Ich komme seit über dreißig Jahren regelmäßig nach Berlin. Seit vielen Jahren gehe ich dort an meinem ersten Tag auf den Olivaer Platz in Charlottenburg. Ich sitze auf den Parkbänken. Ich gehe in ein Café, von dem aus ich den ganzen Platz sehen kann. Der Olivaer Platz war der Lieblingsort meines Vaters, der im Berlin der dreißiger Jahre aufwuchs. Seine Großeltern Jakob und Rosa wohnten um die Ecke auf dem Kurfürstendamm.

Sie wohnten nur wenige Häuser von der Synagoge in der Fasanenstraße entfernt, in der mein Urgroßvater Magnus Davidsohn von 1912 bis zu ihrer Zerstörung in der "Reichskristallnacht" als Hauptkantor tätig war. Die glücklichsten Erinnerungen meines Vaters an seine Kindheit in Berlin stammen vom Spielen auf dem Olivaer Platz. Auf dem Olivaer Platz wurde mein Vater auch häufig hart geschlagen, einmal so sehr, dass er bewusstlos wurde und das Kindermädchen ihn blutend nach Hause zu seiner Mutter tragen musste. Diese Erinnerung ist für mich ein guter Ausgangspunkt für eine Diskussion über deutsche Emanzipation.

Als ich 1985 zum ersten Mal nach Berlin kam, nahm ich an einem Austausch zwischen dem amerikanischen Kongress und dem Deutschen Bundestag teil und lebte für ein Jahr bei einer Gastfamilie im Ruhrgebiet. Ein Bestandteil dieses Austauschstipendiums war eine Reise nach Berlin, wo wir von Vertretern des Deutschen Bundestages begrüßt und durch die Stadt geführt wurden. Danach sprach der damalige Präsident des Deutschen Bundestages, Philipp Jenninger, zu unserer Gruppe. In seiner Rede bedauerte er das Leid der Deutschen. Allerdings sprach er nicht über das Leid meiner deutschen Familie. Stattdessen sprach er ausführlich über die etwa einhundert Deutschen, die im letzten Vierteljahrhundert bei dem Versuch getötet wurden, über die Berliner Mauer zu entkommen, und über die Familien, die durch die Teilung des Landes getrennt waren.

Auch meine Familie ist durch die Teilung dieses Landes getrennt worden. Mein Großvater erhielt sein Visum für London 1938. Meine Großmutter Ilse blieb mit meinem Vater zurück und erlebte den Terror der "Reichskristallnacht", bis beide auf wunderbare Weise und im letzten Augenblick doch noch eine Einreisegenehmigung für die Vereinigten Staaten erhielten. Mein Vater und sein Vater waren noch ein weiteres Jahrzehnt lang voneinander getrennt, was die sonst üblicherweise entstehende enge Bindung zwischen Vater und Sohn unmöglich machte. Meine deutsche Familie wurde auch in dieser Stadt zerrissen und entwurzelt.

Im Berlin des Jahres 1985 fragte ich mich oft, warum die Zerstörung meiner Familie nicht mit Denkmälern in den Straßen der Stadt oder in den Ansprachen für uns Austauschstudenten gewürdigt wurde. In dieser Hinsicht hat sich viel geändert, aber diese Änderungen sind noch recht neu. Als Kind Berliner Juden begrüße ich diesen Wandel sehr. Für die längste Zeit meines Erwachsenenlebens war die Geschichte, das Erbe und das Schicksal der Juden Berlins nicht sichtbar. Die neuen Denkmäler in Berlin haben mein Verhältnis zu dieser Stadt grundlegend geändert. Aber sie verdecken auch wichtige Aspekte von Deutschlands Verhältnis zu seiner Vergangenheit.

Deutschland wird überall als ein vorbildliches Land dargestellt, als das einzige Land, das sich jemals ehrlich seinen Verbrechen gestellt hat. Die ganze Welt ist dem Klischee verfallen, dass Deutschland seine Vergangenheit "aufgearbeitet" habe. Deutschland wird als einzigartiges Beispiel einer moralischen Nation hochgehalten, einer Nation, die ihrer Geschichte ehrlich ins Gesicht schaut, Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung. Doch wann soll dieser Moment der Abrechnung gewesen sein, an dem Deutschland sich seiner Vergangenheit gestellt hat?

Der Historikerstreit spielte sich Mitte bis Ende der Achtziger ab. Eine allgemein angenommene Voraussetzung für diese Debatte ist, dass die deutsche "Vergangenheitsbewältigung" zu diesem Zeitpunkt bereits seit einer Weile im Gange war. Eigentlich muss die Bewältigung sogar schon lange davor stattgefunden haben, da einer der zentralen Streitpunkte war, dass es doch nun langsam Zeit sei, die Bewältigung endgültig abzuschließen. Ich bin Mitte der achtziger Jahre, etwa zur Zeit des Historikerstreits, in Deutschland zuerst auf das Gymnasium und später zur Universität gegangen. Die Annahmen des Streits überraschen mich nicht. Denn damals versicherte mir jeder, den ich traf, manchmal mit ärgerlicher Ablehnung, dass Deutschland ausreichend aufgearbeitet habe.