Die Geschichte mit Karl begann im Frühsommer des vorigen Jahres. Meine Frau erklärte mir, dem treuen Hole-Diener der Familie, dass ich Erdbeeren fortan nur noch "bei der Erdbeere von Karls Erdbeerhof" zu kaufen hätte. Sie meinte damit einen Verkaufsstand in Form einer gigantischen Erdbeere, gleich hinter unserem S-Bahnhof in Berlin. "Warum soll ich dort die Erdbeeren kaufen?", fragte ich. "Weil die Erdbeeren nirgends besser sind", antwortete meine Frau, die genauso wenig wie ich für Karls Erdbeerhof arbeitet, in meiner Erinnerung allerdings bestimmt ein rot-weiß gestreiftes Kleid trug und eine grün umrandete Schürze mit Erdbeeren darauf und strahlend in die Kamera meiner Augen lächelte.

An jenem sonnigen Tag im Mai also lenkte ich meine Schritte zu der besagten gigantischen Erdbeere, um dort sehr teure Erdbeeren zu kaufen. Die Erdbeeren sahen schon von Weitem ungeheuer verführerisch aus. Sie lagen mit lustigem grünem Hütchen, kess gesprenkelt mit ihren winzigen Kernchen, in einem Bett aus Stroh in einem Korb aus Bast, und sie leuchteten erdbeerrot und dufteten mir erregend intensiv entgegen. Ich trug die Erdbeeren nach Hause in unsere Küche, durch deren weit geöffnete Fenster die Sonne hereinschien. Wir schnitten den Erdbeeren ihre Hütchen ab, halbierten sie und taten sie in eine Schüssel, in der sich unten Erdbeer-Saft sammelte. Wir schlugen Schlagsahne und aßen die Erdbeeren mit Schlagsahne aus Glasschälchen, in denen sie ein bisschen hin und her rutschten. Die Erdbeeren waren wahnsinnig gut und besser als alle anderen Erdbeeren, denn sie schmeckten einfach ungeheuer stark nach Erdbeere.

Die Erdbeere ist immer positiv. Da ist sich die Menschheit einig
Robert Dahl

In der Erdbeere, das weiß ich inzwischen, liegt ein großes Geheimnis. Damals begriff ich das noch nicht. Ich ahnte sowieso noch nicht, dass mich mein erster Gang zu Karls erdbeerförmigem Erdbeer-Verkaufsstand am Ende in eine Art Erdbeer-Delirium führen würde, in einen Erdbeer-Rausch, in dem ich vor Erstaunen immer lachen muss und der noch immer nicht enden will.

Zunächst dachte ich nur: Diese Erdbeeren sind die besten Erdbeeren überhaupt, ich mag die anderen nicht mehr essen. Als Nächstes fiel mir auf, dass es nicht bloß unsere gigantische Erdbeere gab, sondern dass Karls in ganz Berlin solche Stände verteilt hatte, wie außerdem in Leipzig, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. 400 gigantische Erdbeeren, die Karls Status als Imperium markierten wie lustige, erdbeerförmige Kastelle.

Das Nächste war, dass ich mit Frau und Tochter in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs war, durch den Ort Rövershagen kam und begriff, dass dies das Rom des Erdbeer-Imperiums sein musste. Überall im Ort hing Werbung für Karls, und dann fuhren wir plötzlich an etwas vorbei, das wie eine riesige Erdbeer-Kirmes erschien und "Karls Erlebnis-Dorf" hieß, und davor stand ein riesiger Turm, der aussah wie immense übereinandergestapelte Erdbeer-Körbe, und wir sahen winzige Kinder darin herumklettern und auf langen Rutschen daraus verschwinden. Dieser Turm war, wie ich später im Erdbeer-Internet erfuhr, der sogenannte "Karlossos – Karls größter Rutschturm", das Wahrzeichen von "Karls Erlebnis-Dorf Rövershagen", einem von mittlerweile fünf Erlebnis-Dörfern.

Wer, so fragte ich mich und wollte die Antwort sofort wissen, betreibt bitte schön dieses Unternehmen, das mir zunehmend wie ein geheimes Google vorkam, schien es doch die Welt zu übernehmen mit verdächtig perfekten Erdbeeren und eigenartigen Parks, nur redete irgendwie niemand darüber. Wer, wollte ich wissen, ist eigentlich Karl?

Die kurze Antwort vorab: Karl ist tot.

Die lange Antwort erhielt ich, nachdem ich eine Presse-Anfrage gestellt hatte und wenige Tage später eine mir unbekannte Nummer auf meinem Handydisplay erschien. Am Telefon: Robert Dahl, der Gründer und Geschäftsführer von "Karls Erdbeerhof" persönlich. Gelernter Obstbauer, Sohn des großen Erdbeer-Bauern Karl-Heinz Dahl, Enkel von einem gewissen Karl Dahl.

Robert Dahl, das sollte ich noch begreifen lernen, ist Deutschlands größter Erdbeer-Impresario aller Zeiten. Ein getriebener Großdenker, dem, so könnte man das jetzt schon sehr kurz zusammenfassen, der folgende Satz zum Schicksal geworden ist: "Die endgültige Betriebsgröße wird durch die Absatzmöglichkeiten bestimmt." Aber das führt an dieser Stelle noch zu weit.

Am Telefon schlug mir Robert Dahl sehr freundlich vor, dass wir uns im Erlebnis-Dorf Elstal treffen könnten, dem Karls-Betrieb bei Berlin. Dort habe er gerade auf einer Baustelle zu tun. So fuhr ich also an einem strahlenden Nachmittag Mitte April an den Stadtrand von Berlin. Wieder einmal unterschätzte ich, was mich dort erwarten würde. Ich rechnete mit einer kleineren Version dessen, was ich in Rövershagen gesehen hatte, stellte jedoch fest, dass Karls in Elstal ein 75-Hektar-Areal gehört, das ist etwa eineinhalbmal der Vatikan. Dieses riesige Areal grenzte an einen Naturpark mit Urpferden und Wisenten, von dem ich noch nie gehört hatte, und umfasste eine marode Ost-Kaserne. "Karls Erlebnis-Dorf Elstal" wirkte darin wie eine Erdbeere in der Postapokalypse.