Für einen Linken, der etwas auf sich hält, gehört es zur intellektuellen Redlichkeit, in Paradoxien und Gegensätzen zu denken. Insbesondere in der Linkspartei, wo man seinen Marx und all die anderen wirklich gelesen hat, hält man noch einiges auf die Dialektik als Methode der Erkenntnis.

Manche Wendung in der Partei ist aber auch mit großem dialektischen Ehrgeiz nur schwer nachzuvollziehen. Zum Beispiel, warum auf eine Krise ein Vorschlag und auf diesen Vorschlag bloß Abwehr folgt. Schließlich sind die, wie man so sagt, objektiven Bedingungen ganz und gar unzweideutig. Vor zwanzig Jahren errangen SPD, Grüne und PDS zusammen bei der Bundestagswahl noch 52,7 Prozent, heute sind es in Umfragen kaum mehr 38 Prozent. 1998 entschieden sich 28 Millionen Wähler für eine linke Partei, bei der letzten Bundestagswahl waren es nur noch 18 Millionen.

Es gäbe also ein paar ziemlich gute, vielleicht sogar historisch drängende Gründe, sich darüber Gedanken zu machen, wie progressive Mehrheiten überhaupt noch zu gewinnen sind – und in welchen Formen und Allianzen.

Von der Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht stammt nun der Vorschlag zur Gründung einer linken Sammlungsbewegung, einer überparteilichen Initiative, die die zerstreute Linke zusammen und schließlich auch zur Macht führen soll. Doch ein erstes Programmpapier rief statt interessierter Aufmerksamkeit quer durch alle linken Parteien derart wütende Ablehnung hervor, dass man sich fragt: wieso eigentlich?

Nun ist da zum einen die Binnenfixierung der politischen Linken, die in immer rasanterer Geschwindigkeit um sich selbst kreist. Wagenknechts Anstoß wird entsprechend als rein machttaktisches Manöver einsortiert. Aha, heißt es kennerisch, ein Schachzug, um die parteiinternen Widersacher unter Druck zu setzen. Ein solches Denken wiederum führt in die komfortable Situation, dass man sich mit Inhalten und Strategie gar nicht erst auseinandersetzen muss.

Das zweite Problem ist die linke Organisationssentimentalität, das melancholische Gefühl, das einen beschleicht, wenn es mit der eigenen Truppe entweder rasant bergab (SPD) oder in keiner Weise bergauf (Linke) geht. Das Ergebnis dieser Sentimentalität ist dann, dass man das Bestehende mürrisch verteidigt und Neuem misstrauisch gegenübersteht. Selbst wenn es wie im Falle von Wagenknechts Bewegung um gar keine neue Partei gehen soll – die Idee gilt als Angriff und nicht als Chance.

Natürlich gibt es gegen eine Sammlungsbewegung berechtigte inhaltliche Einwände. Die zwei wichtigsten lauten Führerzentrismus und Linksnationalismus. Die Befürchtung also, dass eine solche Bewegung den weißen Facharbeiter umarmt, aber die anderen "Subalternen" vergisst. Und das Unbehagen, eine Person wie Wagenknecht, die sich ihres Charismas durchaus bewusst ist, könne die Bewegungsrhetorik nur nutzen, um einen Wahlverein zu gründen. Die Bewegung bin ich, gewissermaßen.

Seltsam wird es allerdings, wenn Apathie das Ergebnis dieser Skepsis ist. All die kritischen Intellektuellen, die Künstler und Schriftsteller, die Partei- und Bewegungslinken könnten ja auch auf die Idee kommen, die Chance zu nutzen, um das, was sich dort formiert, zu ihrer Bewegung zu machen. Zu einer Sammlung, die ihren Namen verdient. Die die Vielfalt der Linken auch organisatorisch abbildet, die all die Ideen, Visionen und konkreten Utopien, die bisweilen so unversöhnlich und disparat erscheinen, miteinander ins Gespräch bringt.

Dabei böte sich gleich die praktische Gelegenheit, ein paar Probleme zu thematisieren, mit denen sich die Linke nicht nur hierzulande plagt: die Kluft zwischen schwindenden Klassen- und wachsenden Identitätsinteressen zum Beispiel, zwischen lokalen Sicherheitsbedürfnissen und globaler Gerechtigkeit. Oder die Frage, warum es der Linken bislang nicht gelingt, auf die post-neoliberale Phase eine angemessene Antwort zu finden. Lösen müsste man das alles noch nicht. Wer könnte das schon? Aber zumindest darüber sprechen – und das jenseits eingeübter Reflexe und Grabenkämpfe.

Eine Bewegung wäre ein Gefäß, das sich mit Inhalt füllen lässt. Man muss es nur wollen.