Verschärft wurde die Situation durch den Schülerzuwachs. Im Vergleich zu 2011 kamen zuletzt fast hunderttausend Babys mehr zur Welt. Dass diese Kinder nach sechs Jahren vor einem Schultor stehen, so weit reichte der Erkenntnishorizont der Politik nicht. "Ist der Staat zu doof zum Rechnen?", fragte kürzlich die Bild-Zeitung. Die Antwort muss lauten: Ja. Statt sich auf den Schüleranstieg vorzubereiten, freuten sich die Kultusbehörden über eine "demografische Dividende" durch die sinkenden Schülerzahlen und hielten an einer Rechnung aus dem Jahr 2013 fest. Erst vor vier Wochen korrigierte die Kultusministerkonferenz ihre Schülerprognose.

"Es ist haarsträubend, wie die Politik die Wirklichkeit verdrängt hat", sagt der Bildungswissenschaftler Klaus Klemm, der eine Analyse zum Lehrerbedarf für die Bertelsmann-Stiftung erstellt hat. Für seine eigene Studie bediente sich Klemm unter anderem bei der Firma Milupa. Um die Nachfrage nach Babybrei vorherzusagen, befragt das Unternehmen regelmäßig die großen Geburtskliniken des Landes. "Die Zahlen liegen immer sehr nah an der späteren offiziellen Statistik", sagt Klemm. Es ist schon seltsam: Ein Babybreihersteller hat mehr Wissen über zukünftige Schülerströme als die Politik.

Nun sind die Kultusminister endlich aufgewacht. In Sachsen, Berlin und Schleswig-Holstein setzen sie die Gehälter für die Grundschullehrer hoch. Sie sollen in Zukunft so viel verdienen wie ihre Kollegen im Gymnasium und können schnell auf 5.000 Euro brutto im Monat kommen. Das Grundgehalt eines Nachwuchsprofessors liegt nicht viel höher. Andere Länder wie Thüringen versprechen Jobsicherheit, indem sie ihre Lehrer wieder verbeamten.

Ein bisschen erinnert die Hilflosigkeit der Minister an die sechziger Jahre. Damals rief der nordrhein-westfälische Bildungsminister Paul Mikat (CDU) arbeitslose Ingenieure sowie Hausfrauen, die "von den Aufgaben in der Familie nicht mehr voll in Anspruch genommen werden", in die Schulen. Immerhin mussten die "Mikätzchen" oder "Mikater", wie man sie nannte, eine Kurzausbildung absolvieren, bevor sie vor die Klasse traten. In Berlin dagegen müssen die Seiteneinsteiger bislang nicht einmal das vorweisen. In Sachsen lernen die Seiteneinsteiger in einem dreimonatigen Crashkurs, wie man eine Klasse führt oder wie man Noten vergibt. Die eigentliche Ausbildung erfolgt später – neben dem Unterricht.

Die Professorin Susanne Miller warnt gemeinsam mit anderen Grundschulforschern vor den "unabsehbaren Folgen für den zukünftigen Bildungserfolg der Kinder". Zumindest das erste Schuljahr, verlangen die Schulforscher in einem Papier der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, solle für die Quereinsteiger "tabu bleiben".

Doch in vielen Städten Deutschlands sind solche Forderungen schon hinfällig. In Duisburg, wo die Migrationsquote an manchen Schulen 80 Prozent beträgt, waren im vergangenen Halbjahr 62 Stellen frei. Ganze sieben Seiteneinsteiger trauten sich hier einen Job zu. Bewerbungen von regulär ausgebildeten Lehrern gab es – keine einzige.