Ich atme. Ich esse gern Chips. Ich muss auf die Toilette, wenn ich viel Wasser trinke. Ich unterschreibe Verträge, ohne die allgemeinen Geschäftsbedingungen zu lesen. Ich bin nichts Besonderes.

Der letzte Vertrag, bei dem ich die AGB nicht gelesen habe, war eine Mitgliedschaft bei McFit. Eine Frau mit "Trainer"-Aufdruck auf ihrem Shirt reichte ihn mir, sie war sehr freundlich, wir hatten das gleiche Sternzeichen. Also habe ich ihr meine EC-Karte gegeben und fünfmal irgendwo "A. Mayr" hingeschrieben. Natürlich habe ich sie nicht gebeten, mir etwas Zeit zu lassen, damit ich mir alles noch mal in Ruhe durchlesen kann. Wie denn auch? Ich hätte auf einem Barhocker gesessen, zwanzig Minuten lang, umgeben von schwitzenden Muskelshirtträgern und quietschenden Schulterpressen. Die nette Trainerin hätte in meinem internen McFit-Profil vermerkt: "Achtung, Pedantin!" Habe ich überhaupt so was wie ein McFit-Profil? Bestimmt steht das irgendwo in den AGB.

Es ist schließlich Deutschland. Das denke ich oft, wenn ich Verträge unterschreibe. Oder wenn ich online den "Ich habe die allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen"-Haken setze, der immer gelogen ist. Hier wird mir schon kein Dreijahresvertrag für ein Thaimassage-Studio untergejubelt werden, wenn ich beim Zahnarzt den Zusatzkosten zustimme. Ich habe ein Urvertrauen in die Gesetzgebung dieses Landes. Deshalb unterzeichne ich Verträge mit der Haltung, mit der Kinder von Bäumen springen: Mama steht bestimmt unten und fängt mich auf. Es wird Gesetze geben, die mich schützen. Gesetze, die meine Faulheit abfedern. Glaube ich. Gelesen habe ich keine.

Dann kam diese Sache mit Cambridge Analytica. "Trumps Wahlerfolg und das Facebook-Rätsel", titelte Spiegel Online. "Wie sich Facebook-Nutzer für Wahlen manipulieren lassen", schrieb die Wirtschaftswoche. Viele Daten waren weitergegeben worden. Daten von Menschen, denen es – wie mir – egal war, was mit ihren Informationen passiert. Die irgendwo ein Häkchen gesetzt haben, ohne in den Nutzungsbedingungen nachzulesen, dass Facebook Informationen eben an Dritte weitergibt.

"Schlimm, diese transnationalen Datenkrakenkonzerne", könnte ich jetzt sagen und meine Social-Media-Konten löschen. Und dann? Briefe statt Facebooknachrichten schicken? Morse-Code lernen?

Vielleicht sollte ich mir all diese Verträge doch einmal ansehen. Im Grunde sind sie ja so etwas wie die letzten weißen Flecken auf der gesellschaftlichen Landkarte. Wir alle wissen, dass da etwas existiert. Aber wir gehen nicht hin. Wir scrollen drüber hinweg.

Ich werde aufbrechen in dieses unbekannte AGB-Land. Ich werde anfangen zu lesen. Alles. Einen Monat lang werde ich keinen Vertrag mehr abschließen, kein Zugticket kaufen und keinen Brief mehr verschicken, ohne vorher die allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen zu haben. Und die Datenschutzrichtlinien gleich noch dazu. Schließlich bekomme ich das alles wegen der Datenschutzgrundverordnung sowieso ständig zum Abnicken vorgesetzt.

Facebook, Instagram, WhatsApp, Twitter. Damit fange ich an und erfahre: Man darf Facebook nicht nutzen, wenn man ein verurteilter Sexualstraftäter ist. Man darf sich nicht mit einem falschen Namen anmelden. Jedes Bild, das ich hochlade und veröffentliche, gehört zwar mir – Facebook, Instagram und Twitter dürfen es jedoch nutzen, verbreiten, kopieren, verändern, zeigen, veröffentlichen, wie sie möchten. So schreiben sie das. Facebook beruhigt zwar: Die Fotos sollen nur anderen Nutzern vorgeführt werden. Soll ich das glauben? Ich muss wohl. Denn den Nutzungsbedingungen widersprechen hieße: Alle meine Profile löschen, ein Seniorenhandy kaufen und in den Wald ziehen. Aber ich will ein iPhone. Ich will twittern. Ich will Pizza mit PayPal zahlen.

