In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Jochen Schmidt, warum ihm Rügen besser gefällt als Sylt. Vorige Woche: Gardasee oder Bodensee? Dies ist der letzte Teil.

Sylt mit irgendeiner anderen deutschen Insel zu vergleichen ist eigentlich unfair. Es ist, als würde man mit einem Maschinengewehr in einen Messerkampf ziehen. Genau genommen, ist Sylt ja nicht mal eine Insel – es ist ein fremder Planet. Ein völlig unpraktischer Planet, weit weg von Restdeutschland; man erreicht ihn mit dem Zug über eine merkwürdige Konstruktion aus einem Damm. Und obwohl die Fahrt darüber nur ein paar Minuten dauert, habe ich das Gefühl, ich sei auf dem Mond gelandet.

Links und rechts: Nichts. Das Nichts heißt hier Watt. Und es tut gut, eine Weile nur auf das Nichts zu starren. Schlickiger, weicher Boden, ab und zu Pfützen, kilometerweit. Menschen reisen aus ganz Deutschland an, um in diesem Nichts herumzustolpern. Selbst die motiviertesten Instagrammer stecken irgendwann die Handys weg, weil das Wattland nicht zu fassen ist. Im Grunde ist es ein Irrtum, für Austern und Champagnerpartys nach Sylt zu fahren: Es ist die Weite, es ist dieser Blick, dem kein Display mehr im Weg steht, sondern der schweifen darf, bis er sich irgendwann zwischen Horizont und Himmel verliert.

So geht es einem im Watt, aber auch an vielen Stränden der Insel: Je breiter der Sandstreifen, je unübersichtlicher die Dünenlandschaft, desto näher kommt man einem angenehmen Gefühl des Verlorengehens. Keinem gefährlichen allerdings, denn man weiß ja: Das nächste Fischbrötchen ist nur ein paar Schritte entfernt. Und doch kann man sich, wenigstens bis an den Rand der Hauptsaison, oft dem Eindruck hingeben, völlig allein auf diesem Planeten zu sein.

In den vier Tagen, die ich auf der Insel verbringe, regnet es jeden Tag. Es regnet aber unterschiedlich. Mal stürmt es, mal gewittert es, mal nieselt es fein – ein Regen, den man erst bemerkt, wenn man im Hotel überrascht feststellt, dass das Haar klitschnass ist. Eigentlich müssten die Eingeborenen vierzig verschiedene Wörter für Regen haben. Tatsächlich haben sie nur eins: "Syltwetter".

Zwischendurch regnet es auch mal fünf Minuten nicht, zumindest behauptet das der Barkeeper des "Bene Diken Hofs", in dem ich wohne. Es sind wohl immer die fünf Minuten, in denen man gerade einen Mittagsschlaf gemacht hat oder kurz aufs Klo musste. Der Regen trommelt morgens ans Fenster, er durchnässt einen über den Tag, bis er irgendwann das Knochenmark erreicht. Vor allem tut der Regen allerdings eines: Sylt keinen Abbruch. Er gehört bald so selbstverständlich zu meinem Bild der Insel, dass ich die Existenz von so etwas wie Sonne oder Sommer vergesse und trotzdem an den Strand gehe. Ohne Handtuch, dafür mit Funktionskleidung (jetzt wäre der Zeitpunkt, über die Funktionskleidung der Deutschen herzuziehen, tun wir aber nicht, es ist nämlich äußerst entspannend, eben nicht gut aussehen zu müssen auf Sylt). In Windbreakern und mit Kapuze bis über die Augen wirken alle, ob reich oder nicht so reich, wie seltsame, orientierungslose Kreaturen, die im Sand etwas Wertvolles verloren haben und nun tapfer hin und her laufen, um es wiederzufinden.

Am leersten ist der Strand im Naturschutzgebiet um den "Ellenbogen" herum, ganz im Norden der Insel, kurz vor List. Dort gibt es deutlich mehr Schafe als Menschen – und Licht, das auf dem Meer glitzert, als würde es dafür bezahlt, außerdem viele Schilder, die einem sagen, was alles verboten ist. Eine Erinnerung, dass auch diese Natur letztlich fest in Menschenhand ist. Ich begegne hier nur einem Fotografiekurs, dessen Teilnehmer sich an dem Motiv eines rot-weißen Leuchtturms abmühen und ihn von allen Seiten ablichten, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Und vielleicht gibt es das auch wirklich gerade nicht.

Ein paar Kilometer weiter ein altes Ehepaar, das sich an den Händen hält, damit bloß keiner der beiden vom Nordseewind weggeweht wird. Zwischendurch wieder sehr viel Nichts: Dünen mit Heidegras, ein paar Schafe, die einen anblöken, als gäbe es hier irgendeinen Grund zur Beschwerde, dabei hat man hier doch alles, was man braucht, nämlich endlich mal gar nichts. Keinen Handyempfang, keinen, der sich groß um einen kümmert, keinen Anlass, bekümmert zu sein, und deshalb manchmal einfach gar keine Sorgen, vom nächsten Schritt einmal abgesehen.

Ein anderer, fast genauso leerer Strand befindet sich unweit von Sylts größter Düne, die die Sylter völlig unironisch "Uwe" getauft haben. Uwe hat echte Vorbildfunktion: steht herum, unbeeindruckt von allem, und erträgt stoisch Wind, Wetter und all die Menschen, die seit Jahren auf ihm (oder ihr) herumtrampeln, um den besten Ausblick auf die einzigartige Landschaft zu bekommen. So ähnlich muss man es machen auf Sylt. Der Strand drum herum ist ein einziges langes Werbepanorama für herbes norddeutsches Bier. Sand, Sand, Sand, Düne, Sand, Düne und dazu immer grau: das Meer.