Der Unabhängigkeitstag des Jüdischen Staates riecht nach Grillfleisch. Zum Geburtstag ihres Landes stellen Israelis landauf, landab ihren Grill auf, im Park, auf dem Balkon oder der Dachterrasse, eine Tradition, die ebenso zu dem Feiertag gehört wie der Showflug der israelischen Luftwaffe. Dieses Jahr, in dem sich die Staatsgründung zum 70. Mal jährt, wird besonders groß gefeiert: Auch Wochen später schmücken blau-weiße Girlanden noch zahlreiche Balkone und Laternenmasten, flattern israelische Fähnchen auf Kühlerhauben. Ein ganzes Land in Feierlaune? Weit gefehlt: An vielen Orten des Landes ist von blau-weißem Nationalstolz keine Spur. Die Rede ist von arabischen Städten wie Umm Al-Fahm, aber auch von ultraorthodoxen Orten und Stadtteilen wie Bnei Brak und Mea Shearim.

Im Ausland wird oft angenommen, die Ultraorthodoxen, bekannt für ihre kompromisslose Anwendung jüdischer Gesetze, müssten besonders nationalistische Einstellungen pflegen. Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten der Strenggläubigen, in Israel als "Haredim", Gottesfürchtige, bekannt, sind dem modernen jüdischen Staat gegenüber misstrauisch bis feindselig eingestellt. Laut einer Umfrage des Israel Democracy Institute, eines Thinktanks, halten 83 Prozent der Ultraorthodoxen den Unabhängigkeitstag nicht für einen Feiertag. "Die Haredim sind nicht Teil der zionistischen Ideologie", erklärte kürzlich ein ultraorthodoxer Journalist auf der israelischen Nachrichtenseite Mako. In dieser Frage sind die Haredim sich erstaunlich einig mit Israels arabischer Minderheit, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmacht: Unter ihnen betrachten zwei Drittel den Unabhängigkeitstag nicht als Feiertag. Dahinter steht ein tieferes Misstrauen gegenüber dem Staat selbst: Nur eine knappe Mehrheit der israelischen Araber – 59 Prozent – erkennt laut Umfragen Israels Existenzrecht an.

Diese Daten sind bedeutsam, weil die beiden Minderheiten in absehbarer Zukunft zur Mehrheit werden: Nach Berechnungen der israelischen Statistikbehörde werden Araber und Ultraorthodoxe bis 2059 zusammen mindestens 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen, eine gravierende demografische Verschiebung, die sich vor allem aus der hohen Fruchtbarkeitsrate der Haredim ergibt (6,5 Kinder pro Frau). Dieser Tage konzentriert sich die sicherheitspolitische Diskussion in Israel auf Bedrohungen außerhalb der Landesgrenzen: den Machtzuwachs der Hisbollah im Libanon, das Vorrücken des Iran in Syrien, die Unruhen in Gaza. Manche fürchten jedoch, dass eine zunehmend gespaltene Gesellschaft in Zukunft schlechter gewappnet sein wird, den äußeren Bedrohungen die Stirn zu bieten. Zionisten könnten im jüdischen Staat bald in der Minderheit sein, warnt der frühere Mossad-Chef Efraim Halevi. Nur eine "titanische Anstrengung" könne die Gesellschaft in Zukunft zusammenhalten.

Am Unabhängigkeitstag treten die Bruchlinien besonders offensichtlich zutage. Während die meisten jüdischen Israelis feiern, organisieren arabische Aktivisten alternative Zeremonien, um an die Nakba, die "Katastrophe", zu erinnern, die Flucht und Vertreibung Hunderttausender Araber aus ihren Dörfern und Städten während des israelischen Unabhängigkeitskrieges.