Lektion 1.01: Niemand liest im Netz AGB, weil man ihnen sowieso zustimmen muss.

Es ist ein Donnerstagabend, 18.30 Uhr, als ich in der Tram nach Hause eine Pizza bestellen will. Eigentlich einfach: Spinat und Ricotta beim Lieblingsitaliener, 10,90 Euro. Trotzdem sitze ich um 19 Uhr immer noch an meiner Haltestelle und hänge auf der Website von lieferando rum, um die AGB und die Datenschutzvereinbarung zu lesen. Vertragsgegenstand, Parteien, Vertragsschluss. Abwicklung des Vertrags zwischen Anbieter und Dienstleister. Ich kriege Kopfschmerzen.

Was mir nicht nur bei lieferando auffällt: Irre, mit wie vielen Firmen gleichzeitig ich mit nur einer Unterschrift Verträge eingehen kann. Bei meiner Heimat-Lokalzeitung etwa, den Ruhr Nachrichten, frage ich den Kundenservice, wieso meine Daten an die polnische Firma Salesmanago weitergegeben werden. Salesmanago fertigt unter anderem Verhaltensprofile von Nutzern und hilft, zu verfolgen, wer eine Seite wann besucht hat. Die Antwort der Ruhr Nachrichten: "Wir arbeiten schon lange nicht mehr mit Salesmanago zusammen. Die AGB sind veraltet. Der zuständige Kollege wird das nach seinem Urlaub ändern."

Lektion 1.02: Niemand interessiert sich für AGB. Nicht einmal die Firmen.

Meine letzte Hoffnung ist die Deutsche Post

Ich brauche jemanden, dem AGB nicht egal sind. Also rufe ich Sven Kohlmeier an. Er ist Anwalt für Vertragsrecht. Und er spricht mit einem Berliner Dialekt, in den ich mich direkt hineinfallen lassen würde. Er erklärt mir, dass ich wohl keine geheimen Botschaften oder fiesen Verschwörungen finden werde. Denn tatsächlich kann man in AGB nicht einfach reinschreiben, was man will. "Es gibt Gesetze, die regeln, welche Klauseln erlaubt sind", sagt er. Ich stelle mir das so vor: Wenn Verträge Avocados wären, wären AGB das grüne Fruchtfleisch. Firmen dürfen es aushöhlen, salzen, Zitrone drüberträufeln, also Vertragslaufzeiten reinschreiben, Haftungsausschlüsse, Daten-Vereinbarungen. Sie können vieles hinzufügen, was sie absichert oder ihnen Vorteile verschafft – aber am Ende ist da immer der harte, braune Kern des Gesetzes, der sich nicht zerschneiden lässt. Im Gesetz steht etwa, dass ein Vertrag nicht länger als 24 Monate bindend sein kann. Und dass Klauseln, die für Kunden überraschend sind, ungültig werden. Wenn ich also bei Zalando ein Kleid bestelle, wäre es überraschend, wenn in den AGB stünde, dass direkt ein passendes Paar Schuhe mitgeschickt wird. Das wäre nicht erlaubt.

Für mein Experiment ist aber ein anderer Hinweis von Anwalt Kohlmeier wichtiger: "AGB sind nur dann gültig, wenn man sie dort, wo der Vertrag geschlossen wird, auch lesen kann." In Filialen müssen sie irgendwo hängen, im Internet muss ich sie ausdrucken können.

Nach dem Telefonat mit Sven Kohlmeier gehe ich wacher durch die Welt. Auf Internetseiten komme ich ja nicht drumherum, die AGB zumindest wahrzunehmen – und sei es nur, weil ich einen Haken in eine kleine Box setzen muss. In meinem Offline-Leben habe ich sie bis jetzt übersehen. Aber seit ich von ihnen weiß, sind sie überall: Beim Media Markt hinter der Kasse, im Parkhaus unter der Liste mit den Preisen.

Bei der Deutschen Bahn heißen die AGB "Beförderungsbedingungen" und sind 206 Seiten lang. Ich habe alles gelesen, natürlich vor dem Einsteigen. Auf meiner Fahrt im ICE von München nach Hamburg zweifle ich zum ersten Mal daran, ob mein Experiment mir wirklich guttut. Die Frau, die mir am Tisch gegenübersitzt, hat ihre Tasche auf den Sitz gestellt. Ich denke sofort an Paragraf 6.1, Allgemeine Verhaltenspflichten: Jeder Reisende darf nur einen Sitzplatz belegen. Außerdem hat sie ihren Yorkshire-Terrier dabei, der ohne Behältnis auf ihrem Schoß sitzt und keinen Maulkorb trägt. Nachzulesen in Absatz 7.3., Stichpunkt Tiere. Als die Schaffnerin vorbeigeht, hoffe ich, dass sie die Frau ermahnt. Aber sie nickt dem Hund noch freundlich zu!

