Meinen ersten Traum auf Latein hatte ich nach drei Monaten. Gewundert hat mich das nicht. Mir rutscht auf der Straße manchmal auch ein "Gratias!" statt eines "Danke!" heraus. Ich bin Stipendiat an der Accademia Vivarium Novum. Für zehn Monate heiße ich nicht mehr Lars, sondern Laurentius und lebe in einer Villa in einem Vorort von Rom. Die einzige Sprache, die ich hier spreche, ist Latein.

Ich will Seneca, Ovid und Martial verstehen, ohne dabei ins Wörterbuch schauen zu müssen. Denn was damals geschrieben wurde, ist heute immer noch wichtig. Das tägliche Sprechen hilft dabei, die Sprache zu beherrschen. An der Akademie habe ich 30 Mitschüler, alle zwischen 18 und 25 Jahre alt. Man könnte denken, wir seien Nerds – ich würde sagen, wir brennen einfach für Sprache. Ein Schüler kommt aus dem Kongo, einer aus China, einer aus Indien. Latein ist die einzige Sprache, die wir gemeinsam haben. Deshalb ist es gar nicht schwierig, sich an die Regel zu halten. Auch wenn wir abends zusammensitzen und unsere Lehrer nicht dabei sind, bleiben wir immer bei Latein.

Das Vokabular dafür kommt aus den Texten von damals. Die handeln ja nicht alle vom Krieg oder von Philosophie, obwohl man das denken könnte, wenn man Latein in der Schule lernt. Wir können ableiten, was Seneca sagte, wenn er die Butter wollte: "Da mihi butyrum." Improvisieren müssen wir nur bei Dingen, die es damals noch nicht gab. Statt "Kabel" sagen wir zum Beispiel "filum", das lateinische Wort für Faden. Aus dem Auto wird so eine Kutsche.

Unser Tag beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück: "ientaculum". Danach ist Unterricht: Literatur, Latein, Altgriechisch, Chorgesang. Die erste Stunde beginnt morgens um zehn, die letzte Stunde endet um 21 Uhr. Zwischendurch essen wir gemeinsam und reden dabei über Filme oder über Reiseziele – wie Studenten in der Mensa. Andere Sprachen sprechen wir nur, wenn uns jemand besucht. Neulich war die Familie von meinem Mitschüler aus dem Kongo da. Da durften sich alle dazusetzen, die Französisch verstehen.

Wenn ich zurück in Deutschland bin, will ich mein Studium fertig machen und an der Uni lehren. Dann kann ich weitergeben, was ich hier gelernt habe: Litterae Latinae, monumentum aere perennius – Lateinische Literatur ist dauerhafter als Erz!

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Korrekturhinweis: Leider gab es in der Printversion dieses Artikels minimale Fehler in den lateinischen Zitaten. Wir haben das online latinisiert. Die Redaktion.