Wenn Daimler-Chef Dieter Zetsche nächste Woche nach Berlin fährt, reist der 65-Jährige wie ein Sportler mit positiver Dopingprobe im Gepäck. Dabei hat kein anderer Autokonzern seit Bekanntwerden des Dieselskandals 2015 so selbstbewusst und konsequent eigene Manipulationen geleugnet wie Daimler. Im Januar 2016 behauptete Zetsche in einem Interview: "Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert." Nun muss sich auch sein Unternehmen vorwerfen lassen, Tausende Kunden getäuscht zu haben.

Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) hat im Mercedes Vito, einem Lieferwagen, eine manipulierte Abgasreinigung entdeckt. Die Stickoxide, die dieser Motor auf der Straße ausstößt, sind den Messungen zufolge viel höher als im Labor. "Das ist vorsätzlich geschehen und schlicht illegal", sagt eine mit den Vorgängen im Verkehrsministerium vertraute Person. Demnach wird während der Abgasreinigung zu wenig Harnstofflösung – sogenanntes AdBlue – zugeführt, um Stickoxide in harmlosen Stickstoff und Wasser umzuwandeln. Daimler hatte die Markteinführung von AdBlue einst mit dem Werbespruch "Emission Impossible" beworben.

Bereits vergangene Woche traf Zetsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) in dessen Amtssitz und konnte nicht lückenlos erklären, welche Daimlermotoren überhaupt betroffen sind. Das Unternehmen bekam 14 Tage Zeit, um Antworten zu geben. Daimler bestreitet, dass die Abschalteinrichtungen gesetzeswidrig sind. Derzeit geht es laut Ministerium um rund 5.000 Autos, doch das ist erst der Anfang.

Das KBA hat nach ZEIT-Informationen auch die C-Klasse getestet. Ergebnis: fast deckungsgleich zum Vito. "Die AdBlue-Einspritzung wird auch bei diesen Fahrzeugen in bestimmten Situationen abgestellt", sagt jemand, der die Testergebnisse kennt. In den nächsten Wochen soll Daimler angehört werden. Sollten die Experten recht behalten, könnte bis zu jeder fünfte Mercedes auf deutschen Straßen betroffen sein. Internen Schätzungen der Verwaltung zufolge wären dies bis zu 900.000 Autos.

Diese Zahl ärgert die Beamten besonders. Denn sie ist – ebenso wie die Auswahl der Autos – fast identisch mit jener knappen Million Mercedes-Fahrzeuge, denen Dieter Zetsche im August 2017 ein Software-Update der Motorsteuerung in Aussicht stellte. Vordergründig sollten damit Stickoxid-Emissionen reduziert und Fahrverbote vermieden werden. Doch nun kursiert im Kraftfahrtbundesamt und im Verkehrsministerium ein Verdacht: Sollten die manipulierten Diesel auf diesem Wege nachträglich sauber werden?

Im Frühjahr teilte Daimler dem Verkehrsministerium nach ZEIT -Informationen unvermittelt mit, dass dieses Update statt bis Ende 2018 wohl bis 2020 dauere. "Da ist dem Minister dann der Kragen geplatzt", heißt es aus der Behörde. Gleich beim ersten Besuch kündigte der Minister Zetsche ein Ende der Schonzeit an und drohte mit einem Ordnungsgeld in Höhe von 5.000 Euro. Je Fahrzeug.