Eine halbe Stunde nachdem mein Zug abgefahren ist, will ein dicker Mann mit blauem Anzug meinen Sitzplatz, er hat ihn reserviert. Kennt denn hier keiner die Regeln? Der Anspruch auf den reservierten Sitzplatz erlischt, wenn er nicht 15 Minuten nach Abfahrt des Zuges eingenommen wurde! Absatz 5.1. Natürlich glaubt er mir das nicht: "Ich habe extra fünf Euro dafür bezahlt!" Alle Plätze um uns herum sind frei. Wer ist jetzt der größere Pedant: Ich, wenn ich auf die Beförderungsbedingungen verweise? Oder er, wenn er sich nicht einfach woanders hinsetzen kann? Damit nicht extra der Zugführer kommen muss, um die Sache zu klären, Paragraf 19, stehe ich auf. Persönliche Kulanz.

In dieser Phase meines AGB-Monats fühle ich mich sehr mächtig und sehr einsam zugleich. Mächtig, weil ich weiß, was meine Rechte und Pflichten sind. Einsam, weil sich niemand außer mir selbst für meine Rechte und Pflichten interessiert.

Meine letzte Hoffnung ist die Deutsche Post. Ein Unternehmen, das von Papierkram lebt, wird wohl auch selbst eine ausgeprägte Leidenschaft für Klauseln und Widerspruchsformulare haben. Außerdem ist das hier ja immer noch Deutschland – und ein Unternehmen, das ewig lang staatlich war. Also trete ich an einem Mittwoch um 10 Uhr feierlich vor den Postschalter: "Guten Morgen, ich würde gern diesen Brief abschicken. Aber vorher möchte ich die allgemeinen Geschäftsbedingungen zum Versand lesen." Der Postmann schaut den Brief an. Ein ziemlich stinknormaler A5-Umschlag, mit Klebestreifen verschlossen, adressiert an meinen Bruder, der in ein paar Tagen zwölf Jahre alt wird.

"Was wollen Sie denn wissen?", fragt der Postmann.

"Nichts Bestimmtes", sage ich, "ich will einfach nur die allgemeinen Geschäftsbedingungen lesen."

"Ich wüsste jetzt nicht, dass wir so was hier haben", sagt er.

"Und was ist mit der Datenschutz-Vereinbarung?", frage ich.

Seit dem Gespräch mit Herrn Kohlmeier ist mir nichts mehr peinlich. Natürlich habe ich die Brief-AGB längst im Internet gelesen – es steht zum Beispiel drin, dass man kein Geld mit der Post verschicken darf und Gutscheine nur bis zu einem Wert von 25 Euro – aber es steht mir zu, dass das hier hängt. Der Postmann sieht mich immer verzweifelter an. "Von der Postbank hätte ich vielleicht was", sagt er, "ich arbeite ja eigentlich für die Postbank. Post machen wir hier nur so nebenbei."

Er schaut hektisch an mir vorbei zu den wartenden Kunden.

"Wo gibt es denn eine Post-Post?", frage ich, "also ohne Bank, nur Post."

"Gibt es nicht mehr, so weit ich weiß."

"Das heißt, in keiner Postbank-Filiale hängen die AGB der Post?"

"Ich kenne ja nur diese Filiale hier."

Ich bin eine Sehende unter Blinden

Auf den Umschlag, der zwischen uns liegt, habe ich "Öffnen am 23.4." geschrieben, der Geburtstag meines Bruders, und einen Smiley danebengemalt. Postbankmann oder Postmann, AGB hin oder her, das Ding braucht jetzt eine Briefmarke.

"Na ja, gut. Kann ich jetzt nichts machen", sage ich und schiebe den Brief zum Postbankmann rüber.

"Möchten Sie eine Quittung?"

"Sehr gern. Aber hat denn wirklich noch nie jemand nach den AGB gefragt?"

"Nö. Sie sind die Erste."

