Um Dieselgate vergessen zu machen, tun die deutschen Autobauer eine ganze Menge. Volkswagen schasst seinen Vorstandschef. BMW distanziert sich von der Konkurrenz. Daimler redet von der bevorstehenden Mobilitätswende. Anzeigenkampagnen umwerben Kunden mit hohen Rabatten. Und wer nachlesen will, wie ein Konzern sich wandelt, kann das bei Shift tun. So heißt das hippe Magazin, das sie bei Volkswagen auch als "Kind der Krise" bezeichnen.

Da passt es so gar nicht ins Konzept, dass das Kraftfahrtbundesamt nun auch bei der Dieselvariante des Transporters Mercedes Vito eine illegale Abschalteinrichtung bei der Abgasreinigung entdeckt haben will. Daimler weist die Vorwürfe zurück und will sie notfalls "vor Gericht klären" lassen.

Doch davon einmal abgesehen: Was tun die Unternehmen, um den Stickoxidausstoß auf den Straßen zu verringern? Antworten auf diese Frage sollten sich in ihren Nachhaltigkeitsberichten finden. BMW, Volkswagen und Daimler orientieren sich an dem wichtigsten internationalen Nachhaltigkeitsstandard der Global Reporting Initiative (GRI). Wer ihn anwendet, verpflichtet sich, über geschäftliche Aktivitäten Rechenschaft abzulegen, die für die nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt besonders relevant sind. Es geht also nicht um eine Aufzählung netter Projekte, sondern um die Bilanzierung der Auswirkungen des Kerngeschäfts. GRI spricht in diesem Zusammenhang von "Wesentlichkeit".

So ist bei Lebensmitteldiscountern Tierschutz als eines der wesentlichen Themen zu erwarten, bei Chemieunternehmen die Reinhaltung von Luft und Wasser, bei Textilunternehmen die Arbeitsbedingungen der Zulieferer. Bei der Automobilindustrie ist es der Schadstoffausstoß.

Nach GRI-Standard müssen zu solchen "wesentlichen Themen" die Fakten auf den Tisch gelegt werden: Problemanalyse, Kennzahlen, Lösungsansatz, Fortschrittsbericht, Erfolgsmessung. Nun hat die Automobilindustrie ein besonderes Problem. Ihre Kraftfahrzeuge sind Produkte, die nicht nur bei der Herstellung die Umwelt stark belasten, sondern vor allem bei ihrer Verwendung. Während die Ökobilanz eines Kleidungsstücks besser wird, je länger man es trägt, wird sie bei einem VW Golf mit jedem Kilometer schlechter. Der CO₂-Ausstoß durch das Fahren ist über die Jahre ungleich höher als der, der bei der Herstellung eines Autos entsteht. Ähnliches gilt für den Stickoxidausstoß.

Volkswagen verweist beim Thema Diesel bloß auf eine alte Werbebroschüre

Statt aber bei der Erstellung der Stickoxidbilanz die Auswirkungen des Betriebs der Fahrzeuge mit einzurechnen, weisen die Unternehmen in ihren Nachhaltigkeitsberichten ausschließlich den Schadstoffausstoß des Produktionsprozesses aus. Damit das nicht weiter auffällt, wird ein Nachhaltigkeitsbericht auch gerne zweigeteilt. Vorne steht Schöngeistiges zur Schadstoffreduktion neuester Automodelle, hinten stehen die Kennzahlen zur Schadstoffreduktion, bezogen ausschließlich auf die Produktionsstätten. Die Zahlen sehen gut aus, man kann sie sogar von Wirtschaftsprüfern als richtig absegnen lassen, was sie – bezogen auf Produktionsstandorte – auch sind. Nur mit dem eigentlichen Thema haben sie wenig zu tun. Und an genau dieser Stelle verknüpft sich die Nachhaltigkeitsberichterstattung der drei großen Automobilkonzerne mit dem Dieselskandal.