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In der Türkei zeigen Karikaturisten die Demokratie meist als strahlend schöne Königin. Eine attraktive, selbstbewusste, vitale junge Frau. Göttin der Ruhe, des Friedens und des Überflusses. Eine glaubensstarke, kämpferische Jeanne d’Arc. Eine Themis, die Schwert und Waage nie aus der Hand legt. So stellte auch ich mir als Kind die Demokratie vor. Heute, ein Dreivierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg, hat sich die bildschöne Königin in meinem Kopf in eine schwache Greisin verwandelt. Im Osten der westlichen Welt drängt jemand sie unter das Kopftuch, ganz im Westen richtet ein anderer sie übel zu. Unsere gereizte, erschöpfte Demokratie hat die Hoffnung auf die Zukunft verloren und ringt mit dem Tod. Wann und wie ist die einstige Schönheit zu einem solchen Wrack geworden? Warum ist sie auf einmal so schwächlich? Wo hat sie Fehler gemacht?

Die Herrschaft der Angst

Auf den ersten Blick scheint alles das Werk ein und desselben Despoten zu sein: Ich nenne ihn den "Herrscher der Angst". Als der globale Sturm des Wandels unvermutet über uns hereinbrach und alles hinwegfegte, was wir im vergangenen Jahrhundert für unumstößlich gehalten hatten, entstand zunächst eine Atmosphäre großer Ungewissheit und anschließend ein Klima ernsthafter Besorgnis. Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Der Nationalstaat, der uns immer ein einigermaßen vorhersehbares Leben in bekannten Grenzen versprochen hatte, ist auf einmal von der Bühne abgetreten. Über die offeneren Grenzen sind multinationale Konzerne und internationale Organisationen gekommen, die große Reden schwingen und grellbunt leuchten. Grenzenloser Wettbewerb, Technologien, deren Sprache wir nicht verstehen, ein dreistes neues System ohne Regeln und Ordnung, das Argwohn und Unsicherheit verursacht – all das hat unser Gleichgewicht aus dem Lot gebracht. Unser Verhältnis zu der Gewerkschaft am Arbeitsplatz, zum Krämer an der Ecke, zu der Zeitung, die wir lasen, der Bank, der wir unser Geld anvertrauten, dem Telefon in unseren Händen, der Partei, der wir unsere Stimme gaben, hat sich im Eiltempo verändert, unsere familiären Beziehungen, Arbeitsverhältnisse, Fernsehnachrichten, Immobilienkredite, Lebensweisen – alles Gewohnte ist fremd geworden und wandelt sich. In einem sozialen Erdbeben spüren wir den Boden, auf dem wir uns seit Generationen bewegt haben, erschüttert und uns unter den Füßen entgleiten. The future steht vor der Tür.

Wir haben Angst. Manche von uns fürchten den Terror, der Blutspuren durch die Straßen unserer Städte gezogen hat, manche fürchten die ungeheure Migrationswelle, die unsere Grenzen bestürmt, manche fürchten, durch diese Flut ihre Arbeit zu verlieren. Einige schreien auf: "Der religiöse Glauben geht verloren!", andere warnen: "Die Religion kommt an die Macht!" Einige fürchten sich vor Atomwaffen, andere, keine Atomwaffen zu besitzen. Manche sind erschrocken angesichts von Börsen, an denen es drunter und drüber geht, andere über die globale Erwärmung. Manche haben Angst, im Alter obdachlos zu werden, andere, in einem solchen Chaos Kinder zur Welt zu bringen. Manche fürchten, ihre Kinder an hitzige Hasardeure zu verlieren, andere fühlen sich bedroht, wenn Homosexuelle heiraten dürfen. Die Wolke der Angst, die aus den Trümmern der gefallenen Mauer emporgewabert ist, hat sich in alle Winkel unseres Erdballs ausgebreitet.

