Als sich Nikos Logothetis am Abend des 10. September 2014 vor den Fernseher setzte und den Sender RTL einschaltete, ahnte er, was er gleich zu sehen bekommen würde. Das Fernsehmagazin Stern TV hatte einen Beitrag über Tierversuche angekündigt. Tierversuche, die er, Logothetis, der weltberühmte Hirnforscher, durchführte.

Was er nicht ahnte, war, dass er in den Wochen und Monaten danach Todesdrohungen bekommen sollte, Strafanzeigen, Herzprobleme. Dass er, der gerade noch für den Nobelpreis gehandelt wurde, gezwungen sein würde, seine Forschung aufzugeben, seine Affen, sein Lebenswerk.

Es war ein milder Spätsommerabend, Logothetis, 67, saß in seinem Haus, beschaulich gelegen auf einem Hügel in Tübingen, zu seinen Füßen leuchtete die Stadt, noch herrschte Ruhe.

Dann begann auf RTL die Sendung.

Die Bilder erschienen Logothetis vertraut, und doch ganz fern. Aufgenommen worden waren sie im Nachbargebäude, keine 50 Meter von dem Ort, an dem er gerade saß. Dort, im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, das er leitet, betreibt Logothetis Grundlagenforschung. Er untersucht, wie die Strukturen des Gehirns miteinander kommunizieren. Die Fachzeitschrift Nature nannte ihn einmal den Maestro of Minds.

In dem Fernsehbeitrag trat ein Mann in Kapuzenpullover auf, das Gesicht abgewendet. An der Stimme erkannte Logothetis jedoch sofort seinen ehemaligen Mitarbeiter, den Tierpfleger P., der sich im vergangenen Jahr im Labor um die Versuchstiere gekümmert hatte, 42 Makaken. Doch im Beitrag wird P. nicht als Tierpfleger, sondern als Tierschützer vorgestellt, der sechs Monate undercover im Institut für biologische Kybernetik gearbeitet und dabei für den Verein Soko Tierschutz heimlich Filmaufnahmen angefertigt habe.

Die Aufnahmen, unterlegt mit düsteren Klängen, sind verstörend. Ein Affe sitzt mit kahl geschorenem Schädel in einem trostlosen Käfig, kurz zuvor wurde ihm ein Implantat in den Kopf gepflanzt. Die Narbe ist noch frisch, rötliches Wundsekret läuft ihm über das Gesicht. In einer weiteren Sequenz beugen sich zwei Wissenschaftler über einen toten Affen, der auf einem Operationstisch liegt, und schneiden ihm den Körper auf. Danach legen sie die Leiche in einen blauen Plastiksack. Der Beitrag endet mit der Affendame Stella, halbseitig gelähmt stolpert sie unkoordiniert in ihrem Käfig umher. Sie erbricht weißen Schleim. Tierschützer P. erzählt aus dem Off, Stella solle noch einem "Endversuch" unterzogen werden, danach werde sie getötet. Die Kamera fokussiert Stellas Gesicht, man sieht ihren offenen Mund, ihre weit aufgerissenen braunen Augen.

Für die Öffentlichkeit ist er ein Tierquäler – er versteht die Welt nicht mehr

Als Nikos Logothetis den Fernseher ausschaltete, war er wütend, Angst hatte er jedoch keine. Die Aufnahmen, ja, sie stammten aus seinem Institut, aber sie waren, so fand er, böswillig zusammengeschnitten. Niemand würde ernsthaft glauben, dachte Logothetis, dass dies den Alltag in seinem Labor zeige. Er schlief ein mit dem ruhigen Gewissen, die Sache werde sich ohne viel Aufhebens erledigen.

Er irrte.

"Gequälte Tiere! Kritik am Max-Planck-Institut wegen Versuchen an Affen" (Bild, 11. 9. 2014)

"Sirenengeheul gegen Affenversuche. Gut 1.000 Menschen protestierten am Samstagnachmittag in der Tübinger Innenstadt gegen Versuche mit Affen am hiesigen Max-Planck-Institut" (Schwäbisches Tagblatt, 21. 9. 2014)

"Der Konflikt um die Tierversuche am Max-Planck-Institut in Tübingen eskaliert. Wird der weltbekannte Institutsleiter gehen?" (FAZ, 15. 1. 2015)

"Hausdurchsuchung im Max-Planck-Institut" (taz, 30. 1. 2015)

"Endlich! Affen in Tübingen müssen nicht mehr leiden. Das Max-Planck-Institut hat seine Versuche an Affen nach anhaltender Kritik von Tierschützern eingestellt." (Bild, 19. 4. 2017)

"Gegen Nikos Logothetis wurde Strafbefehl wegen Tiermisshandlung erlassen." (Deutsche Welle, 20. 2. 2018)

1.308 Tage sind vergangen, seitdem Nikos Logothetis ruhig einschlief – und in einen Albtraum geriet, aus dem er bis heute nicht aufgewacht ist. Er sitzt an einem sonnigen Apriltag in seinem Büro, ein kräftiger Mann mit vollem Haar und dunklem Bart, er ist aufgewühlt, weiß nicht, wo er anfangen soll. Er sagt: "Ich verstehe das alles nicht."

Dabei scheint die Sache klar. Für die Öffentlichkeit ist Logothetis ein elender Tierquäler, der zu fragwürdigen Forschungszwecken wehrlose Affen folterte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn. Und die Max-Planck-Gesellschaft, unter deren Dach er arbeitet, hat ihn abgestraft, indem sie ihn bis auf Weiteres keine Tierversuche mehr durchführen oder anleiten lässt.

Fall geklärt? Nicht ganz. Spricht man mit Menschen, die mit Logothetis’ Forschung vertraut sind, entsteht auf einmal ein anderes Bild.

Der renommierte Forscher Kuno Kirschfeld, jahrelang Gutachter in der für Logothetis zuständigen Ethikkommission für Tierversuche, sagt: "Nikos hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Er arbeitete immer nach höchsten Standards."

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer findet: "Ich habe Logothetis und sein Team als geniale Forscher kennengelernt, die Wissenschaft auf höchstem Niveau betrieben haben." Und selbst der eingeschleuste Tierschützer P., der den Skandal auslöste, räumt mittlerweile ein: "Ich habe Logothetis nicht als jemanden wahrgenommen, der Tieren aus bösem Willen Schmerzen zufügt."

Wie ist das zu erklären?