Es ist eine schleichende Krankheit, sie schwelt seit Jahrzehnten überall auf der Welt. Besonders dramatisch ist die Situation in vielen Ländern Asiens. In Hongkong, Shanghai oder Seoul findet man unter den jungen Erwachsenen praktisch keine gesunden Augen mehr, über 95 Prozent der Bevölkerung sind dort betroffen. Auch in Europa und den Vereinigten Staaten ist mindestens jedes zweite Augenpaar der jungen Generationen krank. Der Befund: Myopie, zu Deutsch: Kurzsichtigkeit.

Für Augenärzte sind das alarmierende Zahlen. Denn anders als früher gilt die Myopie nicht mehr als bloße Unbequemlichkeit, sondern als Gefahr für das Sehvermögen: Langfristig drohen den Betroffenen schwere Sehbehinderungen bis hin zur Erblindung. Die Fehlsichtigkeit in die Ferne kommt durch einen überlangen Augapfel zustande. Er führt dazu, dass die lichtbrechenden Strukturen aus Hornhaut und Linse die Lichtstrahlen schon vor der Netzhaut fokussieren (siehe Grafik). Zwar lässt sich dieser Fehler durch Brille, Kontaktlinsen oder eine Laser-OP der Hornhaut beheben. Doch eine solche Korrektur beseitigt nicht das Risiko für das Sehvermögen: Die Übergröße des Augapfels bleibt dabei erhalten.

Myopie entwickelt sich typischerweise in der Kindheit und Jugend, denn nur in dieser Lebensphase wächst das Auge. Doch der Grund für das übermäßige Wachstum des Sehorgans blieb lange Zeit obskur. Man wusste nur, dass ein Zusammenspiel von erblichen Veranlagungen und Umweltfaktoren die Störung auslöst. Früh aufgefallen war den Wissenschaftlern auch, dass Kurzsichtigkeit bei höher gebildeten Menschen häufiger auftritt. In Deutschland sind über 50 Prozent der Hochschulabsolventen betroffen, dagegen nur ein Viertel der Menschen ohne höhere Schulbildung.

Entscheidender Augapfel

Warum Kurzsichtige nicht scharf in die Ferne sehen können.

© ZEIT-Grafik

Ein großer Teil des Rätsels scheint nun gelöst. In dieser Woche liefern die Befunde einer Untersuchung mit kurzsichtigen Probanden Aufschluss über zahlreiche Genveränderungen, die Kurzsichtigkeit begünstigen. Dazu bestätigen die Gendaten den Verdacht, den Forscher in den vergangenen vier Jahren nach Vergleichsstudien an Kindern und Jugendlichen formuliert hatten: Kurzsichtigkeit entwickelt sich, wenn das Auge zu selten hellem Tageslicht ausgesetzt und zu oft auf Nahsicht fokussiert wird.

Beides lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen. Denn die Zeit, die Kinder im Freien im Sonnenlicht verbringen, nimmt ab. Nicht langes Lesen und Starren auf Bildschirme macht kurzsichtig, sondern der Umstand, dass man dies drinnen tut – bei künstlicher Beleuchtung. Im Freien herrscht an sonnigen Tagen auch im Schatten eine Lichtstärke um die 10.000 Lux, in einem Klassenraum oder Kinderzimmer sind es typischerweise nur 500 Lux. Am meisten gefährdet sind also jene Stubenhocker, die über Stunden bei mangelhafter Beleuchtung Bücher lesen oder auf den Computerbildschirm oder das Smartphonedisplay starren.

Noch vor zehn Jahren hätte man das eher als pädagogisches Problem gesehen, mit einem nicht weiter dramatischen medizinischen Nebeneffekt. Die Lehrmeinung hieß: Ein kurzsichtiges Auge ist kein krankes Auge. Inzwischen herrscht bei den Fachleuten die Überzeugung vor, dass bei Kurzsichtigkeit komplexe biochemische Signalwege in der Netzhaut fehlgesteuert sind. Diese gestörte Zellkommunikation erhöht das Risiko für spätere Augenerkrankungen massiv. Besonders gefürchtete Folgeleiden bei Kurzsichtigen sind grüner und grauer Star, die Degeneration oder die Ablösung der Netzhaut sowie Ödeme, also Wassereinlagerungen, in der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens.

Je ausgeprägter die Kurzsichtigkeit ausfällt, desto eher ist durch diese Krankheiten die Sehfähigkeit insgesamt bedroht; ab sechs Dioptrien sollten Kurzsichtige ihre Augen in regelmäßigen Abständen vom Arzt untersuchen lassen. Immerhin entwickelt jeder dritte stark Kurzsichtige eine Augenerkrankung, die seine Sehtüchtigkeit stark einschränkt.

Bei vorsorglichen Untersuchungen aber darf es nach Meinung der Experten nicht bleiben. Denn die Zahl der Kurzsichtigen nimmt rasant zu, vor allem die der schwer betroffenen Patienten. Die Weltgesundheitsorganisation hat Myopie deshalb zu einem globalen Gesundheitsproblem erklärt. "Der Zuwachs ist tatsächlich dramatisch", sagt Frank Holz, Chefarzt der Bonner Uni-Augenklinik, "das ist eine regelrechte Pandemie." In China, berichtet der Klinikchef, gebe es bereits Schulen, die Wände und Decken der Klassenzimmer verglasen ließen, damit mehr Tageslicht in die Unterrichtsräume gelange und die Schüler wenigstens ab und zu mal in die Ferne blickten. In Taiwan lernen Kinder teilweise an Pulten mit metallenen Abstandhaltern, die dafür sorgen, dass sich die Schüler nicht zu dicht über die Buchseiten beugen.

Experten schreiben die extrem hohe Rate von Kurzsichtigen vor allem den rigorosen Schulanforderungen asiatischer Länder zu: Laut OECD verbringen 15-jährige Schüler in Shanghai durchschnittlich 14 Stunden pro Woche mit Schulaufgaben in Innenräumen, in Großbritannien sind es nur fünf, in den Vereinigten Staaten sechs Stunden.

Die Folgen sind offenbar explodierende Myopie-Raten: In den 1960er Jahren war erst knapp jeder fünfte junge Chinese kurzsichtig, heute sind es über 90 Prozent. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung in Südkorea, Taiwan und Singapur. Auch in Deutschland halten sich Kinder immer weniger im Freien auf. Nach Zahlen des Deutschen Kinderhilfswerks verbringen selbst bei schönem Wetter nur etwas mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen an drei oder mehr Tagen in der Woche ihre Freizeit bei Tageslicht.