Zunächst eine wichtige Mitteilung: Vergleiche mit dem Nationalsozialismus sind erlaubt. Sie sind sogar notwendig, wenn man gesellschaftliche und normative Veränderungsprozesse einordnen und in ihrer Bedeutung abschätzen möchte. Der Holocaust war als größtes Menschheitsverbrechen der Geschichte einzigartig und unvergleichlich, der Weg dorthin aber war das Ergebnis einer verhängnisvollen Entwicklung, in der eine moderne Demokratie in eine diktatorische Ausgrenzungsgesellschaft transformiert wurde. Und mit ihr die moralischen Überzeugungen und die selbstverständlichen Annahmen darüber, wie man mit Menschen umgeht.

Dass solche Annahmen und Überzeugungen nie stabil sind, kann man aus der Geschichte lernen; in einer jeweiligen Gegenwart ist man eher blind dafür, weil sie sich sukzessive verändern und man sich selbst mit ihnen. Was gestern noch undenkbar und unsagbar schien, scheint heute schon erwartbar und normal.

Sebastian Haffner, der überaus genaue Chronist des rapiden Deutungs- und Einstellungswandels ab 1933 in Deutschland, erwähnt in seiner Geschichte eines Deutschen einen bemerkenswerten Mechanismus der damaligen öffentlichen Debatte: Indem die Nazis, schreibt Haffner, "irgendjemand – ein Land, ein Volk, eine Menschengruppe – öffentlich mit dem Tode bedrohten, brachten sie es zustande, dass nicht ihre, sondern seine Lebensberechtigung plötzlich allgemein diskutiert – d. h. in Frage gestellt wurde. Jeder fühlte sich auf einmal bemüßigt und berechtigt, sich eine Meinung über die Juden zu bilden und sie zum besten zu geben. Man machte feine Unterscheidungen zwischen 'anständigen' Juden und anderen; wenn die einen, gleichsam zur Rechtfertigung der Juden – Rechtfertigung wofür? Wogegen? – ihre wissenschaftlichen, künstlerischen, medizinischen Leistungen anführten, warfen die anderen ihnen gerade dies vor: Sie hätten Wissenschaft, Kunst, Medizin 'überfremdet'."

Bekanntlich gab es trotz aller Gewaltaktionen gegen "Gemeinschaftsfremde" keine "Nazifrage" im Deutschland jener Jahre, sondern eben eine "Judenfrage". Nicht die Angreifer der Demokratie und des Rechts erschienen als Problem, sondern ihre potenziellen Opfer.

Vergleichbares erleben wir seit mehr als zwei Jahren in Europa und leider auch in Deutschland. Völlig unbeschadet von allem, womit man jenen entgegengekommen ist, die die Flüchtlingspolitik der alten Bundesregierung kritisiert hatten (man gab ihnen Verschärfungen des Asyl- und Aufenthaltsrechts, die Einrichtung von Heimatministerien, die Verankerung einer "Obergrenze", die nur nicht so heißt, und manches mehr), ist eine "Konsensverschiebung" (Igor Levit) zu beobachten, in der sich das Phantasma einer "Masseneinwanderung" desto aggressiver verbreitet, je weniger Menschen ins Land kommen.

Sozialpsychologisch ist das ein Klassiker: Vorurteile und Ressentiments gedeihen dort am besten, wo es die Hassobjekte in Gestalt etwa von "Ausländern", "Muslimen", "Flüchtlingen", "Juden" und so weiter gar nicht gibt, wo mithin keine Realitätsprüfung stattfinden muss. Und so haben wir jetzt eine "Flüchtlingsfrage", keine "Menschenfeindefrage".

Wahrheit ist eine Funktion sozialer Übereinkunft. Je weiter sich die Rede von der "Masseneinwanderung", den "Wirtschaftsflüchtlingen", den "Kulturfremden" verbreitet, desto unbezweifelbarer scheinen die insinuierten Sachverhalte. Beispielhaft ist das zu sehen an der "Gemeinsamen Erklärung 2018", die inzwischen von mehr als 160.000 Menschen unterzeichnet wurde und in der die Einsetzung einer Kommission gefordert wird, die Vorschläge erarbeiten soll, wie der "durch die schrankenlose Migration eingetretene Kontrollverlust im Inneren des Landes beendet werden kann".