DIE ZEIT: Herr Klinsmann, in wenigen Tagen gibt der Bundestrainer den endgültigen Kader für die WM in Russland bekannt. Weiß Joachim Löw heute bereits, wen er mitnimmt und wen nicht?

Jürgen Klinsmann: Nein, gewiss nicht, abgesehen von den gesetzten Spielern natürlich.

ZEIT: Hatte er nicht während der Saison genug Zeit, seine Kandidaten zu beobachten?

Klinsmann: Eine WM ist immer auch eine Momentaufnahme. Der Kader, den Jogi Löw nominieren wird, ist deshalb ein Spiegelbild des Jetzt. Und genau deswegen werden solche Entscheidungen tatsächlich erst in den letzten Tagen vor der Nominierung getroffen. Bei den Spielern, die nicht gesetzt sind, sind es Tagesentscheidungen, langfristige Erwägungen spielen keine Rolle.

ZEIT: Welche Rolle spielt bei diesen Tagesentscheidungen die Leistung beim Training und bei den nun anstehenden Testspielen?

Klinsmann: Das Trainingslager ist entscheidend. Manche Leute denken, alles sei schon entschieden. Jetzt machen sie, quasi als Beschäftigungstherapie, noch ein Benefizspielchen hier, ein Testspiel gegen die U 20 und ein wenig Teambuilding da. Aber für die Trainer summieren sich die Momentaufnahmen und führen zu der endgültigen Entscheidung.

ZEIT: Da bringt jemand die ganze Saison Topleistungen, und dann sollen Tischtennis und Teambuilding über die Nominierung entscheiden?

Klinsmann: Kicken können alle, die dabei sind. Und die Stammspieler sind natürlich nicht betroffen. Aber bei einem Turnier, bei dem, wenn es gut läuft, zwei Monate ein extremes Stress- und Spannungsfeld herrscht, brauchst du Typen, die genau für diese Situation gebaut sind. Du hast Spieler, die spielen eine super Saison, sind aber keine Turniertypen. Und du hast Turniertypen, die haben eine schwache Saison gespielt – aber du ahnst: Die können ein Turnier entscheiden.

ZEIT: Sie nahmen nicht die 23 besten, sondern die am besten zueinanderpassenden Spieler mit?

Klinsmann: Wichtig ist das Gesamtbild der 23, das Energiefeld, das sich ergibt. Das Trainerteam muss dieses Energiefeld schaffen, es voraussehen. Ich konnte mich da richtig reinsteigern.

ZEIT: Wie sieht dieser Prozess genau aus?

Klinsmann: Bei meinen Mannschaften saß ich täglich mit dem Trainerteam zusammen, alle berichteten von ihren Beobachtungen, am Ende geht es oft darum: Ist der eine gerade bei 51 Prozent, der andere bei 49 Prozent? Dann musst du entscheiden. Wohlwissend: Eine Woche später wäre es vielleicht andersherum ausgegangen.

ZEIT: Wann und wo finden diese Gespräche statt?

Klinsmann: Mal beim Abendessen, mal danach. In den letzten Tagen dauern sie bis tief in die Nacht.

ZEIT: Wer darf mitreden?

Klinsmann: Wir hatten damals 2006 abends immer einen offenen Tisch, da saßen nicht nur die Fußballtrainer, da kamen auch die Mediziner, die Medienchefs dazu, Leute aus dem organisatorischen Bereich. Wir haben sie immer explizit um ihre Meinung gebeten, um zu sehen: Sind wir auf dem richtigen Weg hier? Machen wir was falsch? Gerade in der Phase, kurz bevor du den 23er-Kader benennen musst, ist es wichtig, dass du offen bist für Eindrücke von Menschen, die einen anderen Blick auf das Team haben als du selbst.

ZEIT: Sind diese Entscheidungen tatsächlich ein demokratischer Prozess im Trainerteam, oder muss der Bundestrainer nicht letztlich doch sagen: "So will ich das haben"?

Klinsmann: Ich bitte Sie! Die Zeiten, da allmächtige Chefs alles allein entschieden haben, sind doch vorbei – nicht nur im Fußball. Aber der Bundestrainer ist natürlich derjenige, der diese Entscheidungen nach innen wie nach außen kommuniziert und den Kopf dafür hinhalten muss.

ZEIT: Tischtennis, Teambuilding, Testspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit, alles unter extrem komfortablen Bedingungen in malerischer Umgebung – das klingt relativ relaxt.

Klinsmann: Da täuschen Sie sich. Alle arbeiten während dieser Zeit 14 bis 16 Stunden am Tag. Du fängst morgens um 7 Uhr an, und abends um 23 Uhr, wenn du das Licht ausmachst, dann bist du leer und voll zugleich, du schaltest kaum mehr ab.

ZEIT: Gab es Entscheidungen, die Sie als Bundestrainer gegen den Rat Ihrer Kollegen trafen?

Klinsmann: Nein, Jogi und ich, wir haben die Dinge wirklich fast immer gleich bewertet.

ZEIT: Gilt das auch für die Entscheidung gegen Oliver Kahn und für Jens Lehmann als Torhüter Nummer eins?

Klinsmann: Es war, anders als in der Öffentlichkeit dargestellt, bis zur Entscheidung eine 50:50-Situation. Wir haben uns, gemeinsam mit Andy Köpke, nächtelang die Köpfe heißgeredet.

"Man muss nach allen Seiten offen sein"

ZEIT: Was hat den Ausschlag gegeben?

Klinsmann: Es war extrem schwer, das zu entscheiden, weil wir es bei Oliver und Jens mit zwei charismatischen, dominanten Persönlichkeiten zu tun hatten, mit absoluten Turniertypen, die mit ihrer Energie alle mitreißen konnten. Und beide gehörten zu den fünf besten Keepern der Welt. Natürlich gab es die fußballerische Diskussion, die beiden verkörperten zwei verschiedene Torwarttypen. Oliver verkörperte eher die traditionelle Spielform, Jens eher die damals noch neue Philosophie, bei der sich der Torhüter mehr ins Spiel einschaltet. Das hat letztlich den Ausschlag gegeben. Es konnte ja nur einer spielen.

ZEIT: Hatten Sie jemals in Ihrer Trainerkarriere eine schwierigere Entscheidung zu treffen?

Klinsmann: Ganz sicher nicht.

ZEIT: Wann stand die Entscheidung fest?

Klinsmann: Als wir 2004 als Trainerteam die Mannschaft übernahmen, entschieden wir, diese Frage zwei Jahre offenzulassen. Das war der erste Schock für Oliver, das hatte er nicht erwartet.

ZEIT: Wie haben Sie den Entscheidungsprozess moderiert?

Klinsmann: Wir haben über die zwei Jahre hinweg immer wieder Einzelgespräche mit beiden geführt.

ZEIT: Wie lauteten Ihre Argumente genau?

Klinsmann: Wir sagten beiden: Wir haben mit euch zwei Weltklassetorhüter, wir hoffen, dass wir die richtige Entscheidung treffen, und, ganz wichtig, sie ist bis zuletzt wirklich offen.

ZEIT: War sie das?

Klinsmann: Absolut.

ZEIT: In Teilen der Öffentlichkeit hieß es, Sie wollten Kahn hinhalten.

Klinsmann: Natürlich hat sich das alles in den Monaten vor der WM zugespitzt, Olivers Club, der Bayern München, wurde immer unzufriedener mit der Situation, fürchtete um die Form seiner Nummer eins. Das war auch total nachvollziehbar. Irgendwann hat Bayern im Fernsehen erklärt: Jetzt sollte eine Entscheidung fallen. Da habe ich zu unserem Trainerteam gesagt: Kommt, lasst uns zusammensetzen, wir müssen das jetzt endgültig durcharbeiten.

ZEIT: Bayern hat also Ihren Zeitplan diktiert?

Klinsmann: Natürlich nicht. Aber, wie gesagt: Man muss in solchen Prozessen nach allen Seiten offen sein, und wir haben entschieden, dass es für die Gesamtsituation gut ist, Olivers Situation beim FC Bayern mit einzubeziehen. Wir diskutierten das dann in München in einem Hotel ein letztes Mal rauf und runter bis nachts um 3 oder 4 Uhr, und dann haben wir entschieden, wir gehen erst mal mit Jens rein ins Turnier.

ZEIT: Was war Ihre größte Sorge, nachdem das feststand?

Klinsmann: Dass Oliver hinschmeißt. Wir wussten nicht, wie er reagiert.

ZEIT: Wer hat ihm die Entscheidung mitgeteilt?

Klinsmann: Natürlich ich persönlich. Ich habe ihn am nächsten Morgen angerufen, und er kam dann ins Hotel, und Jogi, Andreas Köpke und ich haben ihm das gemeinsam mitgeteilt.

ZEIT: Neben der Entscheidung selbst keine schöne Situation für Kahn: allein gegen drei. Warum haben Sie ihm das nicht alleine mitgeteilt?

Klinsmann: Ich wusste, diese Entscheidung würde ihn enorm enttäuschen. Ich hätte es mir auch leicht machen können und sagen können: Lass Andy Köpke entscheiden, denn letztendlich ist der Torwarttrainer derjenige, der sagen muss, ich würde mehr zum einen oder zum anderen tendieren. Ich habe ihm diese Entscheidung als gemeinsame kommuniziert, letztlich, das wusste er auch, als meine.

ZEIT: Wie hat Kahn reagiert?

Klinsmann: Er war wie vor den Kopf gestoßen, hat es aber ruhig und sehr respektvoll aufgenommen. Er sagte, er müsse das jetzt erst mal schlucken...

ZEIT: ...er hatte offenbar nicht damit gerechnet...

Klinsmann: ...ich habe ihm gesagt, dass ich für jede Reaktion seinerseits vollstes Verständnis hätte.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch, wie das Gespräch genau verlief?

Klinsmann: Ja, so etwas vergisst du nicht. Aber es war ein sehr privates Gespräch, ich denke, die Einzelheiten sollten unter den Beteiligten bleiben. Es war auf alle Fälle sehr respektvoll – auch von Oliver. Dass dies für keinen angenehm war, ist doch klar. Aber meine Hochachtung vor Oliver ist nach diesem Gespräch gestiegen.

ZEIT: Wusste Jens Lehmann zu diesem Zeitpunkt schon, dass er die Nummer eins werden würde?

Klinsmann: Nein, wir hatten einen klaren Fahrplan und haben zuerst mit Oliver gesprochen. Und danach habe ich Jens angerufen.

"Es war eine schwierige Entscheidung"

ZEIT: Wie läuft die Kommunikation im Normalfall? Wann erfahren die Spieler, dass sie im Trainingslager dabei sind? Wer garantiert, dass sie ihr Handy gerade anhaben, wenn der Anruf kommt?

Klinsmann: Man bereitet sie darauf vor, dass ein Anruf kommt, du sagst ihnen, seid bitte übermorgen zwischen 9 und 12 Uhr erreichbar.

ZEIT: Bekommen das dann alle gesagt oder nur die, die wackeln?

Klinsmann: Nein, diesen Hinweis bekommen nur die Spieler, deren Teilnahme noch nicht sicher ist, ab Platz 16 in der Rangfolge würde ich sagen, rund 15 sind meistens gesetzt, damals war das jedenfalls so.

ZEIT: Und wie wird kommuniziert, wenn man, wie jetzt Löw, im Trainingslager entscheiden muss?

Klinsmann: Ich gehe davon aus: vor Ort, im Gespräch am Tisch. Da sind alle Beteiligten im Hotel.

ZEIT: Kann sich ein Spieler in einer solchen Nominierungsphase auch aus dem Kader rausquatschen, wie kürzlich Sandro Wagner mit seiner Bemerkung, sinngemäß, es sei Wahnsinn, wenn er nicht mitgenommen würde?

Klinsmann: So eine Aussage zeugt nur von seiner Selbstüberzeugung, von großem Selbstvertrauen. Eine solche Ansage würde ich total locker sehen. Das darf bei der Entscheidung keine Rolle spielen. Seine vorwurfsvolle Reaktion nach seiner Nichtnominierung allerdings ging gar nicht.

ZEIT: Wie sieht es bei anderen leistungsfremden Kriterien aus, beispielsweise politische Nähe zu Diktatoren, wie sie Mesut Özil und Ilkay Gündoğan kürzlich demonstrierten?

Klinsmann: Selbstverständlich kann so etwas bei der Nominierung den Ausschlag geben, weil es insgesamt das Energiefeld negativ beeinflussen kann. Das gilt aber nur für sogenannte Grenzspieler, bei denen die Nominierung ohnehin auf der Kippe steht. Bei Mesut und Ilkay stellt sich die Frage nicht, das sind Leistungsträger, da gibt es sicherlich einen größeren Toleranzspielraum.

ZEIT: Wann stand die vielleicht folgenreichste Entscheidung Ihrer Karriere fest: Ihr Rücktritt nach der WM 2006?

Klinsmann: Sie fiel ganz am Ende des Turniers, in enger Abstimmung mit meiner Frau Debbie.

ZEIT: Erst nach dem furiosen Spiel um Platz drei, bei dem Sie und die Mannschaft überschwänglich gefeiert wurden?

Klinsmann: Zwischen dem verlorenen Halbfinale gegen Italien und dem Spiel um Platz drei.

ZEIT: Gab es einen Moment, in dem Sie noch hätten umgestimmt werden können?

Klinsmann: Nein, aber es war eine schwierige Entscheidung, ausschlaggebend war letztendlich das Gefühl, dass ich das, was mir als Aufgabe gestellt worden war, erfolgreich zu Ende gebracht hatte. Ich war davon so positiv erfüllt, dass es möglich war, diese Lebensentscheidung so zu treffen.

ZEIT: Eine Entscheidung für Ihr Privatleben?

Klinsmann: Ich wusste, ich kann und will nicht mehr weiter zwischen den USA und Europa hin- und herreisen. Ich war in den zwei Jahren als Bundestrainer mehr als 40-mal hin- und hergeflogen. Das haben Zeitungen ja immer gerne mitgezählt. Meine Frau und ich wussten, wenn ich das weitermachen möchte, dann hätten wir nach Europa umziehen müssen. Wir waren damals einfach familiär nicht so weit, und ich habe entschieden: Nein, es ist besser, wir bleiben in den USA, und ich übergebe den Job an Jogi.

ZEIT: Wenn es schon nach dem Halbfinale feststand, weshalb hat es dann mit der Kommunikation noch bis weit nach Ende des Turniers gedauert?

Klinsmann: Wir wollten noch einmal beim Spiel um Platz drei auftrumpfen und mussten ja zudem erst einmal sicherstellen, dass der Jogi das auch macht.

ZEIT: Er hat sich geziert?

Klinsmann: Das war nicht mein Eindruck, aber er musste das natürlich auch erst mit seiner Frau besprechen.

ZEIT: Hat Sie überrascht, dass er Ihr gemeinsames Werk nicht nur weiterführte, sondern dass ihm auch noch mal ein riesiger Qualitätssprung gelang?

Klinsmann: Nein. Ich wusste, dass Jogi – und vermutlich nur er – das, was wir gemeinsam begonnen hatten, so weiterführen würde, wie wir uns das gemeinsam vorstellten. Wir waren ja von Anfang an auf unserem Weg, von dem er auch überzeugt war. Mit seiner starken Persönlichkeit und dem ungeheuren Sachverstand hat er ja dann auch das Team weiterentwickelt – und sich selbst auch. Dazu kam die ihm gegebene Lockerheit, diese Leichtigkeit, das war entscheidend. Aber ich wusste das ja alles vorher, deswegen wollte ich ihn unbedingt. Und dies wurde ja dann auch bestätigt.