Die Künstler konnten nicht einfach abgezeichnet haben. Durch die Karsthöhlen am Südrand des französischen Zentralmassivs, wo die Kreativen vor mehr als 30.000 Jahren wirkten, galoppierten natürlich keine Urzeitpferdeherden. Auch Löwen dürften sich kaum in die natürlichen Felsverließe verirrt haben. Weder standen Wisente, Wollnashörner oder Rentiere den Schöpfern der Eiszeitkunst Modell, noch Steinböcke, Bären, Mammuts. Wer immer die großen Werke von Chauvet beim kargen Schein von Fettfunzeln erschaffen hat – er oder sie zeichnete allein aus der Erinnerung heraus mit Holzkohle und Ocker Formationen von Tieren an die Höhlenwand, viele von ihnen in dynamischer Bewegung. Damit diese Tierwelt realistisch und dreidimensional wirkte, nutzten die steinzeitlichen Künstler sogar das Relief der Felswand.

Die bis zu zwölf Meter langen Friese in solch künstlerischer Perfektion konnten nur Genies gestaltet haben. Darüber sind sich die Forscher einig. Wie aber kam es zum frühen Aufflackern solcher Kunstfertigkeit? Die englische Archäologin Penny Spikins von der Universität York hat darauf eine Antwort, die nachdenklich macht: Besondere autistische Merkmale hätten die eiszeitlichen Schöpfer von Prachtstätten wie Chauvet, Lascaux oder Altamira zu ihren Meisterleistungen befähigt.

Autismus? Ganz neu ist die Theorie nicht. Bereits vor 20 Jahren warteten der britische Psychologe Nicholas Humphrey und seine US-amerikanische Kollegin Julia Kellman mit dieser Vermutung auf. Ihnen waren in paläolitischen Werken Merkmale aufgefallen, die sie so aus Zeichnungen hochbegabter autistischer Kinder und Jugendlicher kannten. Formen überlagerten sich: Wer so malte, musste ein extremes Verständnis von Perspektiven haben. Besonders auffällig waren die Fokussierung auf bestimmte Details und die Fähigkeit, diese Details allein mithilfe des Gedächtnisses exakt wiederzugeben: Ohne eine überdurchschnittliche Bildspeicherfähigkeit des Gehirns ist kaum zu erklären, warum sich komplexe Darstellungen in den hintersten Räumen von Höhlenlabyrinthen finden.

Doch damals hagelte es Kritik. Autismus sei doch eine schwere psychische Störung, verbunden mit sozialen Defiziten! Diese würden verhindern, dass autistische Menschen ohne medizinische und pädagogische Hilfe solche Beiträge zum kulturellen Erbe liefern könnten. Die paläolitische Kunst sei zu früh dagewesen, um von Individuen dieser Art geprägt worden zu sein – soviel Inklusion habe es damals nicht gegeben. Und auch Humphrey selbst schien von seiner spektakulären These nicht restlos überzeugt zu sein und orakelte in der Folge in die Richtung, Psychopharmaka könnten der Kreativität einen Kick verpasst haben. Drogen also?

Penny Spikins erteilt dieser These erst einmal eine radikale Abfuhr. Nicht ohne ironischen Seitenhieb legen sie und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift Open Archaeology dar, berauschende Stoffe könnten zwar den künstlerischen Output in die Höhe treiben – mengenmäßig. Die mitunter farbenfrohen Resultate zugedröhnter Kunstschaffer seien allerdings durchwegs fernab jener Qualität angesiedelt, welche die Werke eiszeitlicher Größen auszeichne: Präzision. Im zweiten Schritt räumen die Autoren mit dem Irrglauben auf, autistische Fähigkeiten seien gleichbedeutend mit Behinderung. Autismus, schreibt Spikins, trete in den seltensten Fällen in seiner schweren Form auf. Vielmehr seien auch autistische Merkmale oder sogenannte "kognitive Verzerrungen" zu beobachten, ohne dass sie mit intellektuellen Defiziten einhergingen. Sie begründet dies auch genetisch. Autismus mit geistiger Behinderung (selten) und Autismus ohne geistige Behinderung (weitaus häufiger) würden durch unterschiedliche genetische Ausstattung verursacht. Außerdem gehe eine ganze Reihe "kognitiver Verzerrungen" mit Stärken einher: extreme Wahrnehmungsfähigkeit, verbesserte Konzentration, beeindruckendes Faktengedächtnis. Offenbar hätten solche Talent-Gene bereits im Paläolithikum "Vorteile erbracht, die dem Überleben und der Fortpflanzung nicht abträglich waren". Mehr noch: "Positive Selektion" erkläre auch, warum sich autistische Anlagen im Genpool behauptet hätten.

Dass derart veranlagte Menschen mit ihren extremen Fähigkeiten, Details wahrzunehmen und sich Muster zu merken, für den Rest einer Gruppe eine Behinderung dargestellt hätten, dafür gebe es kein Beweise. Im Gegenteil, in eisigen Zeiten dürften die Sonderlinge eine Hilfe gewesen sein. Im Kleinen halfen ihre Fähigkeiten etwa, effizientere Speerspitzen aus Feuerstein herzustellen. Im Großen waren sie besser in der Lage, sich im dreidimensionalen Raum und in den Weiten der Jagdgebiete zu orientieren. Dadurch, dass sie Muster im Verhalten der Beutetiere erkannten, vergrößerten sie den Jagderfolg.

Archäologin Spikins schließt daraus, die frühe Entwicklung des ererbten Autismus könne gar eine evolutionäre Antwort auf das extreme Klima während der letzten Eiszeit gewesen sein: "Es ist denkbar, dass Menschen ohne die Entwicklung von Fähigkeiten, die wir als autistisch bezeichnen, nicht in der Lage gewesen wären, in einer frostigen Umgebung zu überleben", spekuliert die Archäologin. "Das half ihnen, Nahrung zu finden."

Und Inklusion? Vermutlich reichten schon moderate Maßnahmen, um die genialischen Artgenossen zu integrieren. Die Mühe lohnte sich für die gesamte Gruppe. Kamen die Sonderlinge von der Jagd, gab’s Frischfleisch. Kamen sie aus ihren Ateliers gekrochen, gab es tags darauf Kunstwerke zu bewundern.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio