DIE ZEIT: Frau Gürsoy, was für ein Gefühl ist es, das Herz eines anderen Menschen herauszuschneiden und in der Hand zu halten?

Dilek Gürsoy: Wenn das Herz freigelegt ist, dann kommt dieser Moment, in dem man es mit der Zange anhebt und mit der Schere die letzten Verbindungen kappt. Das kostet mich jedes Mal Überwindung. Ich halte das wichtigste Organ eines Menschen in der Hand. Das ist nicht nur eine enorme Verantwortung. Ich empfinde tiefe Ehrfurcht und Demut. Als Mensch greift man ein in die Uhr der Schöpfung. Aber ich weiß ja auch, dass wir Herzchirurgen das aus einem guten Grund tun: Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Menschenleben retten. Das ist wunderbar, es macht mich glücklich.

ZEIT: Sie haben als erste Frau in Europa ein Kunstherz implantiert und sind eine von wenigen Experten weltweit in diesem Feld. Ihre Eltern kamen wenige Jahre vor Ihrer Geburt aus der Türkei nach Deutschland, beide haben am Fließband gearbeitet. Sie sind einen langen Weg gegangen ...

Gürsoy: Meine Mutter ist eine starke Frau, nach dem Tod meines Vaters hat sie mich und meine beiden Brüder allein erzogen. Sie ist bis heute ein Vorbild für mich. Dass ich meine Ziele nicht aus den Augen verloren habe, das verdanke ich auch ihr. Aber ich hatte auch Glück, den richtigen Menschen zu begegnen: Als ich nach der Grundschule eine Realschulempfehlung bekam, sagte mein ehemaliger Erzieher, Herr Bisping: "Nein, Dilek gehört auf ein Gymnasium." Er war selbst einmal Gymnasiallehrer. Er ging zu einem Gymnasium in Neuss und überzeugte den Rektor, mich zu nehmen. Als es nach dem Abitur ums Medizinstudium ging, kam wieder meine Mutter ins Spiel.

"Meine Mutter arbeitete in der Fabrik Extraschichten und bezahlte mir einen Vorbereitungskurs für das Medizinstudium."
Dilek Gürsoy, Herzchirurgin

ZEIT: Wie hat sie geholfen?

Gürsoy: Ich war in der Schule keine hervorragende Schülerin. In manchen Fächern war ich gut, in anderen Fächern eher mäßig. Mein Abitur war in Ordnung, aber für einen Medizin-Studienplatz – den Wunsch hegte ich schon als Kind – reichte es nicht. Damals gab es aber noch einen anderen Weg ins Medizinstudium, einen Eignungstest für angehende Mediziner. Meine Mutter arbeitete in der Fabrik Extraschichten und bezahlte mir einen Vorbereitungskurs. So kam ich an meinen Studienplatz.

ZEIT: Ihr Vater starb an einem plötzlichen Herztod, als Sie zehn Jahre alt waren. Wollten Sie auch deshalb Herzchirurgin werden?

Gürsoy: Im ersten Semester an der Universität Düsseldorf sah ich eine Bauchoperation und dann eine Herzoperation. Von Anfang an war ich gebannt davon, wie fein und filigran die Ärzte bei der Herzoperation arbeiteten im Vergleich zur Bauchoperation. Da wusste ich, dass ich Herzchirurgin werden wollte. Und vielleicht spielte auch eine Rolle, dass man meinem Vater mit den heutigen herzchirurgischen Methoden hätte helfen können. Nach dem Studium fing ich als Assistenzärztin in Bad Oeynhausen an. Wieder hatte ich Glück, dem richtigen Menschen zu begegnen. Dieses Mal war es mein Chef, der mein Talent erkannte und mich förderte, obwohl ich mit Widerständen zu kämpfen hatte.

ZEIT: Was meinen Sie?

Gürsoy: Ich wurde von manchen Kollegen öfter übergangen, wenn es zum Beispiel darum ging, wer wie oft erster Assistent am OP-Tisch ist. Als sei ich keine vollwertige Assistenzärztin.

ZEIT: Lag das daran, dass Sie einen Migrationshintergrund hatten?

Gürsoy: Nein, ich hatte fast nie das Gefühl, dass der Migrationshintergrund bei der professionellen Arbeit in der Klinik eine Rolle spielte.

ZEIT: Was war dann der Grund – dass Sie eine Frau sind?

"Die Chirurgie und insbesondere die Herzchirurgie wird von Männern dominiert. Da gibt es Rangeleien untereinander, wie bei Revierkämpfen im Tierreich."
Dilek Gürsoy

Gürsoy: Ja, zumindest habe ich bis heute dieses Gefühl. Die Chirurgie und insbesondere die Herzchirurgie wird von Männern dominiert. Da gibt es Rangeleien untereinander, wie bei Revierkämpfen im Tierreich. Manche Oberärzte machen Assistenzärzte vor versammelter Mannschaft klein. Es geht um Macht, die gezeigt wird. In den ersten Monaten habe ich das staunend beobachtet, da passte ich da noch ganz prima rein: Ich war die kleine Frau, die keine Ahnung hatte, und dann kamen die großen Meister und demonstrierten mir ihr Können. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich mehr konnte als manche Kollegen. Und damit kamen viele nicht klar. Wenn ich in den OP-Saal ging, bevor der Hauptoperateur dazukam, eilten manche Kollegen dorthin, wo der erste OP-Assistent steht, damit für mich nur die Position der weniger wichtigen zweiten Assistenz übrig bliebe. Das merkte auch mein Chef. "Heute ist Frau Gürsoy die erste Assistentin", sagte er immer öfter. So kam ich durchs Haifischbecken, ohne mich wie ein Haifisch verhalten zu müssen.

ZEIT: Glück und Können.

Gürsoy: Ich glaube, dass man sich über kurz oder lang mit Talent, Können und Fleiß auch ohne Fürsprecher durchsetzen kann. Es geht um den Balanceakt, die Gesetze der Arbeitswelt zu achten, ohne sich von ihnen komplett fesseln zu lassen. Man sollte weder als verbissen-ehrgeizige Person auftreten, die ständig die Ellenbogen ausfährt, noch als schüchternes und verletzliches Mäuschen. Was eine Frau heute in der Arbeitswelt braucht, ist eine selbstbewusste Gelassenheit: Sie sollte wissen, was sie kann, und sich damit weder verstecken noch verkrampft in den Vordergrund drängen.

ZEIT: Sie haben sich in der Herzchirurgie einen Namen gemacht. Haben Sie alles erreicht?

Gürsoy: Ich habe noch eine Menge Pläne! Vor allem in der Kunstherzforschung will ich mich stärker einbringen. Ich bin heute schon beteiligt an der Entwicklung eines Kunstherzens, das aus Plastik, Titan und Kohlenstoff besteht. Für seine Stromversorgung und Steuerung wird kein Kabel mehr benötigt, das aus dem Körper hinausführt; alles, was nötig ist, wird implantiert. Es ist leiser als die Kunstherzen, die es heute gibt, und der Patient braucht keinen riesigen, schweren Rucksack mehr bei sich zu haben.