In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Ronja von Rönne, warum ihr Sylt besser gefällt als Rügen. Vorige Woche: Gardasee oder Bodensee? Dies ist der letzte Teil.

Als ich ein Kind war, hing im Flur unserer Berliner Altbauwohnung ein Poster von Caspar David Friedrichs Kreidefelsen auf Rügen, das sich mir eingeprägt hat, weil ich schon damals unter Höhenangst litt. Auf dem Bild sah man eine Frau und zwei Männer den Nervenkitzel genießen, von der Bruchkante des Kreidefelsens hinab aufs Meer zu schauen. Einer hockt sogar auf allen vieren, so ist er bis zum Abgrund gekrochen, um hinunterzusehen, man möchte ihn am liebsten am Fuß festhalten.

Heute gibt es am Kreidefelsen natürlich ein Geländer, hinter das man nicht treten darf, aber vielleicht gab es das schon zu Friedrichs Zeiten, und er hat es auf seinem Bild nur weggelassen, wie die Impressionisten bei ihren Landschaftsbildern die Eisenbahntrassen einfach nicht mitmalten. Auch der Rentner, den ich am Kreidefelsen beobachte, wie er die berühmte Aussicht malt, spart das Geländer aus.

Als Kind war es für mich unbegreiflich, dass es den Kreidefelsen, der auf unserem märchenhaften Bild zu sehen war, tatsächlich geben sollte, so unbegreiflich, wie es heute für mich ist, dass ich meine Kindheit in der DDR verbracht haben soll. Der Kreidefelsen war eine ihrer wenigen Attraktionen von internationaler Ausstrahlung – wie der Hexentanzplatz, der Fernseher-Erfinder Manfred von Ardenne und das Meißner Porzellan. Ausgerechnet an Kreide herrschte in unserem Land kein Mangel, das war so typisch wie tragisch, denn ich glaubte, unsere Lehrer würden hier mit Kreide für den Unterricht versorgt, und leider würden sie wohl noch lange Nachschub bekommen.

Als ich dann mit meinen Eltern in den Ferien nach Rügen fuhr und wir zum "Königsstuhl" wanderten, war ich enttäuscht, dass es sich dabei um keinen wirklichen Thron handelte. "Hühnergötter" waren am Ende nichts als Steine mit Löchern darin. Und auch einen "Großen Bären", den meine Eltern am Himmel gesehen haben wollten, konnte ich nicht entdecken, als wir abends am Strand unsere neuen Gummistiefel und Taschenlampen ausprobierten, bis Grenzsoldaten auftauchten, um zu kontrollieren, ob wir etwa "Republikflüchtige" waren.

Heute suche ich mit meinen eigenen Kindern den Strand nach Hühnergöttern ab und falle dabei immer wieder zurück in eine frühere Zeit. Das geht mir überall auf der Insel so. Auf Rügen ist die Vergangenheit überall präsent, nicht nur meine eigene. Und macht das nicht den Reiz eines Reiseziels aus?

Auf Rügen traf sich die ganze DDR und genoss es, dass die Grenze am Horizont unsichtbar war. Ich fand es aufregend, dass nach stürmischen Nächten Müll aus Schweden oder Dänemark angespült wurde. Wenn ich mich mit meiner Jacke in den Wind stellte, würden wir vielleicht mit der ganzen Insel in den Westen segeln.

Küstenfischer Benno Mundt © Malte Jäger/laif

Inzwischen kommt der Westen nach Rügen, was erfreulich ist, aber der Tourismus konzentriert sich auf die Strandbäder im Osten der Insel, sodass der Westen (das ist anders als sonst in Deutschland) ursprünglicher geblieben ist. Hier findet man Kopfsteinpflaster, alte Gehöfte, stille Backstein-Dorfkirchen.

Dort, wo auf Rügen gebaut wurde, sind Hotel- und Apartmentkomplexe entstanden, Standorte der gehobenen Daseinsvorsorge. Und wenn das Geld nicht für Abriss und Neubau reichte, hat man den ostmodernen DDR-Chic im Stil der Neunziger retuschiert, also mit viel Magenta und Hellgrün. Zum Glück kann man das Meer und den Strand nicht renovieren oder wärmedämmen. Jedes Mal, wenn ich hier stehe, verliebe ich mich neu in die Ostsee.

Die zahlreichen DDR-Skulpturen, die immer noch verloren an der Binzer Strandpromenade stehen, wirken mit den Jahren immer würdevoller. Vor allem sieht man ihnen an, dass man damals Kunst am Bau für ein Mittel hielt, das geistige Niveau der Bevölkerung zu heben. So überlagern sich verschiedene Stile und Zeiten, was spannend ist, zumindest im Moment noch, denn nichts davon steht unter Denkmalschutz. Ich hatte nie vor, die DDR zu suchen, aber wenn ich Rügen erkunde, werde ich ganz von allein zum Gegenwarts-Archäologen.