Die Massen vereinen sich keineswegs in einer politischen Verteidigungslinie, um solidarisch nach Auswegen zu suchen, vielmehr verschanzen sie sich hinter den Sesseln autoritärer Führungspersönlichkeiten, die ihnen ihre aufgestauten Sorgen nehmen und neue Mauern an ihren Grenzen errichten, die die Fremden zurückschicken, an die die Massen ihre Jobs zu verlieren fürchten, und die ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein, die ihnen Selbstbewusstsein und Geltung versprechen. Putin, Trump, Orbán, Strache, Wilders, Erdoğan und Berlusconi sind nicht die Ursachen der globalen Angst, die die Welt im Griff hält, sondern ihr Resultat.

Sollen wir die Demokratie, die trotz all ihrer Fehler immer noch die beste Regierungsform ist, die wir haben, schutzlos dastehen lassen, weil sie zunehmend aus der Mode kommt? Meine Antwort lautet: Nein! Demokratie muss sich verteidigen. Deshalb müssen sich demokratische Kräfte erneuern, stärken und sich mit neuen Ansätzen und aktuellen Methoden zur Wehr setzen.

Aktive Demokratie

Wenn heute von "demokratischen Kräften" die Rede ist, können wir darunter nicht länger passive Wähler verstehen, die alle Jubeljahre zur Wahl gehen, sondern aktive Individuen, die überall und auf jeder Ebene den Willen zeigen, an der Regierung mitzuwirken; eine organisierte Gesellschaft, die imstande ist, der von Tag zu Tag wachsenden Macht der Regierung oder global agierender Konzerne Paroli zu bieten; die Initiative von Bürgern, die ihre Rechte in Anspruch nehmen und bei der geringsten Intervention aufstehen; öffentliche Kontrolle, die für eine transparente Regierung und Verwaltung mobilmacht und sich gegen die Vermarktung der eigenen Daten zu politischen Zwecken wehrt.

Unverzichtbar gehört heute zur Demokratie, das Existenzrecht des einen Prozents gegen die restlichen 99 Prozent zu schützen. Uns geht es nicht länger darum, Wähler zu sein, die alle vier Jahre ihre Stimme abgeben, sondern Bürger, die sich an der Entwicklung von Politik beteiligen, die ihre Zukunft betrifft, Menschen, die ihren Willen in Entscheidungsmechanismen einbringen. Das nenne ich "aktive Demokratie". Eine Dynamik, die den Kreislauf unserer Königin, die schwerfällig davon geworden ist, bloß alle vier, fünf Jahre zur Wahl zu gehen und bei den anschließenden Machtspielen im Zuschauersessel zu sitzen, in Schwung bringt und sie verjüngt. Ein neues Bürgerverständnis, das uns die Hauptrolle in dem Spiel gibt, bei dem wir bislang nur zugeschaut haben.

Steh auf!

Wir sind mit einem globalen Angriff auf unsere Freiheiten konfrontiert. Dagegen ist vereinzelter Widerstand auf lokaler Ebene zu schwach. Die globale Attacke können wir nur mit globalem Widerstand abwehren. Damit können wir die uns von der Globalisierung zugefügten giftigen Wunden mit einer Medizin heilen, die uns wiederum die Globalisierung bietet. Globalisierung ist nicht unser Gegner, sie ist der Name einer Kraft, die wir uns zunutze machen können. Wenn die Flut, die alle Zufluchtsstätten fortreißt, richtig gelenkt wird, kann sie die Mühlen unseres Engagements für Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit antreiben. Sie kann uns mit Menschen, die anderswo auf unserem Planeten für Freiheit kämpfen, zusammenbringen und lehren, wie wir Unrecht, Rassismus und Populismus gemeinsam bekämpfen können. Mit ihrer Hilfe können wir Menschen, die das Gefühl haben, ganz allein dazustehen, zurufen: "Du bist nicht allein, wir sind da!"

Can Dündar: Tut was!/Bir şey yap! Plädoyer für eine aktive Demokratie/Aktif demokrasi için çağrı; aus dem Türkischen von Sabine Adatepe; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 80 S., 8,– €; erscheint am 5. Juni 2018