"Der Unabhängigkeitstag bedeutet mir nichts", sagt Jihan A., eine 23-jährige Jurastudentin aus dem Norden Israels. "Der Tag erinnert mich an die Geschichte meiner Großmutter, die aus ihrem Dorf vertrieben wurde." Jihan A., eine junge, selbstbewusste Frau, sorgfältig geschminkt, rosafarbenes Kopftuch, spricht fließend Hebräisch, studiert in Tel Aviv und träumt von einer Karriere als Anwältin im israelischen Rechtssystem. Zugleich sagt sie: "Ich identifiziere mich stark als Palästinenserin." Eine Haltung, die unter jungen Arabern in Israel verbreitet ist, wie sich kürzlich an der Universität von Tel Aviv beobachten ließ, als der ägyptische Menschenrechtsaktivist Saad Eddin dort einen Gastvortrag hielt. Seine Rede wurde unterbrochen von arabischen Studenten, die ihn als "Verräter" beschimpften, weil er der "Normalisierung" zwischen Ägypten und Israel das Wort rede. Und während in diesen Tagen die Lage im Gazastreifen eskaliert und über 100 arabische Demonstranten durch israelische Kugeln starben, streikten auf der anderen Seite der Grenze Tausende arabische Israelis in Solidarität mit den Palästinensern.

Komplexer und widersprüchlicher noch ist das Verhältnis der Ultraorthodoxen zum jüdischen Staat. Eine Minderheit steht dem Staat aus theologischen Gründen feindlich gegenüber: Gruppierungen wie Neturei Karta und Satmar glauben, vor der Ankunft des Messias sei jede Art jüdischer Souveränität verboten. Ihre Anhänger kritzeln in ultraorthodoxen Vierteln Slogans wie "Zionisten = Nazis" an Fassaden. Die Mehrheit der Haredim lehnt den Staat wiederum wegen seines säkularen Charakters ab, erklärt Benjamin Brown, Experte für orthodoxes Judentum an der Hebräischen Universität in Jerusalem. "Sie verwenden keine staatlichen Symbole, hissen die Flagge nicht, singen die Hymne nicht", sagt er. "Das ist zu einer Art Tradition geworden."

Das war nicht immer so: Viele Ultraorthodoxe, die in Europa den Holocaust überlebt hatten, begrüßten den Staat, der ihnen eine neue Heimat gab. Erst in den sechziger Jahren kühlte das Verhältnis zum Staat ab, antizionistische Gruppen fanden mehr Gehör. Staatliche Zuwendungen für Großfamilien sowie Stipendien und Wehrdienstbefreiung für Thora-Studenten erlaubten es den Haredim, sich stärker abzuschotten und ihre Söhne zur Jeschiwa zu schicken statt zur Armee oder zur Universität.

"Zionisten – das waren immer die anderen, nicht wir", erinnert sich Avihay Marciano. Der 28-Jährige wuchs in einer ultraorthodoxen Gemeinde in Jerusalem auf und widmete sein Leben dem Thora-Studium, bis er vor acht Jahren der Gemeinde den Rücken kehrte. Heute studiert er Medienwissenschaft in Beersheva und arbeitet als Radiojournalist. An einem verregneten Nachmittag sitzt er in einem Café in Beershevas Altstadt, ein junger, wortgewandter Mann mit Brille und Dreitagebart. "In der Schule haben wir kaum etwas über die Geschichte Israels gelernt", fährt er fort. Wurde Theodor Herzl, der wichtigste Vordenker des Zionismus, überhaupt erwähnt, "dann negativ".

"Die hässliche Herausforderung von Innen"

In manchen kuriosen Momenten treffen sich ultraorthodoxer Antizionismus und propalästinensischer Aktivismus – wenn etwa, wie kürzlich geschehen, Anhänger der israelfeindlichen Neturei Karta ins Westjordanland reisen und die Familie von Ahed Tamimi besuchen, jener 17-jährigen Palästinenserin, die medienwirksam israelische Soldaten ohrfeigte und dafür nun in Haft sitzt. Die Tamimis und die Neturei-Karta-Anhänger posierten für ein Foto gemeinsam mit Palästina-Flagge.

