Am schlimmsten war die Ankunft. Dezember 1980, minus zehn Grad, Flughafen Karlsruhe: Nach monatelanger Flucht, nach Tausenden Kilometern zu Fuß, durch Wüsten und Städte, über drei Grenzen, hatte mein Onkel sein Ziel erreicht. Ohne Geld, ohne Pass, gestrandet in Deutschland, mit nichts am Körper außer einer aufgerissenen Hose und einem dreckigen Hemd. Mein Onkel floh vor vier Jahrzehnten aus Äthiopien. Richtig angekommen ist er bis heute nicht.

Obwohl er studiert hat, arbeitet er seit Jahren als Chauffeur. Noch immer spricht er nur gebrochen Deutsch. Er hat keine deutschen Freunde oder Bekannten. Man kann meinen Onkel als krasses Beispiel für gescheiterte Integration betrachten. Seine gesamte Freizeit verbringt er in der äthiopischen Kirchengemeinde. Er liest die Bibel auf Amharisch, hört fast ausschließlich äthiopische Musik, und wahrscheinlich wird er diese Zeilen niemals lesen, weil er noch nie eine deutsche Zeitung in der Hand hatte. Im Alter plant er zurück "nach Hause" zu gehen. Deutschland wurde nie zu seiner Heimat. Trotzdem lebt er gerne hier. Er zahlt Steuern und beschwert sich nicht über die Deutschen. Nicht einmal über die, die immer wieder rufen: Pass dich an!

Seit Jahrzehnten taucht diese Forderung regelmäßig in den Debatten auf, wenn es um Leitkultur geht, um Multikulti, Kopftuchverbot, Ghettobildung, Flüchtlingswelle, Duisburg-Marxloh, Integrationsverweigerung. Der syrisch-deutsche Politikwissenschaftler Bassam Tibi warnte gerade wieder in der Neuen Zürcher Zeitung: "Neunzig Prozent (der Muslime) leben in Parallelgesellschaften", das sei eine Kapitulation des deutschen Staats. Wo man Migranten als solche erkennt, wo sie sich in Gruppen zusammentun, scheint die einhellige Meinung, da muss etwas schiefgelaufen sein.

Ich glaube, es ist andersherum. Wer sich eine freie, funktionierende Gesellschaft wünscht, muss genau das wollen: mehr Gruppenbildung, mehr selbstbewusste Communitys! Moment mal, soll das etwa ein Aufruf zur Abschottung werden? Ja, wenn Sie es so nennen wollen. Es lebe die Parallelgesellschaft!

Sie kennen dieses Bedürfnis doch selbst. Es gibt immer einen guten Grund, sich zurückzuziehen – das Wetter, die Nachrichten, die Weltlage. Da verzieht man sich dann am liebsten nach Hause, lässt sich ein Bad ein und trinkt eine Tasse Tee. Der Alltag ist hart, das Leben lang. Einander aus dem Weg zu gehen kann eine Lösung sein, vielleicht sogar die zivilisierteste. Jeder Mensch muss sich zurückziehen können. Das ist wichtig für den persönlichen und gesellschaftlichen Frieden, und es zeugt von Rücksichtnahme.

Im Grunde sind Parallelgesellschaften nichts anderes als Räume des Rückzugs. Hier kann man seine Eigenarten ausleben, ohne dem Rest der Welt damit allzu sehr auf die Nerven zu gehen. Indem wir Parallelgesellschaften als Rückzugsräume akzeptieren, geben wir den Bedürfnissen aller Raum – denen der Mehrheitsgesellschaft und denen diverser Parallelgesellschaften.

Rücksichtslos ist es hingegen, Menschen diesen Rückzugsraum zu verwehren. Der Bundesheimatminister Horst Seehofer hat das kürzlich wieder getan, als er Muslime ermahnte, sie müssten mit den Deutschen leben, nicht gegen sie oder neben ihnen. Natürlich möchte keiner ein Gegeneinander. Aber was spricht eigentlich gegen ein entspanntes Nebeneinander?

Die ständige Ermahnung, sich gefälligst anzupassen, gilt ja längst nicht für alle Parallelgesellschaften. Die Bildungsbürger zum Beispiel, die sich in ihren sanierten Altbauwohnungen abschirmen, im Biomarkt einkaufen und ihre Kinder auf bessere Schulen schicken, die ermahnt niemand. Kein Wunder, die Mitglieder dieser Parallelgesellschaft bestimmen schließlich die öffentliche Diskussion. Sie sitzen in den Chefetagen, in Redaktionen und Abgeordnetenbüros des Landes. 2011, als der Islam schon/immer noch/mal wieder zu Deutschland gehörte, sagte der damalige Bundespräsident Christian Wulff, er sehe in Berlin "echte Parallelgesellschaften", vor allem in Charlottenburg, dem Viertel, in dem er wohne. Dort interessiere sich kein Mensch für die Bewohner von Stadtteilen wie Marzahn oder Neukölln. Dort interessiere nur der Tennisverein. Über die Freiheit, sich zusammenzutun und abzuschotten, verfügen also weder Türken noch Libanesen oder Afrikaner, aber sehr wohl die weiße Mittelschicht.

Warum müssen sich alle immer anpassen? Es würde doch reichen, wenn wir einander friedlich ignorieren.

Natürlich findet man all die verschiedenen kulturellen Gruppen schon auch irgendwie interessant – vor allem im Urlaub und auf Netflix. Man schaut bei 4 Blocks Ali und seinem Neuköllner Libanesenclan zu und klebt auf dem Kinosessel, wenn sich in Mafiafilmen italoamerikanische Gangster abknallen. Man jettet gern nach Barcelona, London, New York, schlendert durch die Viertel der Einwanderer und findet das cool. Wieder zu Hause, regt man sich dann über homogene Migrantenquartiere auf. Das Fremde ist überall gern gesehen, nur nicht vor der eigenen Haustür.

Dabei wird übersehen, wie viel man von Parallelgesellschaften auch lernen kann – oft sind sie nämlich alles andere als undurchlässig. Wenn ich in die äthiopische Community meines Onkels eintauche, wird Essen aus dem Land meiner Mutter serviert, ich höre ihre Sprache, ihre Musik. Hier bin ich mit meiner Art zu leben, meiner Geisteshaltung als junge deutsche Akademikerin eine Außenseiterin. Ich bin zu Hause und gleichzeitig weit weg von mir. In dieser fremden Geborgenheit kann ich eine andere Perspektive einnehmen. Was mein Denken prägt, warum ich dieser oder jener Meinung bin, wird mir oft erst hier richtig klar. Das Fremde hält mir den Spiegel vor.