Als ich auf meinem Weg nach draußen an einer Schlange von etwa 20 Menschen vorbeigehe, lächle ich in ihre genervten Gesichter. Ich weiß, was sie nicht wissen: Hier läuft etwas gehörig falsch. Ich habe Gesetzbücher gelesen. Und AGB. Und Datenschutzvereinbarungen. Ich bin eine Sehende unter Blinden.

Draußen vor der Postbank-Filiale schreibe ich Sven Kohlmeier, dem Vertragsrecht-Anwalt, eine Mail. Er soll mich bestätigen: "Wenn in der Post nirgends AGB hängen, dann sind sie doch ungültig?" Er antwortet mit Paragraf 305 BGB, Absatz 2. Darin steht, wenn auch sehr kompliziert formuliert, dass ich recht habe. Außerdem weist er mich darauf hin, dass die Postbank seit Herbst 2017 der Deutschen Bank gehört. Der Postmann, der eigentlich ein Postbankmann ist, ist also in Wirklichkeit ein Deutschebankmann. Und er klebt Briefmarken auf Umschläge und sortiert Pakete, ohne dass es dafür AGB gibt. Das ist nicht mehr mein Deutschland!

Lektion 1.03: Dieses Land ist gar nicht so bürokratiebesessen, wie man denkt.

Ich habe mir Mühe gegeben. Ich wollte ein System verstehen, Klauseln, Paragrafen. Aber was ich vor allem verstehe: Es interessiert alles überhaupt niemanden.

Also versuche ich, meine Freunde zu überzeugen. Davon, wie weise ich geworden bin. Wie mächtig. "Wusstest du", frage ich eine Freundin, "dass du bei Zalando Einspruch gegen die fünf Euro Mahngebühren erheben könntest?" Das steht im Gesetz: Firmen müssen beweisen können, dass ihre Mahngebühren gerechtfertigt sind. Dass ihnen also wirklich ein Schaden von fünf Euro entstanden ist, weil ich den Überweisungsträger mal wieder wochenlang in den Abgründen meines Kleiderschranks verschlampt habe. Meine Freundin nickt ein lang gezogenes Nicken. Ich gucke in leere Augen.

Ein Monat. 30 Dokumente. 400 Seiten in sehr, sehr kleiner Schrift. Die Erkenntnis? Na ja. Die Deutsche Post hat mir auf meine Anfrage geantwortet, dass natürlich alle Filialen, in denen Briefe verschickt werden, die Brief-AGB aufhängen müssen. Der Online-Shop asgoodasnew.com hat direkt bei meiner ersten Anfrage geschrieben, dass ich die Datenschutzerklärung nicht unterschreiben muss, wenn ich nicht will. Und beim Mail-Anbieter web.de steht zwar in den AGB, dass man keine pornografischen Inhalte verschicken darf. Aber als ich zu Recherchezwecken ein Bild von meinem Hintern mit der Betreffzeile "Test Porno" versandt habe, geschah: nichts.

In der neuen Datenschutz-Grundverordnung der EU (ja, ich habe sie gelesen) steht das Wort "Datenminimierung" – das heißt, dass Unternehmen einen konkreten Zweck verfolgen müssen, wenn sie Daten verarbeiten. Datenminimierung, schön. Aber viel wichtiger wäre eine generelle Klauselminimierung. Ein Gesetz, das es verbietet, quatschige Paragrafen aufzuführen, die sowieso niemand umsetzt, weil niemand sie kennt.

In meinem AGB-Monat habe ich jeden Tag eine Mail an einen anderen Kundenservice verschickt. Ich habe Fragen gestellt, obwohl ich viele Antworten erahnte. Denn die Klauseln, nach denen ich gefragt habe, sind Bullshit. "Liebe Deutsche Bahn, in Ihren Beförderungsbedingungen steht, dass Menschen mit ansteckenden Krankheiten nicht Bahn fahren sollen. Wie überprüfen Sie das?" Natürlich steht bei der Bahn kein Schaffner mit dem Fieberthermometer an der Zugtür und kontrolliert.

Ich will ein Gesetz, das festlegt, dass AGB maximal zehn Stichpunkte haben dürfen. Dann müssten wieder alle Unternehmen Mails verschicken: "Wir haben unsere AGB gekürzt. Bitte bestätigen Sie sie erneut." Unternehmen, die sich nicht an das Gesetz hielten, würden sanktioniert: Der gesamte Vorstand muss die Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn lesen.

Ich werde eine Petition dafür starten. Ganz sicher. Sobald ich mich aufraffen kann, die neun Seiten AGB von change.org zu lesen.