Die katholische Kirche tut immer noch so, als sei Abtreibung für die, die abtreiben wollen, eine erfreuliche Sache. Am vergangenen Sonntag hat der Vatikan sich darüber empört, dass in Irland nach der Entscheidung gegen das rigide Abtreibungsverbot Jubel ausbrach. Es war aber ein Jubel der Erleichterung: darüber, dass nun auch irische Frauen und Männer bald selbst darüber entscheiden dürfen, ob sie ein Kind nicht bekommen wollen.

Bislang drohten in Irland bei Kindsmord mildere Strafen als bei Abtreibung

Bislang war ihnen diese Entscheidung verwehrt. Es galt das von der katholischen Kirche erwünschte und hartnäckig verteidigte Totalverbot jeglichen Schwangerschaftsabbruchs. Es galt ein Verfassungsparagraf, auf dessen Grundlage Frauen für eine Abtreibung bis zu 14 Jahre Gefängnis drohten. Die Irinnen und Iren haben nun per Referendum und mit klarer Mehrheit von 66,4 Prozent entschieden, dass dieser Paragraf gestrichen werden kann.

Sie votierten damit auch gegen eine Rechtslage, die bei Kindsmord mildere Strafen vorsieht als beim Abbruch einer Schwangerschaft. Die katholische Kirche jedoch möchte bei der Verteufelung der Abtreibung bleiben. Mit den Worten des Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Vincenzo Paglia: "Ich glaube, da gibt es nichts zu feiern. Alles, was in irgendeiner Weise dem Tod die Drecksarbeit leichter macht, stimmt uns nicht besonders froh!"

Dem Tod die Drecksarbeit erleichtern: Was Paglia in der alten Diktion der Straftheologie und des moralischen Rigorismus stigmatisiert, mit der bewährten Überheblichkeit eines Klerikers, der vom Leben nichts wissen will, ist fast immer die schiere Not. Für diese Not fühlt sich Paglia nur nicht zuständig: dass eine junge Frau ungewollt schwanger wird; dass werdende Eltern sich einem behinderten Kind nicht gewachsen fühlen; dass eine Vergewaltigte ein gewaltsam gezeugtes Kind nicht will. Paglia, der Moralapostel in Rom, erklärt Abtreibungswillige lieber zu Kirchenfeinden, ja zu Kinderfeinden.

Papst Franziskus dürfte das anders sehen. Der Lateinamerikaner hatte früher zwar auch vom "grauenhaften Verbrechen" der Abtreibung gesprochen, doch nach dem Referendum hat er das nicht wiederholt. Er appellierte lediglich an die katholischen Ärzte, ihr Gewissen zu befragen und zum Wohl des Patienten zu entscheiden, gegebenenfalls auch gegen eine Abtreibung.

Erzbischof Paglia und andere Betonbischöfe werden sich nun ermuntert fühlen, Frauen in Not weiter zu verdammen. Liberale Bischöfe dagegen werden sich daran erinnern, dass Franziskus seinen Priestern längst aufgetragen hat, die "Sünde der Abtreibung" zu vergeben. Der Papst ermahnt sie ja ständig, sich zuerst selbst als Sünder zu sehen und anderen Menschen demütig beizustehen, statt sie zu verurteilen.

Das hätte Franziskus im Fall Irland jetzt noch einmal deutlich sagen können. Warum hat er es unterlassen? Vielleicht ist er selbst in der Sache der Abtreibung dann doch zu klar Gegner. Ganz sicher aber kann er sich kein deutliches Ja leisten, ohne ein Schisma zu riskieren.

Das hat sich bereits bei weitaus harmloseren Themen gezeigt: Sex vor der Ehe, Homosexualität, Zölibat, Ehescheidung. Wann immer der Papst eine Liberalisierung des römischen Kurses anstieß – nicht etwa die volle Bejahung dessen, was in den westlichen Demokratien erlaubt und üblich ist, lediglich Verständnis und Toleranz –, brach unter den Bischöfen ein Sturm der Entrüstung los. Oft waren es afrikanische und asiatische Kleriker, die gegen eine "Verweltlichung" ihrer Kirche aufstanden, nicht selten aber auch amerikanische und deutsche. Je nach Thema.

Zuletzt opponierten sieben deutsche Bischöfe um Kardinal Rainer Maria Woelki gegen den Plan ihrer Bischofskonferenz, das gemeinsame Abendmahl für katholische und evangelische Eheleute zuzulassen. Zulassen, was ohnehin schon geschieht: Darum geht es jetzt auch in Irland. Tausende irische Frauen treiben jedes Jahr illegal ab oder gehen für einen Abbruch ins Ausland. Das Referendum war ein Nein zu diesem unhaltbaren Zustand. Und es war ein Nein zu einer Kirche, die lieber moralische Urteile spricht, als zu helfen. Wird der reformunwillige Teil des Klerus dieses Nein hören, ehe es für ihn zu spät ist? Dublins Bischof Diarmuid Martin klagte soeben, das irische Referendum zeige die zunehmende Gleichgültigkeit der Iren gegenüber der Kirche. In Wahrheit ist es umgekehrt: Das Referendum ist eine Reaktion auf die brutale Gleichgültigkeit der Kirche gegenüber den Iren.

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