"Die Schüler waren völlig durcheinander"

Udo Moter, 48, Schulleiter der Maria-Kunigunda-Grundschule in Essen

Vor einigen Monaten habe ich an meiner Schule eine Diplom-Musikerin als Quereinsteigerin eingestellt. Fachlich war sie kompetent, didaktisch eine Katastrophe. Sie war regelmäßig überfordert, ist heulend durch das Lehrerzimmer gelaufen. Auch die Schüler waren völlig durcheinander nach einer Unterrichtsstunde mit ihr. Wenn sie Gruppen eingeteilt hat, vergaß sie regelmäßig Kinder und konnte sich deren Namen nicht merken. Vor Kurzem ist sie nun an die Nachbarschule versetzt worden. Ich glaube kaum, dass es dort besser läuft.

Als Schulleiter bin ich auf den Umgang mit Seiteneinsteigern gar nicht vorbereitet worden: Erst spät haben wir von der Bezirksregierung erfahren, dass wir der Seiteneinsteigerin eine Mentorin zur Verfügung stellen müssen. Das ist paradox: Da stelle ich im Mangelfach Musik jemanden ein, damit nicht mehr so viele Stunden ausfallen, und soll dann eine andere Musiklehrerin als Mentorin abziehen? Unsere Schule kann das in der derzeitigen Notsituation nicht leisten.

"Werden mehrere Lehrer krank, muss der Unterricht oft ausfallen."
Udo Moter, Schulleiter in Essen

Meine Schule im Essener Norden ist eine Brennpunktschule. Allein 70 Flüchtlingskinder besuchen unsere Schule, 200 meiner 330 Schüler haben Migrationshintergrund. Die Klassen sind groß, in vielen Bereichen mussten wir aufgrund des Lehrermangels den Förderunterricht auf ein Minimum kürzen. Uns fehlen Lehrer, die sich um die Sprachförderung kümmern – und werden mehrere Lehrer krank, muss der Unterricht oft ausfallen.

Ich finde die derzeitige Situation untragbar – für die Schüler, aber auch für das Kollegium. Wir haben Lehramtsanwärterinnen, die sich zu Tode ackern und Prüfungen ablegen müssen. Im selben Lehrerzimmer befinden sich Seiteneinsteiger, die ohne solide Ausbildung oder Prüfung einfach durchgewinkt werden. Das ist unfair.

"Manche sind Naturtalente"

Christiane Paulig, 58, Schulleiterin an der Pettenkofer-Grundschule in Berlin-Friedrichshain

Unsere Schule ist aufgrund ihrer zentralen Lage und des Montessori-Schwerpunkts sehr attraktiv für Lehramtsabsolventen. Bisher hatten wir kaum Schwierigkeiten, motivierte und gut ausgebildete Lehrer zu finden. Gerade jedoch herrscht Notstand, acht Stellen sind bei uns frei. Ich habe bereits Bewerbungen von Journalisten, Holzwirtschaftlern, Gartenlandschaftsbauern, Germanisten und Archäologen bekommen. Interessante Bewerber lade ich für mehrere Tage zum Hospitieren an der Schule ein. Für mich sind Charisma und ein guter Draht zu den Kindern wichtige Grundvoraussetzungen. Manche Quereinsteiger sind da Naturtalente.

Quereinsteiger verfügen meiner Erfahrung nach nicht über die nötigen Fertigkeiten, die Lehrer mitbringen. Was Lehramtsstudenten in fünf Jahren an Pädagogik und Didaktik erlernen, ist nicht durch ein kurzes Seminar zu ersetzen. Wenn Quereinsteiger in den ersten Schuljahren Fehler machen, haben unsere Schüler unter Umständen ihr ganzes Leben lang mit den Konsequenzen zu kämpfen. Das kann verheerende Auswirkungen haben. Daher müssen wir sehr achtsam sein.