Wer Steve Bannon treffen will, muss zwei WhatsApp-Nachrichten, drei Mails und 43 SMS verschicken und ein paar Dutzend Mal bei seiner Sprecherin in New York anrufen – all das in einem Zeitraum von gut zwei Monaten, zwischen Mitte März und Ende Mai. Irgendwann zwischendrin kommt eine SMS zurück: "Können Sie am Dienstag in Prag sein?"

Aber natürlich. In der tschechischen Hauptstadt soll Bannon an diesem Abend eine Rede halten. Nur wo genau, das hat seine Sprecherin nicht gesagt. Nachhaken bei der Hochschule, die seinen Auftritt organisiert. "Das findet im Sophienpalast statt, etwa zehn Minuten von hier", sagt ein Professor.

Die vergangenen zwei Jahre haben aus Steve Bannons Leben eine der ungewöhnlichsten Politikgeschichten gemacht, die es derzeit zu erzählen gibt: Der Kopf der rechten Pöbel-Website Breitbart ruft erst den Kandidaten Donald Trump zum Helden der weißen Mittelschicht aus, dann heuert er als dessen Wahlkampfchef an. Und führt ihn trotz dessen desaströsen Auftretens ans Ziel: ins Weiße Haus. Dort wird Bannon Trumps Chefstratege und weicht ihm kaum von der Seite. Er entwirft die nationalistische Politik des Präsidenten, aggressiv gegenüber dem Ausland, aggressiv gegenüber Ausländern, vor allem solchen aus arabischen Staaten und aus Südamerika. Die rechtsradikale Alt-Right-Bewegung feiert Bannon als Vorkämpfer eines neuen weißen Ethno-Staats, die US-Öffentlichkeit nennt ihn "Darth Vader" und "den dunklen Lord". Trump fühlt sich irgendwann von Bannon bevormundet. Und wirft ihn raus.

Bannons große Tournee

© ZEIT-Grafik

Das ist jetzt neun Monate her. Heute ist Bannon auf einer neuen Mission unterwegs: Er versucht, den Trumpismus nach Europa zu exportieren. Dazu reist er quer durch den Kontinent, berät sich mit Rechtspopulisten in Italien, trifft die AfD-Politikerinnen Alice Weidel und Beatrix von Storch in der Schweiz und spricht auf dem Parteitag des Front National in Frankreich. Seine zweite Europareise führt ihn in den Osten, nach Tschechien und Ungarn. Wer Bannon auf seiner Tour beobachtet, kann den Eindruck bekommen, hier sei einer auf der Flucht vor dem eigenen Bedeutungsverlust.

Der Sophienpalast liegt auf einer Insel in der Moldau. Touristen halten Selfie-Sticks am langen Arm vor sich ausgestreckt, versuchen, ihr Gesicht und den Prachtbau auf ein Foto zu bekommen. Drinnen ist kaum etwas los. Nur aus einem Raum mit Kronleuchtern und hohen Decken dringen Stimmen. Eine Kamerafrau baut ihr Equipment auf, ein junger Mann hetzt mit Blick auf sein Handy durch den Saal. Der Mann heißt Raheem Kassam und ist Bannons Assistent. Heute, sagt er, werde es mit dem Interview wohl nichts mehr. Vielleicht morgen, dann aber in Budapest. Ein paar Meter hinter Kareem steht Bannon selbst, ganz in Schwarz, wie immer hat er zwei Hemden übereinander angezogen, die beiden Kragen umrahmen sein unrasiertes Kinn. Der Händedruck ist weich und warm.

"Hi, schön Sie kennenzulernen." Er freue sich auf das Interview.

Eineinhalb Stunden später wird Bannon mit einer Dose Red Bull in der Hand die Marmorstufen des Palasts hinaufsteigen und auf der Bühne im ersten Stock des Palasts vor tschechischen Politikwissenschaftlern und Unternehmern mit Lanny Davis diskutieren, einem ehemaligen Berater von US-Präsident Bill Clinton. Er wird sagen, dass Angela Merkel "in die Geschichte eingehen wird als die schlechteste politische Figur des 21. Jahrhunderts" und Europa sich "schämen sollte", dass es seine Verteidigungsausgaben nicht endlich erhöhe.

Er wird auftreten als Steve Bannon, der Mann, der den Präsidenten Donald Trump erschaffen hat. Der sieben Monate lang im Weißen Haus an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt war. Als Steve Bannon, Ex-Schattenpräsident der USA.

Budapest, am nächsten Tag. Abends, auf einer Konferenz der Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, betritt Bannon erneut die Bühne. Der Saal ist voll, Hunderte Zuhörer sitzen auf Klappstühlen im Dunkeln. Bannon hält eine Rede, die der gestern in Prag ähnelt: Trump sei eine Art Volkstribun, der die Sorgen und Nöte der einfachen Leute ernst nehme. Die Banken der Wall Street hätten die USA verraten. Und Europa müsse endlich zusehen, dass es allein klarkomme, ohne amerikanische Hilfe. Abgang, verhaltener Applaus. Jetzt das Interview. "Sie haben zehn Minuten", sagt der Assistent. Vereinbart war eine knappe halbe Stunde. Auch das gehört zur Bannon-Show: Die Presse muss sich eben fügen, so wie damals, im Weißen Haus.