Schwesta Ewa, 1984 geboren im polnischen Koszalin, in Kiel aufgewachsen © Ondro

Wenn Gangsta-Rapper ihren Markenkern stärken wollen, lassen sie ihr lyrisches Ich die Freundin des Kontrahenten vergewaltigen. Außer als solcherlei Machtressource des Mannes dürfen Frauen in der Szene noch als popo-wackelndes Dekor in Musikvideos auftauchen. Oder als mariengleiche Figur in den für Gangsta-Rapper obligatorischen Songs über die eigene Mutter, die stets nachsichtig den Kopf tätschelte, wenn Vater, Klassenlehrer oder Jugendrichter fies waren zum Kleinen.

Umso bemerkenswerter, dass seit einiger Zeit mit Schwesta Ewa, die in dieser Woche ihr zweites Album Aywa veröffentlicht, eine Künstlerin in den Männerbund des Gangsta-Rap vordringt. Nachdem der Vorgänger bereits nur knapp an den Top Ten vorbeischrammte, könnte es diesmal für die Chartspitze reichen. Und das, obwohl Ewa nicht nur, schlimm genug, eine Frau ist, sondern auch über zehn Jahre auf dem Strich gearbeitet hat – in der Soziometrie des Gangsta-Rap also noch unter Streifenpolizisten und Campino rangierte. Taugt Ewa deshalb als feministisches Role-Model? So wird es jedenfalls abgewogen auf Blogs und Panels, in sozialen Medien und kulturwissenschaftlichen Arbeiten, und kein Wunder: Ist ihre Biografie doch anschlussfähig an neuere Strömungen des Feminismus, die in Prostitution keine Versklavung der Frau mehr sehen, wie es noch der längst in der Diskursvitrine verstaubte Alice-Schwarzer-Feminismus tut, sondern vielmehr eine Ermächtigungsstrategie marginalisierter Frauen, die selbstbewusst über ihren Körper verfügen.

Ewa betont in Interviews zwar gerne, dass Feminismus keine Kategorie sei, die für sie irgendeine Rolle spiele. Und doch handelt auch Aywa von der Powerfrau-Großerzählung, die von Beyoncé, H&M und Hillary Clinton vermarktet wird: das Sich-Durchboxen in einer Männerdomäne, das Sich-Aneignen vermeintlich männlicher Attribute, um Räume zu öffnen, die Frauen lange verschlossen blieben. Ewa rappt, wie sie ihren Körper verkauft habe, aber nie ihren Stolz. Wie sie Rapperkollegen, Zuhälter und Freier aufs Kreuz legte, die dachten, sie als Frau sei leichte Beute. Sie durchbricht so den "Hure oder Heilige"-Manichäismus der Szene und erweitert weibliche Rollenbilder, und doch: Stets bleibt sie dabei auf ihren Körper verwiesen – und den männlichen Blick darauf, der bedient gehöre, um als Frau etwas zu gelten. Außerdem: Wie feministisch kann ein Rap sein, der davon handelt, andere Mütter "im Gabbana-Shirt" auf den Strich zu schicken? In der Anerkennung, die Schwesta Ewa in feministischen Diskursen teilweise findet, zeigt sich die Schranke der Identitätspolitik: die kaum über Materialität und Machtverhältnisse spricht, sondern sich mit Fragen der Repräsentation begnügt, als sei der Zumutung und Zurichtung die Brutalität genommen, wenn ausnahmsweise auch mal eine Frau mittun darf.

Auf Aywa sind Frauen für Ewa zwar manchmal immerhin noch "Schwestern", mit denen man gemeinsam gegen männliche Platzhirsche kämpfen könne. Meistens bleiben sie, ganz gemäß des Kanons, für Ewa jedoch Untergebene. Abschaum, der selber schuld sei, wenn er sich nicht durchboxe, wie sie es getan habe, um one of the boys zu werden. Ewa nutzt gängige Formulierungen wie "Du kannst mir einen blasen" ironiefrei. Wenn bei der Abrechnung mal ein Zwanni fehlt, gibt es Schellen von Puffmutter Ewa.

Seit der Verleihung des Echo an Kollegah und Farid Bang steht die ungeklärte Frage im Raum: Wo fängt im Gangsta-Rap die Kunst an, wo hört sie auf? Lassen sich Kunstfigur und Real-Ich im Gangsta-Rap überhaupt trennen, der seinen Zauber ja gerade daraus zieht, real zu sein? Was ist hier noch Rollenprosa und Idée reçue, was ironiefreie Verharmlosung von Straftaten und Menschenverachtung? Bei Ewa stellt sich diese Frage noch einmal origineller, seit sie 2016 von einem Spezialkommando der Polizei verhaftet und nach monatelanger U-Haft vor Gericht gestellt wurde. Sie soll weibliche Fans, darunter eine 17-Jährige, auf den Strich geschickt haben (ZEIT Nr. 49/2017). Den Vorwurf des Menschenhandels ließen die Richter fallen, verurteilten sie jedoch unter anderem wegen Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger und zahlreicher Körperverletzungen zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Sowohl Ewa als auch die Staatsanwaltschaft haben Revision eingelegt, momentan ist die Rapperin auf freiem Fuß. Ihre Zuhälterei rechtfertigt sie auf ihrem neuen Album: "Sie konnten schon vor mir blasen ohne Hände / Ich zwinge niemanden, nein, ich handel nicht mit Menschen." Eine missgünstige Gesellschaft und Polizistinnen hätten sie in U-Haft gebracht, die ihr den Aufstieg zur vermögenden Geschäftsfrau aus einem armen Elternhaus neideten, in dem mit Nietengürtel erzogen worden sei.

Punktgenau taxiert Ewa, freilich affirmativ, was im Gangsta-Rap als gesellschaftspolitisches Projekt vorstellbar scheint: nämlich nichts. Alles ist Naturzustand, es gibt kein utopisches Außen, keinen prometheischen Zunder, der das propagierte Hobbes’sche "Alle gegen alle" zugunsten eines solidarischen Miteinanders flambieren könnte. Hörbar ist Aywa trotzdem, und zwischen Autotune-Effekten und sphärischen Beats versteckt sich hier und da auch die Erkenntnis, dass es ja auch irgendwie nicht schön ist mit der Ruppigkeit, sie aber nun mal nötig sei, um "Para" zu machen, also Geld. Die Rohheit kommt nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht gemacht werden können: Viel mehr kann man auch bei Brecht nicht lernen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio