Ein Hundeleben. Der Mann kann die Treppe hoch ins Schlafzimmer gehen. Oder zum Sofa und zum Esstisch. Und so gerade eben vor die Haustür. Immer nur zehn Meter weit – dann ist Schluss. Bis dahin reicht, was er seine Hundeleine nennt. Damit meint er den Kunststoffschlauch, der an seinem Kopf befestigt ist.

Andererseits, es ist noch ein Leben. Ohne seine "Hundeleine" wäre Werner Dosse* (69) wohl schon tot. Am anderen Ende des Schlauches steht neben der Garderobe ein zischender Tank. In dem lagert kalter, flüssiger Sauerstoff. Durch den Schlauch gelangt das erwärmte Gas in Dosses Nase. Dosse gehört zu den Menschen, für die der Sauerstoff in der Atemluft nicht reicht. Das Problem haben Asthmatiker, Menschen mit der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose oder mit COPD, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, die im Volksmund Raucherlunge genannt wird. Bei einer COPD japsen die Menschen nach Luft, weil sie nicht mehr normal ausatmen können und das im Körper überschüssige Kohlendioxid nicht loswerden. In ihrer Lunge ist daher schlicht kein Platz für frische Atemluft. Eine Ursache der Krankheit kann eine anhaltende Staubbelastung sein, die schließlich zu einer Zerstörung von Lungenbläschen führt.

Werner Dosses Problem ist jedoch nicht das Ausatmen, sondern das Einatmen. Es begann mit einem zuerst lästigen, dann immer übleren Husten, wenn er sich körperlich abmühte. Irgendwann fing er an, auch bei geringen Anstrengungen nach Luft zu schnappen. Eines Tages, während eines Segeltörns, japste er plötzlich nur noch, lief blau an und musste ins Krankenhaus. Dort erhielt er erstmals Sauerstoff aus dem Tank sowie die ebenso diffuse wie niederschmetternde Diagnose "idiopathische Lungenfibrose".

Zu den Lungenfibrosen gehören über einhundert Lungenerkrankungen wie zum Beispiel die typische Berufskrankheit von Bergarbeitern, die Staublunge, oder die Asbestose. Das zusätzliche "idiopathisch" klingt zwar nach einer spezielleren Diagnose, bedeutet aber genau das Gegenteil. Mediziner meinen damit: Ursache unklar. An dem Resultat jedoch gibt es keinen Zweifel: Die ursprünglich mit Lungenbläschen durchsetzte Lunge degeneriert und vernarbt. Das Gewebe verwandelt sich unaufhaltsam in funktionsloses Bindegewebe. Die zur Sauerstoffaufnahme taugliche Oberfläche in dem Organ verkleinert sich dramatisch.

Die Prognose der idiopathischen Lungenfibrose ist miserabel. Es gibt kein Medikament, das diese Krankheit heilen kann. Und nur zwei Arzneimittel, welche den Fortschritt des Leidens bremsen können – das Krebsmittel Nintedanib und Pirfenidon, das die Vernarbung des Lungengewebes verlangsamen kann. Um das Überleben zu erleichtern, braucht der Patient deshalb Sauerstoff. Gegen die Panik, keine Luft mehr zu kriegen, hilft zuletzt nur noch Morphium.

"250.000 bis 300.000 Menschen sind in Deutschland von einer künstlichen Sauerstoffzufuhr abhängig", schätzt der Pneumologe Jens Geiseler, Spezialist für außerklinische Beatmung mit einer Praxis in Marl. Die meisten leiden an der "Raucherlunge", an COPD, der derzeit vierthäufigsten Todesursache weltweit. Acht Millionen Betroffene sollen allein in Deutschland leben, die Hälfte von denen weiß es allerdings noch nicht. Dosses Lungenfibrose gilt demgegenüber als eher seltene Krankheit; mit etwa 40.000 Fällen ist aber auch sie fast so häufig wie Lungen-, Brust- oder Prostatakrebs.

Zu einer lebensbedrohlichen Luftknappheit kann auch ein "schwaches Herz" führen. So wird die häufigste internistische Erkrankung, die Herzinsuffizienz, etwas verharmlosend genannt. Mediziner gehen von europaweit zehn Millionen Betroffenen aus. Die Herzschwäche kann eine Folge von chronischem Bluthochdruck oder einem Herzinfarkt sein. Eine schwere chronische Herzinsuffizienz kann zu einem lebensgefährlichen Blutstau in den Gefäßen der Lunge führen, mit der entsprechenden Atemnot und der Angst, zu ersticken.