Noch immer zerrüttet vom Tod Tom Wolfes und Philip Roths (deren Tod mich irrerweise daran erinnerte, dass Frank Schirrmacher und Roger Willemsen ebenfalls gestorben waren); noch immer vor den Kopf gestoßen von der Broschüre, die Schweden für den Kriegsfall an seine Bevölkerung verteilt hatte, und natürlich von den Missbrauchserfahrungen Christian Krachts ("die fetischisierte, oft verlagerte männliche Sexualität [ist ein Topos] meiner Arbeit"), machte ich auf der Suche nach einem Zuhause den Fernseher an.

Die Idee war, ihn nie mehr auszuschalten, um in einer stabilen Welt zu leben, und so fand ich meine Heimat in dem Entschluss, alle sechs Staffeln von The Sopranos noch mal zu gucken. Naturgemäß ging die Rechnung nicht auf, denn auch mein Serien-Vater Tony Soprano war nahezu täglich vom Tod bedroht. Durch Schüsse, aber auch durch fettes Essen, Alkohol, Riesenzigarren. Und so kroch das schwere Schnaufen Tony Sopranos durch die Boxen des Fernsehers die Wände hoch, bis es unter der Wohnzimmerdecke schwebte wie eine schwarze Ankündigungswolke für tote Männer.

Zwischendurch rief eine Freundin (Rechtsanwältin) an, die ins Telefon brüllte, dass sie sich sofort von ihrem Mann (arbeitsloser drogenabhängiger Musiker) scheiden lassen werde. Nach unten daten, so die Freundin weiter, sei die größte Scheißidee des Jahrhunderts, ihr Mann sei schon wieder aus dem Berghain nicht zurückgekommen und sie mit Kind und Haushalt allein. "Männer ab sofort nur noch zur Befruchtung, capito?", schrie sie. Ich wollte nicht hören, was sie sagte, ich sah meinem Serien-Vater Tony dabei zu, wie er Geld verdiente, einen Mann mit einem Telefon verprügelte und dann heimlich zur Therapie ging. Denn das Körpermassiv, das er behauste, fiel regelmäßig wegen Panikattacken um, und so versuchte er heimlich mithilfe einer Analytikerin herauszufinden, was das Problem sei. Das Problem ist, dass er aus Herkunftsgründen mit einem antiquierten Konzept von Männlichkeit verheiratet ist (keine Gefühle zulassen, den Körper bedienen wie eine Maschine), und so streitet sich die Moderne (ihre traditionellen und ihre progressiven Anteile) in jenem Analytiker-Zimmer in einem fort mit sich selbst und vielleicht, so dachte ich vorm Fernseher, ja nicht nur dort, sondern auch hier, in meinem Wohnzimmer. Ich meine, was will ich mit Tony Soprano? Bringt dauernd Leute um, hat Sex wie Patrick Bateman in American Psycho, betrügt seine Frau, hilft nicht im Haushalt. Um mich abzulenken, schickte ich ein paar SMS an männliche Freunde, die zu brutal rauchten, tranken, aßen und arbeiteten, ein paar Freundinnen schickte ich die gleiche Nachricht, denn die machten das ja inzwischen genauso.

"Schatzi, mir scheißegal, wie du das machst, ob mit Yoga oder Psychotherapie, aber du darfst auf keinen Fall sterben, ja? Geh bisschen wandern, und gönn dir außerdem Klaus Theweleit und seine Männerphantasien über die soldatische Prägung des Ichs und den faschistoiden Männertyp. Baci, Tony".

Ein Freund antwortete mit dem Auberginen-Emoji, sonst reagierte niemand. Aber dann erschien mir ohnehin der Geist James Gandolfinis (Schauspieler, der Tony Soprano gespielt hat, 2013 an einem Herzinfarkt gestorben).

Gandolfini: Ich habe mich im Himmel als Psychoanalytiker ausbilden lassen und betreibe aktuell mit Frank Schirrmacher einen Literaturzirkel, in dem wir Das Ende der Männer von Hanna Rosin diskutieren.

Ich: Und?

Gandolfini: Also, Frank und ich sind hier oben total in Touch mit unseren Feelings. Aber du weißt über deine nicht so richtig Bescheid. Hör auf, uns anzuhimmeln!

Ich: Das ist eine Frage von Zahlen. Es hat strukturelle Ursachen, dass es mehr berühmte männliche Geistesgrößen gibt als weibliche. Deswegen sterben auch dauernd berühmte Männer.

Gandolfini: Genau deswegen gehe ich jetzt zum Achtsamkeitskurs. Und du, guck lieber mal ein bisschen Girls!

Obwohl er recht hatte, wollte ich ihn nie wiedersehen und kaufte auf der Stelle alle neun Staffeln der Serie 24.