"Die Situation ist paradox", urteilt die Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Susanne Miller. In der Vergangenheit sei die Ausbildung für Grundschullehrer immer anspruchsvoller geworden. Die Studierenden bleiben heute genauso lange an der Universität wie Gymnasiallehrer und sollen in dieser Zeit Deutsch, Mathe und ein drittes Fach studieren. Spezialkurse in Sprachförderung und Inklusion sind an vielen Universitäten Pflicht. "Jetzt scheint das alles plötzlich nicht mehr wichtig zu sein", kritisiert Miller.

Denn was können die Seiteneinsteiger? Mit dem Fachwissen für die erste bis vierte Klasse haben sie selten Probleme. Schwer fällt es ihnen jedoch, daraus interessante Aufgaben zu kreieren – und zwar für verschiedene Leistungsniveaus. Während sich der eine Erstklässler noch mit 7+5 abmüht, knobelt der andere bereits daran, ob 127+76 mehr ist als 240–37.

Noch anspruchsvoller ist das Umgehen mit Misserfolgen. "Auf die Frage, warum ein Schüler am Ende der zweiten Klasse noch keinen zusammenhängenden Satz lesen kann, gibt es ein halbes Dutzend möglicher Antworten", sagt Jörg Ramseger vom Grundschulverband. Vielleicht spricht das Kind zu Hause kein Deutsch, vielleicht kann es keine Silben unterscheiden, vielleicht kann es sich nicht konzentrieren. "Von alledem haben die meisten Quereinsteiger noch niemals etwas gehört", sagt Ramseger.

Solange lernwillige Kinder vor der Tafel sitzen, kommen die Neulinge einigermaßen klar. Sobald Probleme auftauchen, geraten sie ins Schwimmen. Die Schüler werden unruhig, die Lehrkraft weiß nicht, wie sie reagieren soll. "Einige Seiteneinsteiger greifen dann auf Sanktionen zurück, die eher an schwarze Pädagogik erinnern", sagt ein Berliner Schulrat. "Die Lehrer fangen an zu schreien, Kinder werden beschämt, vor die Tür gestellt."

Der Schulrat, der aus Furcht vor Sanktionen namentlich nicht genannt werden will, macht folgende Rechnung auf: Zehn bis zwanzig Prozent der Seiteneinsteiger fügen sich als Naturtalente problemlos in den Schulbetrieb ein. Sechzig Prozent der Neulinge bräuchten Coaching und Fortbildungen, wofür im Schulbetrieb kaum Zeit sei. Der Rest erweise sich als "völlig ungeeignet". Noch nie habe er so viele Beschwerden von Eltern und Schulleitern auf dem Tisch gehabt wie in den vergangenen zwölf Monaten, berichtet der Schulrat. Die Abmahnungen häufen sich.

Dabei haben sich die Kultusminister die Lehrerlücke selbst eingebrockt. Weil die Schülerzahlen zurückgingen, haben die Bundesländer die Lehrerausbildung zurückgefahren. Die Plätze wurden rar, in Münster, Berlin oder München brauchte man im Abitur eine Eins vor dem Komma, um Grundschullehramt zu studieren. Besonders drastisch sparte man in Ostdeutschland, wo sich die Geburtenrate nach dem Mauerfall halbiert hatte. Nun gehen viele Tausend Lehrer in den Ruhestand. "Wir haben das Ministerium seit Jahren auf die drohende Pensionierungswelle hingewiesen", sagt Axel Gehrmann vom Zentrum für Lehrerbildung an der TU Dresden. "Doch die Politik hat uns ignoriert."

Auch die Universitäten hatten – Stichwort Exzellenzinitiative – andere Prioritäten. An der FU Berlin gab es früher zwölf Professuren in der Grundschulausbildung. Zuletzt waren es drei.