Als Kinderbuchautorin begegne ich ihnen allen: Wenn ich an Grundschulen in Stadtteilen mit höherem Einkommen lese, sitzen da Kinder mit vor Spannung roten Wangen und offenen Mündern. Sie fragen nach, fiebern mit: Ich lese aus einem Krimi. Ein gewildertes Nashorn liegt am Wegesrand. "Warum werden Nashörner getötet?" – "Wer macht so was?" Wir reden miteinander, und es geht schnell um viel mehr als das, was im Buch steht.

Lese ich an Schulen, die in sozialen Brennpunkten liegen, Hochhausgegenden, in denen Eltern wenig verdienen oder von Hartz IV leben, Bezirken mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund, sitze ich vor Schülern, die mir oft nur aus Höflichkeit zuhören. Die zwanzig Minuten tapfer durchhalten, gehen und meine Geschichten schnell vergessen. In ihren Köpfen entstehen keine Bilder, sie empfinden keine Spannung. Ihr erstes Buch haben nicht wenige von ihnen erst in der Schule kennengelernt, wenn nicht vorher zufällig eines im Happy Meal einer Hamburgerkette zu finden war.

Das klingt diskriminierend? Das ist die Realität.

Ein knappes Fünftel aller Zehnjährigen in Deutschland kann nicht richtig, nicht "sinnentnehmend" lesen, wie es heißt. Das bedeutet, sie verstehen nicht, welche Inhalte die Sätze vor ihnen haben. Sie sehen Buchstaben, die zusammenhängen, sie fügen Wörter aneinander, aber sie erkennen keinen Sinn. Das wissen wir, seitdem im vergangenen Dezember die internationale Grundschulstudie Iglu 2016 veröffentlicht wurde. 18,9 Prozent sogenannte funktionale Analphabeten unter den Kindern werden einmal 18,9 Prozent unserer Erwachsenen sein. Und kein Aufschrei geht durchs Land!

Welche Chancen werden diese Kinder später haben? Welche Berufsausbildung können funktionale Analphabeten erfolgreich durchlaufen, wenn dazu doch immer ein theoretischer Teil gehört? Welche Arbeit gibt es für sie in einer Gesellschaft, in der Arbeitsplätze am Band und im Bergwerk zum größten Teil verschwunden sind?

Wer in der Grundschule nicht richtig lesen lernt, wird das bis zum Schulabschluss kaum nachholen. Das ist von Bildungsforschern ebenso belegt wie die Tatsache, dass auch das Lesenlernen massiv von der sozialen Herkunft abhängt – wie so vieles im deutschen Bildungssystem.

Was aber bedeutet dieser Befund für die Gesellschaft? Können diese Kinder später einmal allein für ihren Lebensunterhalt und den ihrer eigenen Kinder aufkommen? Was kostet es ein Land wie Deutschland, wenn fast ein Fünftel derer, die das Schulsystem bis zum Ende der Grundschulzeit durchlaufen haben, nicht ausreichend lesen kann? Da die Politik nicht genug in die frühen Jahre investiert, muss sie damit rechnen, dass die vermeintlich eingesparten Kosten später um ein Vielfaches höher sind, wenn aus den Kindern Erwachsene werden, die über Jahrzehnte hinweg staatliche Unterstützung brauchen.

Es gab eine Zeit, da war das Lesen plötzlich überall Thema: nach dem Pisa-Schock im Jahr 2001, als die Deutschen erfuhren, dass ihre Schulen nicht mehr als Mittelmaß waren und dass selbst viele 15-Jährige nicht besonders gut lesen können. Leseförderprojekte von Stiftungen und sozialen Organisationen schossen aus dem Boden, und ich möchte mir nicht vorstellen, was heute wäre, gäbe es sie nicht!

Bislang denken wir aber zu oft, dass wir die Kinder nur motivieren müssen, Bücher zu lesen: dass sie dann automatisch mehr lesen und dadurch irgendwann lesen können. Allein bei der Motivation der Kinder anzusetzen reicht aber nicht aus. Was sollte ein Kind dazu bringen, ein ganzes Buch zu lesen, wenn es kaum den Sinn eines Satzes versteht? Den Spaß, den es beim Vorlesen noch empfindet, hat es beim Lesen ganz sicher nicht mehr. Nur Motivation hilft wenig, wenn nicht die Lesefähigkeit immer weiter gesteigert wird – bis die Kinder selbst zügig sinnentnehmend lesen können.