschaft so bunt. Die Migrationsquote in Bremen liegt inzwischen bei 52,5 Prozent, die Inklusionsquote bei 90 Prozent.

Angesichts dieser Befunde müsste man denken, dass die Grundschulen bildungspolitisch Priorität haben. Dass die Besten in den Grundschulen unterrichten. Dass neben Lehrern überall "multiprofessionelle Teams" im Einsatz sind, von Sozialpädagogen bis zu Trainern. Doch stattdessen hält sich die Illusion, in der Grundschule zu arbeiten sei ein Kinderspiel. So als sei, wer lesen und rechnen kann, automatisch geeignet, Kindern das Alphabet oder das Einmaleins beizubringen. Wer sich in der Bildungsrepublik umtut, stößt auf bemerkenswerte Fälle pädagogischen Abenteurertums: Referendare werden als Klassenleiterersatz angeheuert; Akademiker, die vorher noch nie vor einer Klasse standen, sollen plötzlich Migrantenschülern die Feinheiten der deutschen Schriftsprache nahebringen (siehe die Protokolle). In Ländern wie Schleswig-Holstein kommen seit geraumer Zeit sogar Krankenschwestern, Köche und Freizeitpädagogen ohne Studium zum Einsatz. Eigentlich sollen sie den Schulbetrieb nur unterstützen. Wenn sich die Krankheitsfälle im Kollegium aber häufen, müssen die Laienlehrer als Vertretung ran – mitunter mehrere Monate lang. Die Eltern der Schüler sind über die Notmaßnahme meist nicht informiert.