Derartige Bilder sorgen zuverlässig für Aufruhr in Israels sozialen Medien. Manche säkularen Israelis fürchten, die Verbreitung antizionistischer Einstellungen, gekoppelt mit den demografischen Trends, untergrüben schleichend die Fundamente der Gesellschaft. Die Nichtregierungsorganisation Hiddush, die sich für Religionsfreiheit einsetzt, warnt vor "der hässlichen Herausforderung von innen".

Doch ob die Antizionisten auf beiden Seiten sich am Ende in ihren Gemeinden durchsetzen, steht längst nicht fest. Radikal antizionistische ultraorthodoxe Gruppen wie Neturei Karta und Satmar beispielsweise hätten zusammen nicht mehr als 50.000 Anhänger, schätzt Benjamin Brown. Zugleich beobachtet er unter den meisten Haredim "den starken Wunsch, sich stärker zu integrieren".

"Seit einigen Jahren findet unter den Haredim ein Prozess der Israelisierung statt", sagt auch Mosche Prigan. Der 33-Jährige, der sich selbst an der "Peripherie" der ultraorthodoxen Gemeinde verordnet, engagiert sich dafür, ultraorthodoxe Männer für den Wehrdienst zu gewinnen. "Die Zahlen der Haredim, die zur Armee gehen, steigen dramatisch", sagt er. "Und es gibt eine ultraorthodoxe Mittelschicht, die offener und pragmatischer ist." Avihay Marciano, der Aussteiger, glaubt: "Die nächste Generation wird toleranter und moderater sein."

Auch unter der arabischen Minderheit ist das Bild dann doch komplexer, als es den Anschein hat. "Zum einen werden ihre Einstellungen antiisraelischer", sagt der Soziologe Gideon Aran von der Hebräischen Universität. "Zum anderen wird ihr Lebensstil israelischer. Ihr Arabisch ist voller hebräischer Wörter, sie kleiden sich wie Israelis, sind Fans derselben Fußballvereine, sehen dieselben Filme." Umfragen legen nahe, dass die Verlockungen des guten Lebens stärker wirken als Ideologie: 77 Prozent der Araber geben an, sie würden lieber in Israel bleiben, als in einen zukünftigen palästinensischen Staat zu ziehen. Und die Zahl muslimischer Araber, die sich freiwillig zum Dienst in der israelischen Armee melden, ist zwar klein – 490 waren es 2017 –, wächst jedoch, ähnlich wie bei den Haredim, seit Jahren.

Ob sich die weltanschaulichen Klüfte in den kommenden Jahren vertiefen oder verengen werden, hängt von vielem ab: dem Geschick des Staates, bei der Integration der Minderheiten die richtige Balance zwischen Druck und Anreiz zu finden; dem Ringen zwischen moderaten und radikalen Wortführern innerhalb der Gemeinden; der Entwicklung des palästinensisch-israelischen Konflikts; und schließlich der Bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft, mit manchen Unterschieden in Lebensstil und Haltung zu leben. Im Augenblick stehen die Zeichen eher auf Sturm.

Was wird wohl dann aus dem Unabhängigkeitstag? Mosche Prigan ist optimistisch, dass zumindest die ur-israelische Tradition der Grillfeier Bestand haben wird. "Für Haredim hat der Begriff 'Feiertag' eine religiöse Bedeutung, deshalb können sie den Unabhängigkeitstag nicht so bezeichnen", erklärt er. "Aber auch Haredim gehen zum Grillen in den Park." Dort könnten sie auf jene nicht wenigen arabischen Mitbürger treffen, die den freien Tag ebenfalls lieber vorm Grillrost verbringen als auf politischen Demonstrationen.

"Was eine Person ausmacht, sind nicht nur ihre Antworten in Umfragen, sondern auch, was sie isst", sagt der Soziologe Aran Gideon. Sollte er recht haben, ist der Prozess der Israelisierung 70 Jahre nach der Staatsgründung nicht aufzuhalten.